Reaktionen auf NDR-Beitrag

Colistin in Freilandhaltung unverzichtbar

Der NDR berichtet über multiresistente Keime in niedersächsischen Gewässern. Auch in der Nähe von Ställen sind sie zu finden. Zuschauer reagieren mit großem Unverständnis vor allem auf den Einsatz von Colistin in der Tierhaltung.

"Unglaublich. Eine solches Maß an Verantwortungslosigkeit macht mich sprachlos", schreibt pnyx auf der ARD-Homepage. Gnah meint dort: "Ein Reserveantibiotikum hat für nichts anderes als eben jene humanmedizinischen Notfälle eingesetzt zu werden, und nicht zur Gewinnmaximierung der Landwirtschaft." Und Tada fordert: "Kranke Tiere müssen vor Ort schnell getötet werden können, anstatt ganze Ställe zu behandeln." Das sind nur einige Reaktionen auf den Fernsehbeitrag vom Dienstag des NDR. Reporter hatten nach Stichproben an zwölf niedersächsischen Gewässern antibiotika-resistente Keime gefunden. Das Wasser wurde in der Nähe von Kliniken, Altenheimen und Ställen entnommen.

An diesen Orten ließ der NDR Proben ziehen
Foto: az-Screenshot
An diesen Orten ließ der NDR Proben ziehen

Als besonders bedenklich wurde der Nachweis des mcr-1-Gens dargestellt. Bei Bakterien, die solch ein Gen in sich tragen, wirkt das Reserveantibiotikum Colistin nicht mehr. Da Colistin in Deutschland in der Tierhaltung zum Einsatz kommt, steht auch die Landwirtschaft in der Diskussion, zu dem Problem beizutragen.

Resistenz ist vererbbar
Colistin ist ein Antibiotikum, das überwiegend in der Tiermedizin zur Behandlung von Infektionen eingesetzt wird. Resistenz gegen Colistin wird bei Isolaten von Tieren bereits seit einigen Jahren beschrieben, erklärt das Bundesinstitut für Riskobewertung (BfR). Im November 2015 wurde in der Resistenzforschung aber ein neuer Mechanismus entdeckt, mit dem Bakterien die Colistin-Resistenz an andere Bakterien weitergeben können. Das in 2015 entdeckte Gen trägt den Namen mcr-1 und wurde erstmals in China beschrieben.

Kranke Tiere müssen adäquat behandelt werden

"Gemeinsam sind die Geflügelhalter und die bestandsbetreuenden Tierärzte bemüht, den Antibiotikaeinsatz so gering wie möglich zu halten", heißt es dazu beim Zentralverband der Geflügelhalter Deutschlands (ZDG). Eine Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes – auch des Einsatzes kritischer Antibiotika wie Colistin – gelinge unter anderem durch ein kontinuierlich optimiertes Stallmanagement. Klar solle aber auch sein, dass ein krankes Tier adäquat behandelt werden müsse, so der ZDG. Bei bestimmten schweren Infektionen bei Geflügel (wie E. coli-Infektionen mit eher schwerem Verlauf) gebe es aus fachtierärztlicher Perspektive keine Alternativen zu Colistin. Das betreffe insbesondere die vom Verbraucher gewollte Freilandhaltung. Dort sei Colistin zurzeit noch unverzichtbar. 

Hannover wird Untätigkeit vorgeworfen

Darüber hinaus steht aber auch die niedersächsische Landesregierung in der Kritik. Besonders heftig reagiert Miriam Staudte, agrarpolitische Sprecherin der Grünen, im niedersächsischen Landtag. Sie sagt: "Arbeitsverweigerung der Landesregierung kostet Menschenleben." Frau Staudte bezieht sich damit auf die Einschätzung der Landesministerien, die von einem geringen Gesundheitsrisiko gesprochen hatten und eine Untersuchung der Gewässer auf Antibiotikaresistente Keime als nicht erforderlich ansahen. Mittlerweile hat das Umweltministerium aber angekündigt, eigene Wasserproben nehmen zu lassen.



Der ZDG betont, dass die Wirtschaft bereits viel erreicht habe. Die Menge der eingesetzten Antibiotika sei zwischen 2011 und 2015 halbiert worden. Auch die Mengen kritischer Antibiotika (wie Colistin) sei in den im QS-System registrierten Betrieben rückläufig. 

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