Tierhaltung

"Die Grenzen, die Tiere aushalten können, sind ausgereizt"


Aggressivität und andere unsoziale „Marotten“ erschweren das Halten von Schweinen. Das Portal "Wir sind Tierarzt" sieht dabei insbesondere die Ferkelzüchter in der Pflicht. Grundsätzlich fordern sie einen fundamentalen Wechsel in der Tierhaltung.

Tierärzte sollten nicht beim Leistungswettlauf mitmachen, heißt es auf dem Internetportal Wir sind Tierarzt. Das Ausreizen der Leistungsmöglichkeiten wie immer größere Würfe, immer früheres Absetzen gepaart mit engen, monotonen Ställen überfordere die Tiere. Die Folgen seien geringere Stresstoleranz, Aggressionen und gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Tierärzte müssten Beratung anpassen

"Die Grenze dessen, was Tiere aushalten können, ist bei allen Gattungen bereits ausgereizt und teilweise überschritten. Daher muss die Beratung der Landwirte angepasst werden", erklärt die Redaktion des Portals, die vor allem aus Veterinären besteht. Tierärzte müssten einsehen, dass es nicht ihre Aufgabe sein könne, diesen (Leistungs)Wettlauf weiter zu fördern. Darüber hinaus sei es auch – ganz abgesehen vom Tierleid – unwirtschaftlich, wenn unzählige Ferkel und Mastschweine vorzeitig verendeten. 

"Wir sind Tierarzt" sieht die Gründe für Verhaltensstörungen vor allem in der Ferkelhaltung, also beim Züchter. Die ersten Lebenswochen als Ferkel prägten das spätere Verhalten von Mastschweinen. Grundlage dieser Annahme ist eine Studie der Wissenschaftlerinnen Helena Telkänranta und Sandra Edwards, die in an  Universitäten in Großbritannien und Finnland tätig sind und die moderne Schweinehaltung mit dem Leben von Wildschweinen verglichen haben. Daraus leiteten die Wissenschaftlerinnen konkrete Handlungsanleitungen für Veredler ab:

Risikofaktor zu frühes Absetzen

Zu frühes Absetzen von der Mutter begünstigt aus Sicht von Telkänranta und Edwartds aggressives oder ängstliches Verhalten der Ferkel. Werden Ferkel zu früh abgesetzt, führt das beispielsweise zum sogenannten Belly-Nosing, bei dem eine Art Bauchmassage an anderen Ferkel versucht wird. Dieses Verhalten gilt eigentlich der Mutter, um den Milchfluss zu stimulieren.

Monotone Ställe

Monotone Ställe ohne Stroh oder andere Möglichkeiten zum Wühlen und Kauen führen dazu, dass Ferkel sich ihren Wurfgeschwistern widmen und deren Schwänze anknabbern. Es sollte also von Anfang an darauf geachtet werden, den Ferkeln Abwechslung zu bieten und sei es durch Kaustricke und andere Spielzeuge (auch Zeitung), wenn systembedingt keine Stroheinstreu möglich ist. Ferkel, die in monotonen Ställen gehalten werden, können außerdem ihre kognitiven Fähigkeiten nicht voll entwickeln. Das führe dazu, dass die Ferkel im späteren Leben ängstlich und gestresst auf Veränderungen reagieren.

Konkurrenz macht aggressiv

Konkurrenz macht aggressiv und Ferkel aus großen Würfen, die schon früh um Zitzen kämpfen mussten, sind auch später eher aggressiv. Zudem brauchen Ferkel Platz, um Schaukämpfe auszutragen und so soziale Kompetenz zu lernen. Auch der frühe Kontakt – vor dem Absetzen – mit anderen Würfen führt dazu, dass die Ferkel soziales Verhalten trainieren und Neugruppierungen leichter verkraften.

Stressresistenz „lernen“

Um im späteren Leben gut mit Stress umgehen zu können, sollten die Ferkel im frühen Leben möglichst lange möglichst wenig Stress erfahren. Wird das Leben der Ferkel in den ersten Lebenswochen zu häufig verändert oder machen sie viele negative Erfahrungen, dann können die Ferkel auch im späteren Leben weniger gut mit Stress umgehen. Wenn sie zudem noch in einer monotonen Umwelt gehalten werden, dann ist der basale Stressspiegel generell deutlich höher als bei Ferkeln, die mehr Abwechslung geboten bekommen.

Den vollständigen Artikel gibt es auf Wir sind Tierarzt.de

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