Prof. Harald Grethe

"Umbau der GAP weiter dringend erforderlich"


Wir müssen uns verabschieden von der Erzählung „Landwirtschaft ist benachteiligt, deshalb arm, und braucht deshalb Einkommenstransfers in Form von pauschalen Direktzahlungen“, fordert Harald Grethe.
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Wir müssen uns verabschieden von der Erzählung „Landwirtschaft ist benachteiligt, deshalb arm, und braucht deshalb Einkommenstransfers in Form von pauschalen Direktzahlungen“, fordert Harald Grethe.

Der Wissenschaftler rät den Landwirten, sich an den Herausforderungen der Zukunft zu orientieren statt an den Besitzständen der Vergangenheit.

Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) beim Bundeslandwirtschaftsministerium, Prof. Harald Grethe, spricht im Interview über den politischen Rückenwind für die Borchert-Kommission, den anhaltenden Reformbedarf in der europäischen Agrarpolitik und die Rolle der Politik als ehrlicher Makler zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft.

Harald Grethe wünscht sich, dass die Politik als „ehrlicher Makler“ zwischen Landwirtschaft und dem Rest der Gesellschaft agiert.
CDU/CSU Bundestagsfraktion
Harald Grethe wünscht sich, dass die Politik als „ehrlicher Makler“ zwischen Landwirtschaft und dem Rest der Gesellschaft agiert.

Welche Lehren sollte die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft aus der Corona-Pandemie ziehen?

Die Pandemie hat die große Bedeutung der Krisenfestigkeit unseres Ernährungssystems gezeigt. Und auch die Schlagkräftigkeit der Marktwirtschaft. Entsprechende Änderungen in den Wertschöpfungsketten wie eine verstärkte Bedeutung von Lagerhaltung und die Erfahrung der Grenzen des „Just in time“-Prinzips, eine Beschleunigung der Digitalisierung und Investitionen in vielfältige Liefer- und Absatzbeziehungen finden schon statt.

Zu Beginn der Pandemie kam es zwischenzeitlich bei einigen Produkten zu Lieferengpässen. Muss die Politik künftig wieder stärkeres Gewicht auf die heimische Erzeugung und Versorgungssicherheit innerhalb Europas legen?

Lokale oder regionale Wertschöpfungsketten sind nicht automatisch krisenfester und nachhaltiger als globalisierte Wertschöpfungsketten. Die Handelsbilanz der EU im Bereich Agrar- und Ernährung ist außerdem recht ausgeglichen. Unsere Versorgungssicherheit ist schon heute hoch!

Die Auswirkungen der Pandemie treffen vor allem arme Bevölkerungsschichten. Was bedeutet das für den Ernährungsbereich?

In der Tat sehen wir in der Pandemie, dass wir als Gesellschaft vor allem dort verletzlich sind, wo die Lebensbedingungen besonders prekär sind. Also etwa bei den Arbeitsbedingungen in Teilen der Fleischwirtschaft, bei prekären Wohnbedingungen und generell in Haushalten mit starken Einkommensrestriktionen. Insofern zeigt die Pandemie wie durch ein Brennglas die sozialen Ungleichheiten sowohl in der Lebensmittelproduktion als auch der Ernährung. Diese haben einen hohen Preis und erfordern politisches Handeln. Der Wissenschaftliche Beirat wird in Kürze ein Gutachten zur nachhaltigeren Ernährung vorlegen und insbesondere auch Vorschläge für die Verringerung sozialer Ungleichheiten im Ernährungssystem machen.

Der Beirat hat sich in einer Stellungnahme vor einem Jahr für eine deutlich stärkere Umweltausrichtung der GAP ausgesprochen. Muss es vor dem Hintergrund der Pandemie eine Neubewertung geben?

Nein! Ein Umbau der GAP hin zur konsequenten Ausrichtung an Gemeinwohlzielen wie Tier-, Umwelt- und Klimaschutz ist weiterhin dringend erforderlich, und zwar sowohl aufgrund der bestehenden Herausforderungen als auch aufgrund knapper öffentlicher Mittel. Wir können es uns nicht leisten, einen Großteil der Mittel der GAP ohne klare Ziele zu verausgaben. Hinzu kommt, dass eine engagierte Klima- und Umweltschutzpolitik gleichzeitig auch eine präventive Gesundheitspolitik ist. Viele Umweltbelastungen wirken sich auch negativ auf die menschliche Gesundheit aus.

