RWZ Köln

"Bio richtig gemacht ist eine profitable Nische"

Ortstermin am Friedberger Standort (v.l.n.r.): Dr. Ulrich Dahm (Geschäftsführer Vertriebsgruppe Süd, RWZ), Christoph Kempkes (RWZ CEO), Dr. Matthias Mehl (Aufsichtsratsvorsitzender Raiffeisen Warengenossenschaft Friedberg).
Foto: RWZ
Ortstermin am Friedberger Standort (v.l.n.r.): Dr. Ulrich Dahm (Geschäftsführer Vertriebsgruppe Süd, RWZ), Christoph Kempkes (RWZ CEO), Dr. Matthias Mehl (Aufsichtsratsvorsitzender Raiffeisen Warengenossenschaft Friedberg).

Die RWZ Köln hat zur Ernte 2019 im hessischen Friedberg einen Standort zur Erfassung von Biogetreide in B etr ieb genommen. Was an der Nische "Bio" vielversprechend ist und was Tücken hat, erläutert RWZ-CEO Christoph Kempkes.

agrarzeitung: Die RWZ hat sich das Ziel gesteckt, an ihrem ersten Erfassungsstandort für Biogetreide in Friedberg 2019 einen Umsatz von 10 Millionen Euro zu erwirtschaften: Werden Sie dieses Ziel erreichen?

Christoph Kempkes: Der fokussierte Markteintritt der RWZ in das Segment "Bio" eröffnet uns zum einen Zugänge zu einer für uns neuen Kundengruppe und ermöglicht uns gleichzeitig, "konventionelle" Landwirte aus dem bestehenden Kundenkreis, die auf Bio umsatteln, weiter zu bedienen. Zum anderen erwarten unsere verbundenen Primärgenossenschaften von uns, dass wir das Thema Bio für sie operabel machen. Diese beiden Punkte waren unsere initiale Triebfeder. Unsere qualitativen Ziele, bei Bio Sichtbarkeit zu erzeugen und Kompetenz zu demonstrieren, haben wir erreicht.

Und wie sieht es nun mit den Zahlen aus: Erreichen Sie das Umsatzziel von 10 Millionen Euro in der ersten Saison?

Quantitativ hinken wir etwas hinterher.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Ein neues Segment aufzubauen, erfordert Investitionen, Geduld und Überzeugungskraft.

Der Standort in Friedberg
Im hessischen Friedberg hat die RWZ Köln Kapazitäten geschaffen, um 10 000 t Getreide zu erfassen und umzuschlagen. Der Bio-Standort hat zur Erntesaison 2019 den Betrieb aufgenommen. Rund 1 Mio. € hat die Hauptgenossenschaft dort nach eigenen Angaben investiert. Die Wahl ist auf Friedberg für den ersten Bio-Erfassungsstandort gefallen, weil die RWZ dort nach eigenen Angaben großes Kundenpotenzial sieht: "Im Umkreis von 100 Kilometern um den Friedberger Standort herum befinden sich nach unseren Analysen die meisten Biolandwirte in unserem Geschäftsgebiet", hatte Torben Junker, der bei der RWZ verantwortlich für das Geschäftsfeld Bio ist, vor Inbetriebnahme des Standorts im Sommer gegenüber der agrarzeitung (az) erläutert. Auch andere private und genossenschaftliche Agrarhändler setzen auf den Bio-Trend: so etwa die Agravis Raiffeisen AG in Münster und Hannover, die Baywa AG in München oder die Hauptgenossenschaft Nord AG in Kiel.

Wie weit ist die angestrebte Vermarktungspartnerschaft mit Naturland und Bioland gediehen?

Mit Naturland und Bioland haben wir Lohnlagerverträge abgeschlossen. Die RWZ hat diesbezüglich als Lagerhalter in Friedberg für einige Tausend Tonnen bereits Leistungsfähigkeit bewiesen. Vermarktungsseitig arbeiten wir mit den Verbänden zusammen, wo es möglich und sinnvoll ist.

Und wo ist es möglich und sinnvoll?

Dort, wo geschlossene Warenströme vom Verbandslandwirt bis zum verbandszertifizierten Verarbeiter vorliegen, arbeiten wir in der Vermarktung mit den jeweiligen Verbänden zusammen. So können wir für unsere Landwirte Struktur und Vermittlung anbieten, um an diesem Vermarktungskreislauf teilzunehmen.

