Raiffeisen

Westerwälder mit Weitblick

Der "Vater der Genossenschaften" Friedrich Wilhelm Raiffeisen würde am Karfreitag seinen 200. Geburtstag feiern.
Foto: DRV
Der "Vater der Genossenschaften" Friedrich Wilhelm Raiffeisen würde am Karfreitag seinen 200. Geburtstag feiern.

Ob er alle Aktivitäten zu seinem 200. Geburtstag begrüßen würde, weiß niemand. Sicher hätte sich Friedrich Wilhelm Raiffeisen aber schon mehrfach im Grabe umgedreht, wären alle großen Pleiten zu ihm durchgedrungen, die in den vergangenen Jahrzehnten unter dem Raiffeisen-Kreuz stattgefunden haben.

Unter die Räder gekommen sind Genossenschaftsbanken und Fleischkonzerne, aber auch eine Konsumgenossenschaft wie die Coop oder eine Wohnbaugenossenschaft wie die gewerkschaftseigene „Neue Heimat“. Vielfach paarte sich Missmanagement mit Größenwahn. 

Kritisch gegenüber Wachstum um jeden Preis

Dieses Primat von Wachstum missfiele dem Vater der Genossenschaften auch bei einigen der heutigen Konzerne, die als Aktiengesellschaften oder GmbHs unter der Raiffeisen-Flagge segeln. Möglicherweise stünde er sogar im Lager der Globalisierungskritiker, wenngleich man ihn sich nicht als weltfremden Hinterwäldler vorstellen darf.

Der strenggläubige Katholik verlässt zwar seine Heimat im Westerwald nie. Doch gerade seine Verwurzelung auf dem Land und der Blick für die kleinen Leute macht Raiffeisens Größe aus. Zwei Prinzipien treiben ihn an: Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe. Er weiß, wovon er spricht. Er wird am 30. März 1818 als siebtes von neun Kindern geboren. Die Kindheit am Nordrand des Westerwaldes im damals preußischen Hamm an der Sieg ist von Geldnöten geprägt, Gymnasial- und Hochschulbesuch sind nicht finanzierbar. Nach einigen Jahren beim Militär schlägt Raiffeisen die Verwaltungslaufbahn ein. 

„Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.“
Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 - 1888), 

Als Bürgermeister in Weyerbusch wird er aktiv gegen die Armut der Landbevölkerung. Im Misserntejahr 1846 herrscht blanke Not. Um den Hunger zu bekämpfen, gründet er den Brotverein – anfänglich zur Verteilung von Lebensmitteln, dann für den gemeinsamen Bezug von Saatgut und Kartoffeln. Den großen Schritt in Richtung Selbsthilfe geht Raiffeisen als Bürgermeister von Flammersfeld 1848 mit einem „Hilfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte“, der Kredite an Landwirte vergibt. Daraus entstehen 1862 die „Darlehnskassenvereine“, die ihre Kreditnehmer zur Mitgliedschaft verpflichteten. Sie gelten heute als erste Genossenschaften im Raiffeisen‘schen Sinne. Raiffeisen veröffentlicht 1866 sein Buch „Die Darlehnskassenvereine als Mittel zur Abhülfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“. Das Buch wirkt als Katalysator. In den Folgejahren entstehen Konsum-, Verkaufs-, Winzer-, Molkerei- und Viehversicherungsgenossenschaften. Die Aktivitäten bündelt Raiffeisen 1877 mit der Gründung des ersten Spitzenverbandes der ländlichen Genossenschaften. Im „Anwaltschaftsverband ländlicher Genossenschaften” schließen sich in Neuwied 24 Darlehnskassenvereine zusammen. Doch Raiffeisen selbst verlassen 1888 die Kräfte. Er stirbt kurz vor Vollendung seines 70. Lebensjahres an den Spätfolgen einer Lungenentzündung.

Der Nachwelt erhalten bleibt Raiffeisens Motto „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele“. Es ist bis heute so faszinierend, dass die Genossenschaftsidee sogar bei der Unesco als immaterielles Kulturerbe der Menschheit gelistet ist. Darüber würde sich Friedrich Wilhelm Raiffeisen mit Sicherheit freuen, auch darüber, dass seine Idee nach wie vor zur Selbsthilfe anstiftet. Kräftig missfallen dürfte ihm dagegen, wenn Genossenschaften nach der Politik rufen, um Marktordnungen und Subventionen zu fordern. Gleichermaßen würde er sich aber mit dem Bundeskartellamt anlegen, wenn dort die Axt an genossenschaftliche Lieferverträge gelegt werden soll.

Jedes Mitglied trägt Verantwortung

Lebte Raiffeisen heute, würde er viel häufiger den Westerwald verlassen, um in Vorträgen in ganz Deutschland auf genossenschaftliche Prinzipien und die Eigenverantwortung jedes einzelnen Mitglieds zu pochen. Er würde den Bauern ins Gewissen reden, dass sie das Management ihrer Genossenschaft effektiver kontrollieren. Solche kritischen Töne würde er sich wohl auch zum Festakt wünschen, mit dem ihn die Universität Bonn im September 2018 würdigen will. Denn eigentlich sollte Friedrich Wilhelm Raiffeisen für seine Verdienste beim Aufbau des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens bereits 1888 die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn erhalten. Dieser verdienten Ehrung kam damals sein Tod zuvor.

1 Kommentar

  1. Joachim Kalberlah
    Erstellt 29. März 2018 17:43 | Permanent-Link

    Die Nachfahren Raiffeisens sind offenbar nicht gut mit seinem Erbe umgegangen. Ende der 90er Jahre haben wir aus unserer Kartoffelerzeugergemeinschaft heraus unsere Einkaufsgemeinschaft gegründet. Die erfolgreiche Entwicklung zog Gegner auf den Plan. So saßen wir einige Jahre später mit Nikolaus von Veltheim (damals Chef der Agravis Hannover) zusammen. Unsere Umtriebigkeit störten ihn offenbar sehr. Natürlich haben wir ihn daran erinnert, dass wir nur deshalb wachsen, weil der genossenschaftliche Landhandel sich offenbar nicht mehr an seine Wurzeln erinnern mag. Wir bekamen zu hören, dass die Raiffeisen-Idee schon lange tot sei. Unsere Entwicklung zeigt, dass es nicht so ist. Siehe www.agrareinkauf.de

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