Eine zentrale Forderung in der Beiratsstellungnahme ist ein steigender Einsatz der Fördermittel für Agrarumwelt- und Klimaschutzziele. Binnen zehn Jahren, so die Forderung, sollten sämtliche Mittel der Ersten Säule für Umwelt-, Klima- und Tierschutz eingesetzt werden. Unterschätzen Sie die Bedeutung der Direktzahlungen für die Einkommens- und Risikoabsicherung?

Das Budget der GAP hat, auf den Hektar bezogen, in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Das liegt auch daran, dass sich pauschale Direktzahlungen, die überwiegend Bodeneigentümern zugutekommen, nicht rechtfertigen lassen. Ich bin davon überzeugt, dass der Sektor durch das Festhalten an diesen Zahlungen viel gesellschaftliche Akzeptanz und Gestaltungsmacht verliert und nicht hinreichend realisiert, was er durch den Aufbau einer zielorientierten Honorierung von Umwelt-, Klima- und Tierwohlleistungen gewinnen könnte.

Eine Neuausrichtung der Landwirtschaft in vielen Bereichen erfordert ein Mindestmaß an Verlässlichkeit in der seit Jahrzehnten betriebenen Einkommenspolitik. Wir kann das aussehen?

Wir haben die Direktzahlungen jetzt seit Anfang der 1990er Jahre. Ihre Fortführung 30 Jahre später mit agrarpolitischer Verlässlichkeit zu begründen, ist wenig überzeugend. Es ist überzeugender und letztendlich auch verlässlicher, wenn Agrarpolitik sich an den Herausforderungen der Zukunft orientiert statt an den Besitzständen der Vergangenheit.

Sie haben die EU-Kommission in der Vergangenheit für fehlenden Reformmut in der GAP kritisiert. Hat sich das mit der Vorlage der Farm-to-Fork-Strategie und der Biodiversitätsstrategie geändert?

Die Kommission kann letztendlich nur vorschlagen - entscheiden werden Parlament und Rat und die Mitgliedstaaten sind für eine zielorientierte Umsetzung verantwortlich. Die Farm-to-Fork-Strategie halte ich von der Stoßrichtung her für mutig. Sie muss allerdings durch eine konkrete Ausgestaltung der GAP untermauert werden. Das ist bisher nicht absehbar.

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Wie schätzen Sie die Wirkung der beiden Papiere auf die anstehenden entscheidenden Verhandlungen zur GAP-Reform ein?

Es handelt sich bei diesen Papieren sozusagen um „Handlungsaufforderungen“. Inwieweit diese zum einen in der Gestaltung der Rahmenbedingungen der GAP berücksichtigt werden und zum anderen in der Ausgestaltung der nationalen Strategiepläne ist noch offen. Es wird mit diesen Papieren allerdings schwieriger, die Verwendung eines Großteils der Mittel für pauschale Direktzahlungen zu rechtfertigen.

Enthält die Farm-to-Fork-Strategie Elemente, die Sie nicht erwartet hatten?

Die Strategie wird beim Konsum tierischer Produkte erfreulich konkret und weist darauf hin, dass eine stärker pflanzlich basierte Ernährung von großer Bedeutung ist. Ebenfalls wird auf die Bedeutung der Ernährungsumgebung hingewiesen und es wird gefordert, dass die Mitgliedstaaten die Steuerpolitik stärker für Anreize zu einer nachhaltigeren Ernährung nutzen sollten. Allerdings fallen diese Politikbereiche in die Zuständigkeit der Mitgliedstaaten. Insofern ist auch die Bundesregierung angesprochen, politische Gestaltungsmöglichkeiten für eine nachhaltigere Ernährung wesentlich stärker als bisher zu nutzen.

An was denken Sie konkret?

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat in den letzten Jahren verstärkt Initiativen in den Bereichen Nährwertkennzeichnung und Reformulierung unternommen, und das ist gut so. Deutschland ist im Kontext der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) allerdings eher Nachzügler, was die Entwicklung einer breit angelegten ernährungspolitischen Strategie betrifft. Insgesamt liegt unser Fokus zu sehr auf der individuellen Konsumentscheidung und es gibt zu wenig Bereitschaft zu eingriffstieferen Maßnahmen. Eine engagiertere Gestaltung der Ernährungsumgebung im öffentlichen Raum sowie in Kitas und Schulen könnte eine nachhaltigere Ernährung viel stärker als bisher unterstützen. Der Wissenschaftliche Beirat wird hierzu in Kürze konkrete Vorschläge machen.

