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Mit dem heutigen Austritt der Briten aus der Europäischen Union ist der Brexit vollzogen. Nach der Trennung beginnt der Rosenkrieg.

Der heutige Tag ist eine Zäsur für Europa: Endlich ist Brexit. Seit dem schicksalshaften Referendum im Juni 2016 beherrschten die Briten die Nachrichtenlage wie seit den glorreichen Tagen des Empire nicht mehr. Viele Kontinentaleuropäer bedauern den Austritt, aber mal ehrlich: Die wiederholten Terminverschiebungen und das ständige Spektakel im Londoner Parlament haben dann doch genervt. Deswegen sind die meisten auch erleichtert, dass die Briten endlich Ernst machen und der Europäischen Gemeinschaft „Goodbye“ sagen. Die Briten begehen das Ereignis mit einer Countdown-Uhr, die an die Wand von 10 Downing Street projiziert wird. Und eine Gedenkmünze soll auch in Umlauf kommen.

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Kommentar Axel Mönch az-Korrespondent in Brüssel
Weg vom staatlichen Subventionstropf
Die Briten gehen mit mutigen Schritten voran.
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Wer nun aber denkt, dass mit dem heutigen „B-Day“, dem viel beschworenen Austrittstag, die gebetsmühlenartigen Debatten um die sektiererischen Briten ein Ende hätten, der irrt. Heute beginnen lediglich die auf elf Monate angelegten Verhandlungen mit der EU darüber, wie das Binnenverhältnis nach der Scheidung aussehen soll.

Muskelspiele auf der Insel

Bis zum Jahresende will Premier Boris Johnson also alles geklärt haben – und lässt schon mal die Muskeln spielen. Nach Trump‘schem Vorbild sind Zölle auf deutsche Autos im Gespräch, und sogar die „Good Friends“ aus den USA sollen künftig mit Zöllen belegt werden, berichtet zumindest die „Sunday Times“.


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Zu viel Lammfleisch auf der Insel
Zollgrenzen werden den britischen Agrarmarkt durcheinanderwirbeln.
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Bei der Suche nach neuen Handelsabkommen zeigt sich auch der Londoner Gelbschopf – nach dem Motto „Make Britain great again“ – nicht zimperlich. Erst einmal wird eine mächtige Drohkulisse aufgebaut, dann getestet, wer die besseren Nerven hat, um dann schließlich jeden Kompromiss als riesigen Erfolg für sich selbst zu verkaufen. Aber der Weg bis zu solchen Kompromissen ist in Europa noch weit. Immer donnerstags tagt nun die Projektgruppe des britischen Parlaments, um die Marschroute für den Brexit zu beraten. Auch in Brüssel laufen die Treffen der Brexit-Spezialisten auf Hochtouren. Offiziell sollen die Briten und die Europäer ihren Verhandlungsfahrplan in der ersten Februarwoche vorstellen.

Johnson hat es eilig

Theoretisch ist es laut dem Austrittsabkommen der EU mit den Briten möglich, dass diese komplizierten Verhandlungen noch um zwei Jahre verlängert werden – also bis Ende 2022. Das will Johnson aber um jeden Preis verhindern, weil die Briten während dieser Zeit im europäischen Binnenmarkt und der Zollunion bleiben, ohne die Regeln mitbestimmen zu können. Bei jeder Verlängerung fürchtet der krawallige Premier obendrein einen enormem Gesichtsverlust. Schließlich hat Johnson seinen Wählern versprochen, den angekündigten Brexit schnell in die Tat umzusetzen.

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Brexit als Befreiungsschlag
Britische Agrarpolitik setzt auf Umweltanreize statt Flächenprämien.
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Aber auch auf dem Kontinent würden lange Verhandlungen ermüden. Außerdem steht die EU auf internationaler Bühne vor wesentlich größeren Herausforderungen, denn das Kräftegleichgewicht mit den USA, China und Russland muss ebenfalls ständig neu austariert werden. Dabei werden die verbliebenen 27 EU-Länder in ihren Brüsseler Institutionen häufiger die Stimme aus London vermissen. Abseits des Brexit-Getöses fehlen die liberale Haltung und nicht zuletzt der britische Humor. Viel zu lachen gibt es nämlich nicht.

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