Milchvermarktung

Kampfansage an den Preisdruck


Verbraucherinitiative will Bio-Milch für 1,45 € je Liter ab Juli ins Supermarktregal bringen.
Du bist hier der Chef
Verbraucherinitiative will Bio-Milch für 1,45 € je Liter ab Juli ins Supermarktregal bringen.

Eine exakt nach Verbrauchervorgaben produzierte Frischmilch oder der direkte Handel mit dem Landwirt der Wahl: Im Lebensmittelmarkt entstehen neue Vertriebskonzepte. Plattformen verbinden Interessenten

„Du entscheidest“ lautet der Claim in der Ernährungspolitik von Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU). Gemeint ist der Verbraucher, der mit seiner Kaufentscheidung am Supermarktregal Einfluss nehme, unter welchen Bedingungen Lebensmittel produziert werden – und wie viel Geld Landwirte mit ihnen verdienen. Gerade letzterer Punkt ist heikel: Die asymmetrisch verteilte Macht in der Wertschöpfungskette Lebensmittel zugunsten einer guten Handvoll Supermarktkonzerne ist spätestens seit den Bauernprotesten von „Land schafft Verbindung“ ein Politikum.

Verbraucher stimmen online ab

Mit dem Versprechen, den zunehmend anspruchsvollen Verbrauchern genau die Lebensmittel zu bieten, die sie haben wollen, und den Landwirten dafür einen fairen Preis zu zahlen, tritt die internationale Initiative „Du bist hier der Chef! Die Verbrauchermarke“ seit Sommer 2019 in Deutschland an. Der Verein ist außerdem in Frankreich, Belgien und Griechenland aktiv. Ende Juli dieses Jahres soll als erstes Produkt eine Frischmilch der Marke in den Regalen „eines der beiden Vollsortimenter“ im hiesigen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) erhältlich sein, sagt Nicolas Barthelmé, Gründer der deutschen Organisation. Danach können Verbraucher online darüber abstimmen, ob das nächste „Du bist hier der Chef“-Erzeugnis Apfelsaft, Kartoffeln oder Eier sein sollen. Und auch die Produktionsstandards können sie per Online-Abstimmung festlegen.

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Die unverbindliche Preisempfehlung für die kurz vor der Listung stehende Biomilch liegt bei 1,45 € je Liter. Sie wird laut Barthelmé von der Upländer Bauernmolkerei in Nordhessen produziert. „Von diesem Preis bekommt der Landwirt 58 Cent je Liter, garantiert für drei Jahre“, so Barthelmé. Das sei deutlich mehr als der Marktpreis für Biomilch von 46 bis 47 Cent je Liter. Teuer machen das Erzeugnis die Vorgaben der knapp 10.000 Verbraucher, die in einer Online-Befragung von Dezember bis März über die Produktionsstandards entschieden haben. Gewünscht war außer der Tatsache, dass es sich um eine Biomilch handeln soll, unter anderem auch, dass die Kühe nur regional erzeugtes Futter bekommen. Des Weiteren votierten die Konsumenten für eine möglichst klimaneutrale Produktion. „Von dem Verkaufspreis jeder Milchtüte fließt außerdem ein Cent in einen Unterstützungsfonds. Die Verbraucher entscheiden darüber, welche Produktionsweisen sie über diesen Fonds fördern“, so Barthelmé weiter. Unterstützt werden sollen nach dem Willen der Verbraucher unter anderem die Umstellung konventioneller Betriebe auf Bio oder die Kälberaufzucht bei der Mutterkuh.

Robuste Nische in Frankreich

Laut Barthelmé beteiligen sich rund 20 landwirtschaftliche Betriebe in einer Größenordnung von 100 bis 150 Kühen an dem Projekt. Der 45-Jährige ist optimistisch für dessen Erfolg. In Frankreich, wo die Initiative unter dem Namen „Cést qui le patron?!“ (auf Deutsch: „Wer ist hier der Chef?!“) Ende 2016 zur Milchpreiskrise an den Start ging, hat sie eine respektable Nische erobert: 15 Millionen Verbraucher würden die rund 30 Produkte der Marke von der Milch über Hackfleisch bis hin zu Eiern regelmäßig kaufen. „Bei der Milch erzielt nicht nur unsere Verbrauchermarke höhere Preise. Auch Handelsmarken werden in Frankreich inzwischen zu besseren Konditionen gelistet“, sagt Barthelmé.

In der Ernährungsindustrie seien innovative und nachhaltige Vermarktungsideen ebenfalls vorhanden, scheiterten aber häufig an den Kosten, berichtet Barthelmé über seine langjährigen Erfahrungen aus den Marketing-Abteilungen verschiedener Unternehmen der hiesigen Ernährungsindustrie. „Die Agrarwende bekommt man so nicht umgesetzt – auch wenn sie für die Industrie lebensnotwendig ist“, ist Barthelmé überzeugt. Er selbst habe sich deshalb dazu entschieden, sich Vollzeit dem basisdemokratischen „Bottom up“-Projekt zu widmen.Von einem Wunsch der Verbraucher, sich den vorherrschenden Vermarktungsstrategien zu entziehen, ist auch Dr. Julia Köhn, Gründerin der Plattform Pielers, überzeugt. Auf pielers.de können Kunden bei individuellen Landwirten Produkte wie Käse, Fisch oder Fleisch bestellen. Generell seien Landwirte von den vorherrschenden Vermarktungsstrukturen, die von wenigen Spielern im LEH dominiert würden, „frustriert“ und fühlten sich abhängig. Der direkte Handel zwischen Landwirt und Erzeuger sorge auf beiden Seiten für Transparenz, sagte Köhn kürzlich auf der Start-up-Messe Innovate. Ein weiteres Beispiel wäre die Plattform Marktschwärmer, die Verbraucher und regionale Landwirte über einen Online-Shop zueinanderbringt: Der Verbraucher bestellt und bezahlt regionale Lebensmittel online, die er dann einmal pro Woche bei „seinem“ Erzeuger abholt. So sollen die regionale Wertschöpfung gefördert und Landwirt und Kunde miteinander in Kontakt gebracht werden.

Kein Corona-Boost für den Regio-Trend

Unterdessen will sich Nicolas Barthelmé seinen Optimismus durch die Covid-19-Pandemie nicht nehmen lassen: Eine bewusste, gesunde Ernährung gewinne vor dem Hintergrund der Krise eher noch an Bedeutung, die Unterstützung regionaler Wertschöpfungsketten ebenfalls. Eine Umfrage des Deutschen Instituts für Lebensmitteltechnik (DIL) unter rund 1.000 repräsentativ ausgewählten Verbrauchern in der 2. Aprilhälfte kommt zwar zu dem Ergebnis, dass die Befragten mehr Geld für Lebensmittel ausgeben und ihnen generell eine höhere Bedeutung beimessen. Ein Trend zu mehr ökologisch oder regional erzeugten Produkten ließe sich anhand der Daten aber nicht erkennen, stellt das DIL fest.

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  1. Marcus Wewer
    Erstellt 3. Juni 2020 16:35 | Permanent-Link

    Topp. Ich finde es super. Gratulation an die Upländer Bauernmolkerei. Viel Erfolg.

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