Wie sehen Sie die Chancen für eine Reform im Sinne der Stellungnahme am Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft?

Deutschland hat als großer Mitgliedstaat natürlich die Chance, eine Reform der GAP entscheidend mitzuprägen. Ich kann aber bisher keine klare Strategie im Sinne einer Fokussierung der GAP auf Gemeinwohlziele erkennen. Das halte ich auch insofern für bedauerlich, als die „Wir-brauchen-eine-starke-Erste-Säule“-Positionierung gesellschaftlich viel Glaubwürdigkeit kostet und es erschwert, das vorhandene Budget zu erhalten oder gar zusätzliche Mittel für Gemeinwohlleistungen bereitzustellen.

Welche Mindestanforderungen müsste eine Reform erfüllen, um aus Ihrer Sicht als Erfolg gelten zu können?

Erstens: Wir müssen uns verabschieden von der Erzählung „Landwirtschaft ist benachteiligt, deshalb arm, und braucht deshalb Einkommenstransfers in Form von pauschalen Direktzahlungen“. Stattdessen sollte die Erzählung lauten „Landwirtinnen und Landwirte erbringen vielfältige Leistungen in den Bereichen Umwelt-, Klima- und Tierschutz; diese werden am Markt nur eingeschränkt entlohnt und deshalb machen wir das mit der GAP“. Zweitens: Die weitgehend bedingungslosen Flächenprämien, in Zukunft völlig irreführend „Einkommensgrundstützung für Nachhaltigkeit“ genannt, sollten auf höchstens 35 Prozent des Agrarhaushalts beschränkt werden, um einen Ausstieg über zwei Finanzperioden einzuläuten. Drittens: Es sollten mindestens 40 Prozent des Agrarbudgets für Gemeinwohlleistungen in den genannten Bereichen reserviert werden. Ob dies dann im Rahmen von Eco-Schemes der Ersten Säule oder Programmen der Zweiten Säule realisiert wird, ist zweitrangig und kann den Mitgliedstaaten überlassen bleiben.

Viele Landwirte fühlen sich von den Anforderungen, die derzeit geballt an sie gestellt werden, überfordert und reagieren mit Unmut und Verweigerung. Das haben die Demonstrationen des vergangenen Jahres gezeigt. Wie ordnen Sie das ein - als normale Begleiterscheinungen einer Reform oder Ausdruck von politischem Versagen?

Ich halte das für das Ergebnis eines schon viel zu lange fehlenden Gestaltungswillens, sowohl in der Politik als auch im Sektor. Wenn man über Jahrzehnte die notwendige Weiterentwicklung des Ordnungsrechts sowie den Umbau der Förderpolitik mit den Formeln „keine neuen Auflagen“ und „wir brauchen eine starke Erste Säule“ überwiegend abwehrt, führt das zu Volksbegehren, Verfassungsklagen oder Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission. Die Politik muss dann am Ende schnell handeln, und manchmal bleibt dann die fachliche Ausgewogenheit auf der Strecke. Viel besser ist es, proaktiv zu handeln und die notwendigen Transformationsprozesse mit zu gestalten.

Was rät der wissenschaftliche Berater der Politik, um Landwirte mitzunehmen?

Ich würde mir wünschen, dass die Politik als „ehrlicher Makler“ zwischen Landwirtschaft und dem Rest der Gesellschaft agiert. Beide brauchen einander: Wenn wir schöne Landschaften, mehr Biodiversität, mehr Klimaschutz, eine Schließung von Nährstoffkreisläufen und mehr Tierwohl wollen, dann brauchen wir dafür Landwirtinnen und Landwirte, denn die können genau diese Leistungen erbringen. Und in globalisierten Agrarmärkten braucht die Landwirtschaft auch den Rest der Gesellschaft, um diese Leistungen, die über den Markt kaum honoriert werden, bezahlt zu bekommen. Denn letztendlich muss mit der Erbringung dieser Leistungen auch ein vernünftiges Einkommen erwirtschaftet werden.

