Neonicotinoide

Vögel verlieren die Orientierung


Neonicotiniode gefährden möglicherweise nicht nur Insekten. Auch Singvögel können erkranken, wenn sie gebeiztes Saatgut fressen.

Wissenschaftler der Universität Saskatchewan (Kanada) haben herausgefunden, dass mit dem Neonicotinoid Imidacloprid gebeizte Rapssamen für Singvögel giftig sein können. Bei Vögeln, die mit Imidacloprid behandelte Körner gefressen haben, seien die Fettspeischer abgebaut worden. Neben einem Verlust der Körpermasse diagnostizierten die Forscher auch einen verminderten Orientierungssinn, heißt es in der Studie, die in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht wurde. Imidacloprid-Hersteller Bayer CropScience bezweifelt in einer Stellungnahme die Aussagekraft der Ergebnisse.

Fortpflanzungschancen der Vögel sinken

Wenn wilde Singvögel über einen Zeitraum von drei Tagen jeweils vier gebeizte Rapssamen fressen, führe das zu einem langsameren Vogelzug, einer falschen Flugrichtung, einem höheren Mortalitätsrisiko und zu geringeren Fortpflanzungschancen, fassen die Wissenschaftler ihre Beobachtungen zusammen. In Nordamerika spielen Neonicotinoide eine wichtige Rolle im Rapsanbau. Praktisch das gesamte Canola-Saatgut wird mit Neonicotinoiden gebeizt, allerdings in der Regel nicht mit dem in der Studie verwendeten Wirkstoff Imidacloprid. Auch bei Mais und Soja werden insektizide Beizen verwendet.

„Die abweisenden Eigenschaften der Saatgutbehandlung würden die Vögel normalerweise davon abhalten mit Imidacloprid behandelte ganze Canola-Samen zu absorbieren.“
Paul Thiel, Vice President Bayer CropScience Kanada, 

Im Vogelzug Orientierung verloren

Die Wissenschaftler verfütterten mit Imidacloprid behandelte Samen an Weißkronensperlinge und unbehandelte Körner an eine Kontrollgruppe. In einem zweiten Versuch wurde das Insektizid Chlorpyrifos verwendet. Die Dosen seien für Vögel realistisch gewesen, die beim Vogelzug im Frühling Rast auf Ackerflächen machen. Die Tiere hätten überraschend empfindlich und schnell auf das Insektizid reagiert, stellten die Wissenschaftler fest. Die Vögel zeigten einen signifikanten Verlust der Körpermasse und Zeichen einer akuten Vergiftung wie Lethargie und Appetitlosigkeit. Bei Migrationsversuchen habe sich außerdem herausgestellt, dass sich die Vögel nicht vollständig orientierten oder ihre Ausrichtung nach Norden verloren. Die Aufnahme von Chlorpyrifos habe sich nicht auf die Körpermasse ausgewirkt, aber auch den Orientierungssinn beeinträchtigt.

Gebeiztes Saatgut wirkt abweisend für Vögel

Bayer, das Imidacloprid in mehr als 100 Ländern vertreibt, nannte die Studie in einer Stellungnahme irreführend, da sie keine realen Bedingungen für Weißkrallen-Spatzen in Westkanada darstelle. „Die abweisenden Eigenschaften der Saatgutbehandlung würden die Vögel normalerweise davon abhalten mit Imidacloprid behandelte ganze Canola-Samen zu absorbieren“, zitiert das Agrarmagazin Western Producer den Vice President von Bayer CropScience in Kanada, Paul Thiel.

Minimale Auswirkungen bei Vorschriftsmäßiger Anwendung

Frühere Studien mit Vögeln im Käfig hätten gezeigt, dass sich die Vögel nicht für das mit Imidacloprid behandeltem Saatgut interessierten, wenn andere Nahrungsquellen zur Verfügung standen. Wissenschaftliche Belege zeigten eindeutig, dass Imidacloprid, wenn es vorschriftsmäßig verwendet wird, minimale Auswirkungen auf die Umwelt habe. Die schließe die Aufnahme durch Samen fressende Singvögel ein, betont Thiel. Er wies zudem darauf hin, dass Imidacloprid selten als Saatgutbehandlung für Canola verwendet werde.

Health Canada fordert Imidacloprid-Verbot

Imidacloprid ist in Kanada umstritten. Im November 2016 schlug Health Canada vor, den Wirkstoff zu verbieten, da sich das Insektizid in der Nähe von landwirtschaftlichen Flächen ansammele. Dadurch seien Wasserinsekten und Tiere bedrohen, die diese Insekten fressen. In der Agrarbranche stieß der Vorstoß auf Widerstand. In Nordamerika wird Imidacloprid vor allem in der Weizenbeizung eingesetzt, um Drahtwurm zu kontrollieren.
stats