Senckenberg-Institut

„Alternative Wissenschaft“ zum Wolf


Erfundene Nachrichten über den Wolf werden als wissenschaftliche Fakten verkauft, kritisieren Forscher.
Bild: sro
Erfundene Nachrichten über den Wolf werden als wissenschaftliche Fakten verkauft, kritisieren Forscher.

In den letzten Monaten kocht die Diskussion über das größte Raubtier in Deutschland hoch. Fakten und Sachlichkeit bleiben dabei auf der Strecke, beschweren sich Wissenschaftler des Senckenberg-Instituts.

In Deutschland wird emotional über den Wolf diskutiert. Nur leider sei die öffentliche Diskussion sehr weit von der wissenschaftlichen Wahrheit entfernt, bedauerte Dr. Carsten Nowak, Leiter des Genetischen Referenzzentrums des Senckenberg Forschungsinstituts für Naturforschung, bei einem Pressegespräch. Stattdessen entstehe überall dort, wo der Wolf hinzukomme, eine „alternative Wissenschaft“, so Nowak. Diese Art von „Fakenews“ finde sich vor allem in den sozialen Netzwerken. Als Beispiel führt der Wissenschaftler die Behauptung ins Feld, bei den Wölfen in Deutschland handle es sich um Hybride, um Mischlinge zwischen Wölfen und Haushunden. Im Gegensatz zum geschützten Wolf dürfen Hybride bejagt werden. Tatsächlich bestehe die Wolfspopulation in Deutschland aber nur zu unter einem Prozent aus Hybriden. Konkret lebe aktuell ein einziger Mischling in Thüringen. An anderer Stelle werde behauptet, man könne Wölfe und Hunde anhand der Fährte viel besser voneinander unterscheiden als mittels DNA-Probe. Dazu würden erfundene Wissenschaftler und Institutionen genannt. „Bei näherer Betrachtung ist es hanebüchener Unsinn. Aber viele glauben es“, bedauert Nowak.

Entschädigungen müssen schneller fließen

Dr. Hermann Ansorge, Projektleiter der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW), räumte auf der Veranstaltung in Frankfurt am Main ein, dass die Herdenschutzmaßnahmen keinen vollständigen Schutz bedeuteten. "Man greift bei dem Herdenschutz in die Leere. Da fehlt in Deutschland etwas", sagte er und wünschte sich einen effektiveren Schutz.
Er sprach sich für eine deutliche und zeitnahe Kompensierung der Geschädigten aus. „Wenn wir uns als Gemeinschaft einen Wolf leisten wollen, wird uns das etwas kosten“. Genau wie ein Waldbesitzer für den Unterhalt der Waldwege kompensiert werde, müsse das auch für Schäden durch den Wolf gelten. Der Wolf deckt laut Daten des Senckenberg-Instituts nur zu 1,1 Prozent seinen Nahrungsbedarf mit Nutztieren. Zu 20 Prozent ernähre er sich von Schwarzwild.

Aktuell knapp 1200 Wölfe

Das Senckenberg-Institut ist das Referenzlabor Deutschlands für den Wolf und führt die Daten der Länder zum Wolfsmonitoring zusammen. Aktuell kenne man 1154 genetisch erfasste Wölfen mit „Vor- und Nachnamen“, erklärt Nowak. Nach aktuellen Erkenntnissen leben in Deutschland 73 Rudel, 31 Paare und 3 territoriale Einzeltiere. Insgesamt geht das Institut von 246 adulten Wölfen aus. Weil Rudelgrößen teilweise sehr stark voneinander abweichen, bezeichnet das Bundesamt für Naturschutz konkrete Zahlen als „nicht seriös“. Genauso wenig ließe sich seriös vorhersagen, wie sich die Wolfspopulation oder die Risszahlen entwickeln werden.

Ob und wann der Wolf wieder ins Jagdgesetz aufgenommen werde, sei mehr eine Frage der Gesellschaft und der Politik als die der Wissenschaft, so Nowak. In Sachsen steht der Wolf im Jagdgesetz, jedoch mit ganzjähriger Schonung.

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