Die Bundesregierung versucht, mit zusätzlichen Finanzmitteln die Härten bei der Umsetzung der Düngeverordnung oder dem Ausstieg aus der Kastenstandhaltung abzufedern. Stichworte sind „Bauernmilliarde“ und „Konjunkturpaket“. Sind die Hilfen aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?

Der Begriff „Bauernmilliarde“ war aus meiner Sicht ein Fehlgriff. Aber das Prinzip ist richtig: Öffentliches Geld für öffentliche Güter. Wichtig ist aber auch, diese Zahlungen in langfristige Strategien für die Honorierung von gewünschten Leistungen der Landwirtschaft einzubinden. Es reicht eben nicht, Investitionsförderung für den Umbau der Sauenhaltung auszuloben. Aus Sicht der Tierhalterinnen und Tierhalter muss diese Maßnahme eingebunden werden in Förderstrategien, die einen Umbau der Nutztierhaltung langfristig ermöglichen. Und aus Sicht der Gesellschaft muss eine solche Förderung einhergehen mit einer ordnungsrechtlichen Perspektive, die verspricht, dass das Tierwohlniveau für alle Nutztiere in Deutschland in absehbarer Zeit deutlich verbessert wird.

Sie haben bei der Vorstellung der Ergebnisse des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung im Februar dieses Jahres betont, für den darin geforderten Umbau der Tierhaltung in Deutschland bedürfe es politischen Willens. Ein halbes Jahr später - erkennen Sie diesen Willen?

Es ist erfreulich, dass sich in den letzten Wochen sowohl viele Verbände der Land- und Ernährungswirtschaft wie auch zentrale zivilgesellschaftliche Organisationen in offenen Briefen hinter das Konzept der Borchert-Kommission gestellt haben. Ebenso erfreulich ist, dass der Deutsche Bundestag die Bundesregierung mit Beschluss vom 3. Juli auffordert, die Empfehlungen der Borchert-Kommission umzusetzen und auch Bundesministerin Julia Klöckner sich hierfür ausgesprochen hat. Ich halte das für einen Wendepunkt in der Politik für die Nutztierhaltung.

Was sind die nächsten Schritte, die sie von der Bundesregierung und vom Bundestag in den kommenden anderthalb Jahren und dann in der nächsten Legislaturperiode erwarten?

In dieser Legislaturperiode: Erarbeitung einer Umsetzungsstrategie. Definition von Tierwohlstufen für alle Tierarten. Konkretisierung und Schaffung der bau- und umweltrechtlichen Voraussetzungen für den Um- und Neubau von tierfreundlichen Ställen. Entwicklung eines konkreten Förderrahmens und Einstieg in die Förderung. Nutzung der Ratspräsidentschaft, um eine EU-Tierwohlkennzeichnung sowie die Weiterentwicklung des Förderrechts anzustoßen. In der kommenden Legislaturperiode: Engagierte Umsetzung der Förderung. Im Jahr 2025 sollten 50 Prozent der Nutztiere in Deutschland mindestens in der Stufe 1 gehalten werden, 10 Prozent mindestens in der Stufe 2. Wenn wir diese sowie die für 2040 gesteckten Ziele erreichen wollen, müssen wir sofort loslegen.

Von den zu klärenden Fragen im Zusammenhang mit den Empfehlungen der Borchert-Kommission steht die Finanzierung im Mittelpunkt. Zurecht?

Das ist eine schwierige Gratwanderung. Aus europarechtlicher Sicht würde man die beiden Teile der Empfehlungen am liebsten vollständig voneinander entkoppeln: Erstens muss ein Förderkonzept umgesetzt werden, welches die Tierwohlleistungen langfristig verlässlich staatlich honoriert. Und zweitens muss das Geld dafür irgendwoher kommen, denn bis 2040 können das bis zu 3,6 Mrd. Euro jährlich werden. Was die gesellschaftliche Kommunikation angeht, würde man am liebsten einen direkten Zusammenhang herstellen, wie zum Beispiel durch eine Verbrauchssteuer auf tierische Produkte. Aber technisch können beide Teile der Empfehlungen auch unabhängig voneinander umgesetzt werden. Als erstes sollte jetzt zügig mit der Förderung des Umbaus aus dem Staatshaushalt begonnen werden. Mittelfristig können und sollten tierische Produkte dann auch etwa über eine Verbrauchssteuer an der Ladenkasse verteuert werden. Das ließe sich in ein umfassendes Konzept einer Nachhaltigkeitssteuer einbinden und ist klimapolitisch dringend geboten. Für die Tierhalterinnen und Tierhalter ist vor allem wichtig: Die Zahlungen müssen langfristig verlässlich sein, denn ein höheres Tierwohlniveau kostet Geld.

