Dr. Michaela Kuhl, Rohstoffanalystin Commerzbank AG
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Dr. Michaela Kuhl, Rohstoffanalystin Commerzbank AG

Der Handelsstreit zwischen den USA und China ist von überraschenden Wendungen geprägt. Nachdem es in den vergangenen Wochen – zumindest auf offener Bühne – scheinbar ruhiger geworden war, sorgte erst dieser Tage eine neue Volte aus Washington für Irritationen. Die Regierung Trump kündigt nun doch an, mit den Strafzöllen für Waren aus China Ernst machen zu wollen.

Was bisher geschah:

Anfang April hatte China in Reaktion auf die US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium Gegenzölle auf die Einfuhr von Früchten, Nüssen, Wein, Ethanol und Schweinefleisch eingeführt. Dann reagierte Peking auf die Androhung von US-Präsident Donald Trump, Strafzölle in Höhe von 25 Prozent auf 1.300 Produkte aus China zu erheben, seinerseits mit der Ankündigung von Zöllen in Höhe von 25 Prozent auf 106 US-Importgüter. Davon betroffen wären auch zahlreiche Agrarprodukte wie Sojabohnen, Mais, Weizen und Baumwolle. Das ist kein Zufall, denn China ist mit Kanada der größte Abnehmer von US-Agrargütern. Insbesondere Strafzölle auf Sojabohnen wären für die US-Agrarindustrie schmerzhaft. Diese sind das mit weitem Abstand wichtigste US-Agrarexportprodukt: Die USA stellen knapp 40 Prozent des weltweiten Exportangebots zur Verfügung und rangieren unter den Anbietern auf Rang 2 hinter Brasilien. Im Jahr 2017 wurden laut US-Landwirtschaftsministerium USDA mit Sojabohnen Exporterlöse von 21,6 Mrd. US-$ erzielt, knapp 60 Prozent davon in China, an das 32 Mio. t Sojabohnen geliefert wurden.


Daher überraschte die zunächst negative Preisreaktion bei Sojabohnen wenig. Doch kurz darauf war der Preis wieder ähnlich hoch wie einen Monat zuvor. Nach dem Motto „Des einen Leid, des andern Freud“ waren die Preise für Sojabohnen aus Brasilien, das als eindeutiger Profiteur möglicher Strafzölle auf US-Sojabohnen durch China gilt, in die Höhe geschnellt. Der Preisabstand zwischen brasilianischen und US-Sojabohnen weitete sich zeitweise auf ein Rekordhoch aus. Denn chinesische Importeure reagierten bereits mit einer erhöhten Nachfrage nach brasilianischer Ware auf die Gefahr, dass bei der Einfuhr von US-Sojabohnen Strafzölle fällig werden könnten. Dann aber bestätigte das USDA Vertragsabschlüsse privater US-Exporteure, und es wurde kolportiert, dass die Käufer insbesondere Verarbeiter in EU-Ländern waren, die von teuren brasilianischen auf günstigere US-Sojabohnen umschwenkten. Der dürrebedingte Produktionsausfall in Argentinien, dem drittgrößten Sojabohnen- und größten Sojaschrot- und Sojaölexporteur, sorgte für weiteren Auftrieb – bis die US-Regierung Mitte dieser Woche mit ihrer erneuten Androhung von Strafzöllen auf chinesische Produkte die Sojakurse in Chicago wieder belastete.

Nebenschauplatz EU-Agrarmarkt:

Wichtiger als das Rohprodukt Sojabohnen ist für die EU aber der Import von Sojaschrot, das als Futtermittel eingesetzt wird und das die Union weitgehend aus Südamerika bezieht. Auch hier droht China den USA mit Strafzöllen, wohl wissend, dass Handelsbeschränkungen bei Rohprodukten dadurch unterlaufen werden können, dass mehr verarbeitete Produkte geliefert werden. Möglich wäre aber, dass die USA das mit einem massiven Ernterückgang konfrontierte Argentinien mit Sojabohnen beliefern, die dort zu Sojaschrot verarbeitet und dann nach China exportiert werden. Tatsächlich hat Argentinien in den vergangenen Wochen Sojabohnen importiert, um seine Verarbeitungskapazitäten auszulasten. Wie die europäischen Nachfrager betroffen würden, ist nicht sicher zu sagen. Einerseits könnte die Produktion von Sojaschrot in Argentinien auf diesem Weg auf einem höheren Niveau weiterlaufen, was das Angebot erhöht. Andererseits dürfte diese Menge eben verstärkt von China nachgefragt werden – oder aber auch nicht: Im 1. Quartal sind die chinesischen Schweinepreise so stark gefallen, dass sie nun Agenturberichten zufolge unter den Produktionskosten liegen. Das dämpft die Futtermittelnachfrage.

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Der Optimismus, den das USDA in seinen ersten Prognosen zu den Ernten 2018/19 versprühte, dürfte denn auch Teil eines psychologischen Spiels der Kontrahenten gewesen sein. In diesem gaben die USA „business as usual“ vor und setzten für 2018/19 auf einen deutlichen Anstieg ihrer Sojabohnenexporte. China andererseits gab sich wenig interessiert und prognostizierte den ersten Rückgang seiner Sojabohnenimporte seit 15 Jahren – US-Ware wäre davon wohl besonders betroffen. Bei der Interpretation der nächsten Handelsdaten sollte aber auch nicht vergessen werden, dass die US-Sojabohnenlieferungen nach China generell vor allem zwischen Oktober und März erfolgen. Das liegt am Erntezyklus. Während die US-Ernte im Herbst stattfindet, kommen die Ernten in Südamerika erst ein knappes halbes Jahr später auf den Markt. Der Großteil der US-Lieferungen dürfte also mittlerweile schon erfolgt sein und der Handelsstreit lediglich zu einer früher einsetzenden Verdrängung der USA durch Brasilien geführt haben.

Zwischenfazit:

Bevor also überhaupt ein wirklich gravierender Nachfrageeinbruch aus China zu befürchten wäre, bleibt noch eine ganze Weile Zeit, um die Handelsstreitigkeiten auf dem Verhandlungsweg beizulegen. Allerdings werden Ankündigungen beider Parteien, intensiv an einem gemeinsamen Handelsabkommen arbeiten zu wollen, von den jüngsten Muskelspielen aus Washington überschattet.

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