Die Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen Ost und West lassen sich nicht wegsubventionieren, sagt eine neue Thünen-Studie. Größte Herausforderung ist die Digitalisierung.

Nachdem die Studie „Vereintes Land – drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall“ des Leibniz Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) kürzlich die Gemüter erhitzt hatte, legt das Thünen-Institut in Braunschweig jetzt mit einer Studie zum „Strukturwandel in der Wissensgesellschaft“ nach. Beide Studien kommen grob vereinfacht gesagt zu dem Ergebnis, dass die wirtschaftliche Bedeutung von urbanen Zentren gegenüber ländlichen Räumen in der „Wissensgesellschaft“ tendenziell abnimmt. Denn Dienstleistungen in Bereichen wie Beratung, IT oder Finanzen, in denen überwiegend hochqualifiziertes Personal beschäftigt ist, sind eher in der Stadt als auf dem Land konzentriert.

Während die IWH-Studie zur wirtschaftlichen Entwicklung in West- und Ostdeutschland seit dem Mauerfall von einigen Kritikern als Aufruf zur Abwicklung ländlicher Räume im Osten interpretiert wurde, betont das Thünen-Institut in der Pressemitteilung ein regional ausgewogenes Bild: „Deutschlands ländliche Räume sind sehr vielgestaltig. Strukturelle Unterschiede gibt es nicht nur zwischen Ost und West oder Nord und Süd, sondern auch innerhalb dieser Regionen“, teilt die Bundesforschungseinrichtung mit.

Trumpfkarte Erfahrungswissen

Doch auch Studienautorin Dr. Anne Margarian stellt fest: „Gut bezahlte Arbeitsplätze werden in ländlichen Räumen vor allem von Industrie und Handwerk bereitgestellt.“ Unternehmen dieser Branchen würden den Vorteil einer langfristigen Zusammenarbeit mit ihren Mitarbeitern nutzen. Effekt dieser langfristigen Zusammenarbeit: Beschäftigte in Industrie und Handwerk sammelten „oft über Jahre und Jahrzehnte wertvolles Erfahrungswissen“. Dieses Wissen lege einen „Grundstein für eine starke Stellung der Unternehmen auf den nationalen, europäischen und globalen Märkten.“ Magarians Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich über Jahrzehnte erworbenes Erfassungswissen, von dem das produzierende Gewerbe besonders im Westen profitiert, im Osten nicht einfach herbeisubventioniert werden könne.

Das Plädoyer an die Politik: Einschneidende Prozesse wie die digitale Transformation in der Fläche begleiten und gegebenenfalls Unternehmen in einem besonders harten Wettbewerb unterstützen. Die Anpassung von Unternehmen gerade des produzierenden Gewerbes an die fortschreitende Digitalisierung wird nämlich entscheiden, inwieweit sich Ost und West, Stadt und Land in der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung einander angleichen. Neben dem Aufbau einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur ist laut Studie dafür ein Aufbau „digitaler Kompetenzen der Beschäftigten von Unternehmen aller Branchen erforderlich“. 

Größere Unternehmen der Ernährungswirtschaft wachsen trotz Strukturwandel

Gute Nachrichten für die Ernährungswirtschaft. Sie weist laut der Thünen-Studie im Vergleich zu anderen Branchen des verarbeitenden Gewerbes mit einem jährlichen Plus von 0,9 Prozent eine relativ stabile Beschäftigungsentwicklung auf. Dabei geht die Anzahl der Betriebe um 2,4 Prozent zurück: „Es findet also ein ausgeprägter Konsolidierungsprozess zugunsten größerer Betriebseinheiten statt, so die Schlussfolgerung. Große Betriebseinheiten sind tendenziell besser für den Strukturwandel gerüstet: „Durch Differenzierung ihres Produktportfolios und Produktinnovationen schaffen es gerade die größeren Betriebe der Ernährungswirtschaft, ihre Märkte trotz insgesamt relativ unelastischer Nachfrage nach Nahrungsmitteln zu vergrößern“, so Margarian. Ländliche Regionen, in denen die Ernährungswirtschaft stark ist, erweisen sich auch in anderen Wirtschaftsbereichen als gut aufgestellt, wie die Studienautorin mit Verweis auf Nord-West-Niedersachsen und Bayern feststellt. Allerdings sei nicht auszuschließen, dass dieser positive Effekt auf andere Wirtschaftsbereiche zufällig ist.

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  1. EU-Bauer Klaus1618
    Erstellt 13. März 2019 11:51 | Permanent-Link

    So richtig hat das Thünen-Institut die Zeichen der Zeit wohl nicht erkannt!? Algorithmen sollen künftig genau das ersetzen, was hier explizit noch immer heroisch hervorgehoben wird, nämlich die langjährigen Erfahrungswerte. Bezieht man sich hierbei vielleicht gar wollentlich auf die reichen Erfahrungsschätze des eigenen Instituts?

    Die Digitalisierung formiert sich längst nicht mehr als ein behäbiges Bummelbähnchen quer durch‘s Land, sondern ist weit eher äußerst ambitioniert mit der Zielsetzung des zügigen Erreichens von Überschallgeschwindigkeiten unterwegs. Fatalerweise sind allerdings einige Partner der Landwirtschaft bis dato nicht einmal über die Zeiten der guten alten Postkutsche hinausgewachsen.

    Wer sich das Politikerderblecken auf dem diesjährigen Nockherberg verinnerlichte, für den erübrigt sich das Lesen dieser Studie schon beinahe von selbst...

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