Der Umbau der Tierhaltung erfordert mehr als Geld und gute Worte, nämlich beispielsweise bau- und immissionsschutzrechtliche Regelungen, die ihn erst ermöglichen. Hat das Kompetenznetzwerk diesem Komplex hinreichend Bedeutung beigemessen?

Ja! An verschiedenen Stellen wird in den Empfehlungen immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich um ein Gesamtpaket handelt: Schrittweise wird die gesamte deutsche Nutztierhaltung bis 2040 auf mindestens Tierwohlstufe 2 angehoben. Zwingende Voraussetzung dafür sind die staatliche Förderung eines Großteils der hierdurch gegenüber den europäischen Partnern entstehenden zusätzlichen Kosten und die Schaffung der umwelt- und baurechtlichen Voraussetzungen. An der Konkretisierung muss jetzt gearbeitet werden.

Wie entwickelt sich die Nachfrage nach Fleisch in den nächsten Jahren in Deutschland und Europa?

In Deutschland ist der Fleischkonsum in den letzten Jahren gesunken. Ich erwarte, dass dieser Trend sich fortsetzt und mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Fleischersatzprodukten noch verstärkt. In vielen anderen Mitgliedstaaten der EU ist das ebenfalls der Fall. Allerdings nimmt der Fleischkonsum in vielen osteuropäischen Staaten noch zu. Der Anstieg in der EU ist aber nicht mehr stark und wird weiter abflachen. Das ist auch dringend erforderlich: Eine in ihrem Ressourcenanspruch global verträgliche Ernährung erfordert einen starken Rückgang des Konsums tierischer Produkte in den Industrieländern.

Welchen Tendenzen erwarten Sie weltweit, insbesondere in dem von starkem Nachfragewachstum gekennzeichneten asiatischen Raum?

In Asien, aber auch in Afrika, wo der Pro-Kopf-Fleischverbrauch noch deutlich unterhalb unseres Niveaus liegt, wird der Verbrauch noch einige Jahre stark zunehmen. Aber auch hier wird das Wachstum aufgrund von Ressourcenknappheit, zunehmender Verfügbarkeit von Ersatzprodukten und Konsumtrends abflachen.

Verabschiedet sich Deutschland mit einer Transformation seiner Tierhaltung und einer damit einhergehenden Verteuerung seiner Produktion aus der Riege der Anbieter tierischer Produkte auf dem internationalen Markt?

Schon heute ist Deutschland für Schlachtkörper in Standardqualität auf den Weltmärkten nicht wettbewerbsfähig. Angesichts steigender Umwelt- und Tierschutzstandards wird sich das voraussichtlich auch nicht ändern. Gleichzeitig werden viele Teile exportiert, für die die Nachfrage in Europa gering ist, wie etwa Schweinebäuche, -köpfe, oder -pfoten. Das wird sich voraussichtlich ebenfalls nicht ändern. Ich halte es sogar für denkbar, dass Deutschland mit einer konsequenten Tierwohlstrategie auch neue internationale Märkte für besonders hochwertige Produkte erschließen kann. Das ist aber meines Erachtens kein relevantes Kriterium für die Bewertung unserer Sektorpolitik: Wir müssen die Rahmenbedingungen so setzen, dass unsere inländischen Ansprüche an Umweltschutz und Tierwohl erfüllt werden.

Was bedeutet das für die tierische Veredlung am Standort Deutschland?

Sie wird mengenmäßig zurückgehen, aber bei einer erfolgreichen Entwicklung der Prozessqualität nicht unbedingt in Bezug auf die Wertschöpfung.

Wie bewerten Sie die Folgen der Corona-Ausbrüche in großen Schlachtunternehmen für die Diskussion um die Zukunft der tierischen Veredelung in Deutschland?

Unser Tierwohlniveau und die Corona-Ausbrüche haben wenig miteinander zu tun. Allerdings verstärken die Ausbrüche den Eindruck, dass es „so nicht weitergehen“ kann: Das Modell des „immer billiger um jeden Preis“ - geringes Tierwohl, hohe Umweltkosten, schlechte Arbeitsbedingungen - fährt gegen die Wand.

