Tierrechtler-Urteil

Bauern haben Angst vor Transparenz

Das Urteil des OLG Naumburg, das den Tierschutz höher bewertet als das Hausrecht, sorgt für Unsicherheit unter Landwirten. Verständnis gibt es wenig, umso mehr geht die Angst um, dass Stalleinbrüchen Tür und Tor geöffnet wird.


Vielen Landwirten wird es mulmig, wenn sie an einen Einbruch in ihre Ställe denken. Sicher ist es kein angenehmes Gefühl, morgens zur Arbeit in einen auswärts liegenden Stall zu fahren. Wer möchte schon gern eine Überraschung in Form filmender Tierschützer erleben, um sich dann in die Riege der Landwirte einzureihen, die öffentlich an den Pranger gestellt werden? Kein Wunder, dass das Urteil des Landgerichtes Naumburg aus der vergangenen Woche viele Schweinehalter in Rage bringt.

Dabei muss die Angst vor Stalleinbrüchen nicht unbedingt daran liegen, dass die Zustände im Stall gegen Tierschutzauflagen verstoßen. Ihren Namen in der Zeitung lesen wollten Schweinhalter, mit denen agrarzeitung.de gesprochen hat, dennoch nicht. Ihre Eindrücke haben wir in einem Stimmungsbild zusammengefasst.

Da ist einerseits der Eindruck der Landwirte, als Tierhalter ohnehin schon viel Zeit und Arbeit in Veterinärkontrollen investieren zu müssen. Viele haben Angst davor, durch das Urteil nun einer regelrechten Willkür ausgesetzt zu sein, die sie nicht auch noch akzeptieren wollen.

Auch regelkonforme Zustände am Pranger

Aus Sicht vieler Landwirte skandalisieren Tierschützer, weil sie ohnehin eine konventionelle Tierhaltung ablehnen. Als Beispiel nennen einige, dass in Reportagen auch Zustände angeprangert werden, die regelkonform sind. In einem Fall eines durch Einbruch geschädigten Landwirtes haben die Tierschützer im Sommer Fliegenmaden im Kot zwischen den Spatenböden dokumentiert und angeprangert. Zudem hatten sie ein krankes Schwein abgelichtet. Es ist zwar auf dem Gang ausgesondert, erfährt aber die übliche Versorgung, wie ein Wassertrog im Vorderund zeigt. Der dokumentierte Landwirt ist der Initiative Tierwohl angeschlossen; sein Hof gilt beim örtlichen Bauernverband als Vorzeigebetrieb. Die eingestiegenen Tierschützer nahmen aber eben diesen Betrieb im Oktober 2017 zum Anlass, das Label Tierwohl als eine „Farce“ zu bezeichnen. Die Begründung: ob nur zehn statt zwölf Schweine in engen Buchten gehalten würden, mache letztlich keinen Unterschied, ließ sich ein Aktivist in der Lokalzeitung zitierten. „Schweine wollen sich suhlen und rennen können.“

Tierschützer sprechen auch bei diesem Foto von einer „Farce“.
Foto: Tierretter.de
Tierschützer sprechen auch bei diesem Foto von einer „Farce“.

Skepsis verhindert Transparenz

Ein anderer Schweinehalter glaubt, dass sich Verbraucher beim Griff nach der abgepackten Fleischwurst aus dem Discounter-Kühlregal keine Gedanken über die Haltungsform des Tieres machen. „Da zählt doch nur der Preis.“ Die Verbraucher, die sich Gedanken machen, kauften vielleicht beim Metzger oder an der Frischfleischtheke im Supermarkt. Aber auch solche Verbraucher mag der befragte Landwirt, der mit seiner Familie einen Ackerbaubetrieb mit Kartoffelanbau und Schweinmast betreibt, nicht durch seine Ställe führen. Er ist sich sicher, dass die Verbraucher andere Erwartungen an die Haltung hätten, als er auf seinem Hof bietet. „Wir hatten Anfragen, weil unser Name als Lieferant beim Metzger aushing.“ 

Was in den verschiedenen Gesprächen immer wieder mitschwingt: Tierhalter stellen immer wieder fest, dass den Verbrauchern gar nicht klar sei, wie es in Mastställen aussehe und was erlaubt oder verboten sei. „Auf solche Diskussionen wollen wir uns nicht einlassen“, sagt ein anderer Schweinemäster, der bald die Hofnachfolge antreten will. Das zeigt, wie hoch die Skepsis der Landwirte ist, wenn es darum geht, dass Transparenz im Stall Vertrauen bei Verbraucher wecken soll.  

Verbände in der Pflicht

Aber auch ohne Einbruchserfahrung –  Landwirte spüren im Alltag, dass es in der Bevölkerung ein schrumpfendes Verständnis für ihren Berufsstand gibt. Dieses Phänomen ist mittlerweile in den ländlichsten Regionen zu finden. „Tierhaltung stinkt, Landmaschinen behindern den Verkehr und verschmutzen die Straßen, Pflanzenschutzmittel vergiften Bienen und die Umwelt. Auch wenn sich die Verbände bemühen: Das Image unserer Landwirte könnte wahrlich besser sein“, sagt ein Ackerbauer aus Nordhessen.

Einige finden, dass es Aufgabe der Verbände sei, den Verbrauchern in diesem Land besser klar zu machen, dass selbst mittelständige Familienbetriebe mittlerweile spezialisierte und hoch technologisierte Betriebe sind. „Zu viele Verbraucher haben eine Bauernhofidylle im Kopf, die es in der Regel so nicht mehr gibt“, ist zu hören. Gut fänden daher manche auch, wenn auf Wurst- und Fleischverpackungen keine Bauerhofidylle vorgegaukelt werden dürfe.

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