Nature-Studie

„Alarmierender“ Insektenschwund rund um Ackerflächen

Die neue Studie in der Fachzeitschrift Nature gibt dem Biodiversitätsschutz Rückenwind.
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Die neue Studie in der Fachzeitschrift Nature gibt dem Biodiversitätsschutz Rückenwind.

Ein Forscher-Team um die Technische Universität München stellt in der renommierten Fachzeitschrift Nature eine Studie zum Insektenschwund vor, die aus landwirtschaftlicher Sicht unvorteilhaft ist. Bundesagrarministerin Klöckner will das Papier „sehr genau prüfen“.

Auf vielen Flächen leben heute etwa ein Drittel weniger Insektenarten als noch vor einem Jahrzehnt. Das hat jetzt ein internationales, von der Technischen Universität München (TUM) angeführtes Forschungsteam herausgefunden. Vom Artenschwund betroffen sind der Untersuchung zufolge vor allem Wiesen, die sich in einer stark landwirtschaftlich genutzten Umgebung befinden – aber auch Wald- und Schutzgebiete. Die Wissenschaftler haben eine Vielzahl von Insektengruppen in Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg erfasst und stellen die Auswertung der Studienergebnisse nun in der Fachzeitschrift „Nature“ vor. 

Auf den Insektenschwund haben in den vergangenen Jahren mehrere Untersuchungen hingewiesen, unter anderem die viel beachtete „Krefelder Studie“. Doch nach Angaben der TUM konzentrierten sich bisherige Studien entweder ausschließlich auf die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller Insekten, oder auf einzelne Arten oder Artengruppen. „Dass tatsächlich ein Großteil aller Insektengruppen betroffen ist, war bisher nicht klar“, sagt Dr. Sebastian Seibold, Forscher am Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der TUM. 

Die Forscherinnen und Forscher haben auf 300 Flächen rund eine Million Insekten gesammelt. Sie konnten laut Studie nachweisen, dass viele der fast 2.700 untersuchten Arten rückläufig sind. Einige seltenere Arten wurden in den vergangenen Jahren in manchen der beobachteten Regionen gar nicht mehr gefunden. Sowohl auf den Waldflächen als auch auf den Wiesen zählten die Forscher nach zehn Jahren etwa ein Drittel weniger Insektenarten. 

„Bisher war nicht klar, ob und wie stark auch der Wald vom Insektenrückgang berührt ist“, sagt dazu Seibold. Das Team stellte fest, dass die Biomasse der Insekten in den untersuchten Wäldern seit 2008 um etwa 40 Prozent zurückgegangen war. Im Grünland seien die Ergebnisse noch „alarmierender“ gewesen: Am Ende des Untersuchungszeitraums hatte sich die Insektenbiomasse auf nur ein Drittel ihres früheren Niveaus verringert.

Die Umgebung gibt den Ausschlag

Betroffen sind alle untersuchten Wald- und Wiesenflächen: Schafweiden, Wiesen, die drei bis viermal jährlich gemäht und gedüngt wurden, forstwirtschaftlich geprägte Nadelwälder und sogar ungenutzte Wälder in Schutzgebieten. Den größten Schwund stellte das Forscher-Team auf den Grünlandflächen fest, die in besonderem Maße von Ackerland umgeben sind. Dort litten vor allem die Arten, die nicht in der Lage sind, große Distanzen zu überwinden.

Im Wald hingegen schwanden vorwiegend jene Insektengruppen, die weitere Strecken zurücklegen. „Ob mobilere Arten aus dem Wald während ihrer Ausbreitung stärker mit der Landwirtschaft in Kontakt kommen oder ob die Ursachen doch auch mit den Lebensbedingungen in den Wäldern zusammenhängen, müssen wir noch herausfinden“, sagt der ehemalige TUM-Mitarbeiter Dr. Martin Gossner.

Koordiniertes Vorgehen gefragt

Um den Insektenschwund einzudämmen, ist laut den Wissenschaftlern ein koordiniertes Vorgehen erforderlich statt vieler Einzelprogramme: „Aktuelle Initiativen gegen den Insektenrückgang kümmern sich viel zu sehr um die Bewirtschaftung einzelner Flächen und agieren weitestgehend unabhängig voneinander“, sagt dazu Seibold. „Um den Rückgang aufzuhalten, benötigen wir ausgehend von unseren Ergebnissen eine stärkere Abstimmung und Koordination auf regionaler und nationaler Ebene.“ 

Das Bundesagrarministerium teilte mit, die Studie „sehr genau“ prüfen zu wollen. Man werde sich „anschauen, welche Insektenpopulationen rückläufig sein sollen. Land- und Forstwirtschaft sind auf die Ökosystemleistungen der Insekten angewiesen“, teilte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) dazu mit. Sie verwies in dem Zusammengang auf das ‚Aktionsprogramm Insektenschutz‘, das Teil des in der Landwirtschaft umstrittenen Agrarpakets ist. „Die Ursachen des Insektenrückgangs sind vielfältig und insgesamt komplex. Sie betreffen auch, aber bei weitem nicht nur, die Landwirtschaft“, so Klöckner weiter. Es gehe ebenso um die Siedlungsentwicklung, um Lichtverschmutzung in den Städten, die Versiegelung von Flächen, zugepflasterten Gärten vor den Haustüren sowie den Verkehr und die Verkehrsinfrastruktur. „Da müssen wir alle ran“, lautet der Appell der Ministerin an die Allgemeinheit.

1 Kommentar

  1. Alfons Tihen
    Erstellt 31. Oktober 2019 18:22 | Permanent-Link

    Guten Tag
    Wir fahren jeden Tag mit dem Fahrrad. Wir haben in der letzten Zeit so viele Insekten gehabt. Ohne Brille war es bald nicht möglich Rad zu fahren, da man sonst die Insekten ins Auge bekommen hat.

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