Rechtfertigen Verfehlungen in einzelnen Unternehmen bei Einhaltung der Corona-Auflagen, bisherige Strukturen in Frage zu stellen?

Bei den Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie und dem Modell der Subunternehmer geht es ja nicht um Einzelne; sie sind in der Branche weit verbreitet.

Bedeutet ein Umbau der Tierhaltung eine Rückkehr zu kleinen und mittleren Betrieben in der Erzeugung und zu handwerklichen Strukturen in der Fleischverarbeitung, wie er im Zusammenhang mit der Diskussion über die Arbeitsbedingungen der Schlachtindustrie diskutiert wird?

Tierwohlbedingungen, Umweltwirkungen und Arbeitsbedingungen sind ja in kleinen Betrieben nicht automatisch besser als in großen Betrieben. Insofern sehe ich keinen Grund für eine „Rückkehr“ der gesamten Branche. Allerdings bieten regionale, handwerkliche Verarbeitungsstrukturen Möglichkeiten einer besonderen Prozessqualität, beispielsweise kurze Tiertransporte oder abwechslungsreiche Arbeitsplätze. Es wäre viel gewonnen, wenn der fortschreitende Verlust solcher Strukturen aufgehalten werden kann. Die Chancen hierfür sind allerdings unterschiedlich. So bietet etwa die Metropolregion Berlin-Brandenburg ein bei weitem nicht ausgeschöpftes Potential für den Aufbau entsprechender Strukturen und damit ländlicher Wertschöpfung. In manchen Regionen ist das eine größere Herausforderung.

Während die Empfehlungen der Borchert-Kommission auch in der Agrarbranche breiten Zuspruch finden, wurde das WBAE-Gutachten zur Zukunft der Nutztierhaltung mit ähnlichen Inhalten vom Frühjahr 2015 überwiegend skeptisch aufgenommen. Was sind die Gründe?

 

Wir haben in dem Gutachten Alternativen zum Pfad der unbedingten Kostenminimierung in der Nutztierhaltung aufgezeigt und konkrete Vorschläge unterbreitet. In den darauffolgenden Jahren ist der gesellschaftliche Druck auf die Branche gewachsen, und es hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass es besser ist, einen Umbau zu gestalten, statt unter großer Unsicherheit auf schwer berechenbare ordnungsrechtliche Sprünge zu warten. Insofern war das eigentlich ein idealtypischer Prozess: Bei weitem nicht alle unsere Empfehlungen finden innerhalb von fünf Jahren so viel Zuspruch.

 

Welche Lehren ziehen Sie daraus für die künftige wissenschaftliche Politikberatung?

 

Weitermachen. Im Ernst: Es geht ja nicht darum, möglichst breiten Applaus einzusammeln, sondern langfristig sinnvolle Entwicklungswege aufzuzeigen. Ich würde mich freuen, wenn es uns auch in Bezug auf die Entwicklung der Direktzahlungen besser als bisher gelänge, die Branche davon zu überzeugen, dass sie in der derzeitigen Abwehrschlacht mehr verliert, als sie bei einem Politikumbau gewinnen könnte.

 

Welche Rolle kommt dem Wissenschaftlichen Beirat und insbesondere der Agrarökonomie in der anstehenden Umbruchphase zu, die die Land- und Ernährungswirtschaft stark fordern wird?

 

Es ist - denke ich - wichtig, umfassende Entwicklungsmöglichkeiten für unsere Agrar- und Ernährungssysteme hin zu mehr Nachhaltigkeit auszuloten und auf wissenschaftlich belastbare Füße zu stellen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler denken gerne disziplinär und partiell. Aber nachhaltige Entwicklung hat eben verschiedene Dimensionen. Deshalb ist der Wissenschaftliche Beirat in den letzten Jahren auch interdisziplinärer geworden - es braucht nicht nur die Agrarökonomie, sondern auch andere Disziplinen. Da Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse in einer parlamentarischen Demokratie unter dem Einfluss öffentlicher Diskurse und verschiedenster Interessen stattfinden, ist es nicht zuletzt wichtig, die Ergebnisse unserer Arbeit auch in die breite Öffentlichkeit hereinzutragen, damit sie Wirkung entfalten. Das ist eine kontinuierliche Herausforderung, und wir sollten hierfür mehr Strukturen aufbauen und Ressourcen bereitstellen als bisher. AgE

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