Als "Systemkritisch" bezeichnet: Die Biene, stellvertretend für Schmetterlinge und Käfer.
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Als "Systemkritisch" bezeichnet: Die Biene, stellvertretend für Schmetterlinge und Käfer.

Die Bundesregierung sucht händeringend den Masterplan zum Erhalt der biologischen Vielfalt. Verbote von Neonicotinoiden und Glyphosat stehen zur Debatte. Wissenschaftler pochen aber auf weitere Maßnahmen zur Lebensraum-Rettung von Schmetterling, Käfer und Biene.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) will ihr „Aktionsprogramm Insektenschutz“ innerhalb der ersten 100 Regierungstage auf die Beine stellen. Dies bestätigte eine Ministeriumssprecherin gegenüber dieser Zeitung. Ende Juni müsste das Programm folglich fertig sein. Doch zunächst ist das Programm nur ein Vorschlag, den Schulze mit ihrer Kollegin aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL), Julia Klöckner (CDU), abstimmen muss. Klöckner hingegen arbeitet selbst an einer Ackerbaustrategie. Es ist kein Geheimnis, dass einige Maßnahmen aus dem Programm Insektenschutz in die Ackerbaustrategie einfließen werden. Schließlich hat sich die Bundesregierung im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, Insekten zu schützen. Trends zur Gefährdung verschiedener Insektenarten liefern die wissenschaftliche Basis für diese Entscheidung. Sie sind in der Roten Liste des Bundesamts für Naturschutz zusammengefasst: Rund 56 Prozent der Ameisen, 50 Prozent der Wildbienen und 45 Prozent der Kleinschmetterlinge sind derzeit als gefährdet eingestuft. Die Ackerbaustrategie soll in spätestens zwei Jahren vorgestellt werden. Experten beraten sich bereits.

Zwar schwinden Käfer, Schmetterlinge und Wildbienen, weil der Mensch ihnen den gewohnten Lebensraum streitig macht, darüber sind sich Imker, Wissenschaftler und Politiker einig (siehe Übersicht). Doch für das Bundesumweltministerium (BMU) ist klar, dass Landwirte, die Herbizide und Insektizide verwenden, ihren Teil dazu beitragen. Für Schulze sind Zulassungsvoraussetzungen nur dann erfüllt, wenn ein Mittel keine unannehmbaren Auswirkungen auf die biologische Vielfalt habe. Für Neonicotinoide und Glyphosat fordert das BMU ein Verbot. Klöckner hingegen will derzeit lediglich Mittel verbieten, die Bienen schaden. Neonicotinoiden droht aus ihrer Sicht erst dann ein Aus, wenn Wissenschaftler auch bei nichtblühenden Pflanzen ein Risiko für Bienen nachweisen können. In puncto Glyphosat gibt sich Klöckner ebenfalls weniger radikal als ihre Kollegin im BMU. Dennoch will die CDU-Politikerin den Gebrauch schrittweise einschränken. Für Landwirte steht fest: Sollten Neonicotinoide und Glyphosat verboten werden, brauchen sie Alternativen. Hierzu verweist ein Sprecher des BMEL auf veränderte Fruchtfolgen und mechanische Bodenbearbeitung.

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Unterdessen sehnen sich Imker ein Verbot von Neonicotinoiden herbei, weil diese Bienen enorm zusetzten. Aus Sicht der Wissenschaft greift ein Verbot der Neonicotinoide jedoch zu kurz. „Ein Verbot verändert viel zu wenig“, sagt Dr. Klaus Wallner, Bienenexperte der Landesanstalt für Bienenkunde in Hohenheim. Es müssten verstärkt Blühflächen angelegt werden. Auch für Dr. Horst-Henning Steinmann vom Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung an der Universität Göttingen müssen vor allem die „Lebensraumqualität“ für Insekten verbessert und das Nahrungsangebot erweitert werden. Selbst das Greening hat kaum dazu geführt, dass Insekten neuen Lebensraum finden. Das stellte der Europäische Rechnungshof im vergangenen Dezember fest. Lediglich auf 5 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche der EU wurden seither Bewirtschaftungsmethoden geändert. Das Ziel der Europäischen Kommission wurde verfehlt. Für das BMU ist klar, dass Landwirte auf unbürokratische Weise in die Lage versetzt werden müssen, etwas für die Umwelt zu tun.

„"Ein Verbot von Neonicotinoiden verändert viel zu wenig.“
Dr. Klaus Walter, 


Biodiversitätsexperten wie Steinmann von der Universität Göttingen haben Vorschläge parat, wie Landwirte das Nahrungsangebot für Insekten erhöhen können. Statt Mais könnte als Energiepflanze etwa die blühende Silphie angebaut werden. „Das wäre eine Win-win-Situation für beide Seiten.“ Auch Beikräuter statt „sauberer Feldbestände“ wären hilfreich. Fünf bis 10 Prozent schmälerten den Ertrag nicht, sagt Klaus Schmieder vom Badischen Imkerverband. In puncto Nahrungsangebot erklären Imker: Es wäre hilfreich, wenn etwa Leindotter als Untersaat im Roggen oder Hafer angebaut würde. Dann wären im Juni noch genügend Blüten für die Bienen da, erklärt Peter Maske, Präsident des Deutschen Imkerbundes. Auch Zwischenfrüchte wie Buchweizen, Phacelia oder Gelbsenf nach der Ernte im Sommer böten den Insekten genügend Nahrung, um über den Winter zu kommen. Ferner müssten auch bienenschonende Verfahren zur Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln wie das Dropleg-System gefördert werden. Das Dropleg-System arbeitet mit Düsen, die die Bestände unter der Blütenebene mit Spritzmittel behandeln. Es könnte damit das Konfliktpotenzial zwischen Landwirten und Imkern entschärfen.

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