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„Wir finden gezielt Erbfehler und Defekte“

Engagierte Tierzüchterin: Bianca Lind setzt sich für die Nutztierhaltung ein.
Foto: jst
Engagierte Tierzüchterin: Bianca Lind setzt sich für die Nutztierhaltung ein.

Vieles in der Tierhaltung wird inzwischen digital gesteuert. Die Datensammlung und -auswertung bieten aber auch in der Tierzucht neue Möglichkeiten. So können neue Merkmale erfasst, das Erbgut von Rindern und Schweinen analysiert und gezielt in der Zucht eingesetzt werden.

az: In welcher Weise ist die Tierzucht in Deutschland denn mit der Digitalisierung konfrontiert?

Lind: Digitalisierung haben wir in vielen Bereichen: Lüftungs- und Fütterungstechnik in der Schweinehaltung, Melktechnik und Bewegungssensoren in der Rinderhaltung. In der Zucht stehen die Verarbeitung und Auswertung von Daten im Mittelpunkt. In der Leistungsprüfung fallen seit Jahrzehnten viele Daten an. Hier hat sich die Erfassung von Blatt und Stift zum Handy hin zur Digitalisierung entwickelt. Mittlerweile können wir das Erbgut von Rindern und Schweinen analysieren. Die Digitalisierung hat es uns ermöglicht, zum Beispiel gezielt Erbfehler und genetische Defekte zu finden und in der Zucht zu berücksichtigen.

Welche Vorteile können sich daraus ergeben?

Lind: Aus meiner Sicht liegen die Vorteile darin, dass die Landwirte eine Erleichterung in der Erfassung von Merkmalen oder eine Arbeitserleichterung haben. In der Tierzucht sind durch die Genomische Selektion, und damit dem Anfall von fünfzigtausend Informationen aus den Erbanlagen der Tiere, neue Möglichkeiten entstanden. Die Datenmenge ermöglicht es, Zusammenhänge zu erkennen, die uns zuvor nicht bewusst waren. Darin sehe ich – egal, ob es um Merkmalserfassung oder Arbeitserleichterung geht – den Vorteil, gezielt Zusammenhänge zu erkennen, die nicht offensichtlich sind.

„Nur was wir beschreiben und messen können, ist auch züchterisch nutzbar. “
Bianca Lind, 

Sehen Sie auch Nachteile beispielsweise für die Organisation der Tierzucht?

Lind: Ja, das könnte passieren. Die Tierzucht ist überwiegend in genossenschaftlichen Verbänden organisiert, dadurch können sich die Landwirte noch aktiv in der Zucht engagieren. In Deutschland und international geht die Tendenz dahin, vieles durch Sensoren zu erfassen. Hier kommen dann andere Firmen ins Spiel wie zum Beispiel Melktechnikhersteller. Es ist eine Herausforderung, Daten auszutauschen und die Informationen aus den Systemen für die Zucht nutzbar zu machen. Und das ist das entscheidende Kriterium für die Zucht: Nur was wir beschreiben und messen können, ist auch züchterisch nutzbar.

Sind Mängel in der Infrastruktur digitaler Netze auch für die Tierzucht von Bedeutung?

Lind: Für die Tierzucht ist es aus meiner Sicht nicht zwingend notwendig, eine sekundengenaue Übertragung zu haben. Allerdings sind ein stabiles Netz und eine ausreichende Datenübertragung unerlässlich. In vielen Betrieben ist dieses die größere Herausforderung.

Werden mit der Digitalisierung auch neue Zuchtziele für einzelne Tierarten definiert?

Lind: Unsere Zuchtziele bleiben identisch: Unser Ziel ist es, gesunde, robuste, langlebige und leistungsfähige Tiere zu züchten. Die Digitalisierung ermöglicht es uns, neue Merkmale zu erfassen und diese in der Zucht zu berücksichtigen. In der Rinderzucht wird derzeit viel zu dem Thema Futteraufnahme, Futtereffizienz und Methanausstoß geforscht. Wenn es uns durch den Einsatz von Sensortechnik gelingt, dazu verwertbare Daten zu erfassen, können diese sowohl für das Management als auch die Zucht verwendet werden.

Praxisrelevanz zählt

Bianca Lind ist Geschäftsführerin des im Mai 2017 gegründeten Bundesverbandes Rind und Schwein (BRS) mit Sitz in Bonn. Hervorgegangen ist er aus der Fusion verschiedener Rinderdachverbände und dem Dachverband der Schweineproduktion.

Die auf Tierzucht spezialisierte Agrarwissenschaftlerin hat langjährige Erfahrung in der Konzipierung und Umsetzung von Forschungsprojekten in die Praxis. Mit dem Bundesverband soll die Vertretung der Nutztierhaltung in Deutschland sichtbarer werden. 

Welche Konsequenzen hat die Digitalisierung der Tierzucht für die Praxis?

Lind: Für die Praxis bleibt immer die gleiche Herausforderung: Investitionen für technische Ausstattung müssen geleistet, Daten müssen ausgewertet und die Schlussfolgerungen angewandt werden. Wir sehen, dass in einigen Bereichen schon heute viele Daten anfallen. Allerdings werden sie nicht analysiert oder nicht in vollem Umfang für das Management verwendet. Daher können die Vorteile der Digitalisierung die Tierzucht unterstützen, aber nicht den Landwirt ersetzen.

Werden Ihre Aktivitäten beispielsweise durch staatliche Fördermaßnahmen unterstützt?

Lind: Bisher gibt es in unserem Bereich keine gesonderte Unterstützung für Digitalisierung. Allerdings ist Digitalisierung in vielen Forschungsprojekten ein Bestandteil, ohne dass dies gesondert herausgestellt wird.

Die Fragen stellte Dr. Jürgen Struck

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