Welcher Markt ist preislich interessanter: der für Bio- oder der für konventionelles Getreide?

Bio gut und richtig gemacht, halten wir für eine profitable Nische. Problematisch für die umstellenden Landwirte ist die Übergangsware; hier steht dem erhöhten Aufwand noch kein adäquat höherer Ertrag entgegen. Durch diese Durststrecke müssen wir durch. Interessant für uns als Händler sind auch die auskömmlichen Lohnlagerverträge.

Wie geht die RWZ mit der Problematik der Übergangs- beziehungsweise Umstellungsware um?

Teilweise gibt es Frustration bei Umstellungslandwirten, weil die Vermarktungspreise doch deutlich unter den Erwartungen liegen. Wir als RWZ bemühen uns sehr, keine überhöhten Erwartungen an die Preise zu schüren. Aber das ändert nichts daran, dass den Landwirten für Umstellungsgetreide gegenüber dem Vorjahr je nach Zeitpunkt beträchtliche 50 bis 100 Euro pro Tonne fehlen. Wir geben immerhin jedem Bio-Landwirt auch bei schwierigen Marktkonstellationen jederzeit einen vernünftigen Preis – und das tut nicht jeder Marktteilnehmer. Ähnlich wie im konventionellen Bereich haben Händler und Landwirt aber nicht immer eine übereinstimmende Preisvorstellung.

„Wir bemühen uns sehr, keine überhöhten Erwartungen an die Preise zu schüren.“
Christoph Kemkes, Vorstandsvorsitzender RWZ, 

Wie unterscheidet sich die Vermarktungsdynamik bei konventionellem und Biogetreide in der aktuellen Kampagne?

Bei konventionellem Getreide bewegen sich die Warenströme auf eingelaufenen Pfaden. Der Bio-Markt ist noch im Aufbau und deshalb nicht so transparent. Man "tastet" sich an Angebot und Nachfrage heran. Angebotsseitig hatten wir sehr viele Anfragen; die verarbeitende Industrie ist im Bio-Bereich als Nachfrager in 2019 allerdings zurückhaltender als angenommen. Bio ist noch nicht das "nächste große Ding".

Wann wird es Ihrer Einschätzung nach so weit sein: Wann ist Bio "the next big thing"?

Themen wie Tierwohl, Regionalität oder eben auch Bio sind zwar im politischen Mainstream angekommen; der Verbraucher an der Supermarktkasse kauft allerdings weiterhin überwiegend preisorientiert "konventionell". Ich vermute aber, dass durch die Änderungen der Ernährungsgewohnheiten insbesondere in der jüngeren Generation auf Sicht von drei bis fünf Jahren mehr Drive in die Bio-Branche kommen wird.


Sie sagen, Markt und Preisbildung für Biogetreide sind weniger transparent als bei konventionellem Getreide: Ist das aus Sicht eines Agrarhändlers eher ein Vorteil oder ein Nachteil?

Bei Bio-Getreide findet zwischen Anbieter und Nachfrager meist eine individuelle Preisfindung je Produkt und Beschaffenheit statt. Gut gemacht, können Landwirt und Händler hieraus einen Vorteil gegenüber konventioneller Ware generieren, welche ja bekanntlich durch die Börse standardisiert ist, was nur kleine Spielräume lässt.

Wie herausfordernd ist die Gesunderhaltung der Ware dadurch, dass bei der Lagerung von Biogetreide weitgehend auf synthetischen Lagerschutz verzichtet wird?

Durchaus herausfordernd. Zuerst muss man in eine adäquate Infrastruktur und Ausstattung investieren und dann die Mitarbeiter ausführlich auf die Bedienung und teils anspruchsvollere sowie neue, zusätzliche Prozessschritte trainieren. Das haben wir gemacht und bekommen im Ergebnis die Lagerung ohne synthetischen Schutz sehr gut hin.

Wo werden weitere RWZ-Biostandorte eröffnet – und wann?

Neu bauen werden wir sicherlich nicht. Die Umstellung eines Standortes erwägen wir nur, wenn genügend Vermarktungspotenzial in einer Region vorliegt und noch kein ausreichender Bio-Lagerraum vorhanden ist. Derzeit haben wir diesbezüglich als RWZ nichts vor – das kann sich aber schnell ändern, wenn wir unsere Gespräche in Sachen Bio mit interessierten und verbundenen Primärgenossenschaften auf die Zielgerade bringen.

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