Pflanzenzüchtung gefährdet

Europa gerät bei Gen-Forschung ins Hintertreffen


Bild: Pixabay / kkolosov

75 Forschungsinstitute von Zypern bis Finnland schlagen Alarm: Das Urteil des Europäischen Gerichtshof zur Genom-Editierung mit Crispr/Cas führt dazu, dass europäische Pflanzenzüchter bei der Entwicklung abgehängt werden.

Auf Initiative des John Innes Centre und des „Sainsbury Laboratory“ in Norwich, Großbritannien, wenden sich 75 Forschungseinrichtungen aus ganz Europa an den Gesetzgeber in Brüssel und fordern, das jüngste Urteil zur Verwendung der Gen-Schere Crispr/Cas zu revidieren. Der Europäische Gerichtshof hatte im Juli geurteilt, dass Pflanzen, deren Erbgut mit Crispr/Cas verändert wurde, unter das restriktive Gentechnik-Gesetz fallen. „Die Gen-Richtlinien der EU entsprechen in keiner Weise mehr dem wissenschaftlichen Kenntnisstand“, heißt es in dem Positionspapier.

Die mit Crispr-Cas mögliche Präzsisionszüchtung ist nach Meinung der Forscher genauso sicher wie die klassische Züchtung, bei der die Pflanzen zum Besipiel Toxinen oder radioaktiver Strahlung ausgesetzt werden, um zufällige Mutationen zu provozieren. Den Pflanzenzüchtern geht es bei ihrem Vorstoß vor allem um Geschwindigkeit. In ihrem Schreiben skizzieren sie ein Drohszenario, das eng mit dem Klimawandel verbunden ist. Von Süden her brächen mit den steigenden Temperaturen Krankheiten über die hiesigen Pflanzen ein, denen sie nicht gewappnet seien. "Wenn wir einzelne Gene in unseren Nutzpflanzen ausschalten können, können wir sie vor den Schädlingen  schützen, ohne neue Pflanzenschutzmittel einsetzen zu müssen“, argumentiern die Forscher.  Das gelte vor allem für asexuell vermehrte Kulturen wie Kartoffeln oder Erdbeeren. Aber auch andere Sorten bräuchten wegen der zunehmenden Trockenheit dringend eine Überarbeitung durch die Präzisionszüchtung. Gleichzeitig sei es möglich, die Haltbarkeit der Früchte zu verbessern. 

In Europa ist es aber aufgrund der aktuellen Gesetzeslage hochkomplex, diese neue Technik einzusetzen. In Lateinamerika, China, Australien, Kanada und den USA ist Crispr/Cas als reguläre Methode zugelassen. Die Folge ist, dass führende Forscher ihre Arbeit in diesen Ländern fortsetzen und Europa ins Hintertreffen gerät. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat jüngst Zahlen hierzu herausgegeben: Von 2013 bis 2018 wurden weltweit 1200 Arbeiten zu Crispr/Cas veröffentlicht, davon stammten 541 aus China, 387 aus den USA. Deutschland rangiert mit 81 Arbeiten auf Rang vier. Dass es doch noch relativ gesehen viele Arbeiten sind, liegt laut dem Justus-Kühn-Institut daran, dass es sich um Grundlagenforschung handele. Der Trend weise in eine andere Richtung. Der praktische Einsatz der Technik sei sehr teuer und etwas, das sich nur Großkonzerne leisten können. Kleinere Zuchtunternehmen haben das Nachsehen. 

Erste Erfolge sind indes bereits zu verzeichnen. Das Kühn-Institut listet 25 Pflanzen, deren Eigenschaften bislang Marktreife erzielt haben. Zum Beispiel Luzerne, die sich besser von Tieren verdauen lässt, und eine Weizensorte, der gegen Mehltau resistent ist. Auch Deutschland kann hier punkten: Aus Kiel stammt ein neuer Raps, dessen Schoten fester sind. Damit lassen sich Samenverluste bei der Ernte minimieren.

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