Experten des Weltbiodiversitätsrats schlagen in ihrem Abschlussbericht Alarm: Das Artensterben sei massiv vorangeschritten. Eine Reform der Agrarpolitik wird angemahnt.

Von den geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit sei rund eine Million vom Aussterben bedroht, heißt es im Abschlussbericht der Wissenschaftler des Weltbiodiversitätsrats (IBPES). Und der Artenschwund nehme weiter zu. Der IBPES hatte zuvor eine Woche lang in Paris den Kennntnisstand zusammengetragen und gemeinsame Forderungen formuliert. Drei Viertel der Naturräume an Land seien vom Menschen bereits erheblich verändert worden, in den Meeren zwei Drittel. Die Weltgemeinschaft müsse sich dringend abwenden von wirtschaftlichem Wachstum als zentralem Ziel, hin zu nachhaltigeren Systemen, hieß es.

Agrarpolitik in Industrieländern muss refomiert werden

Darüber hinaus mahnen die Autoren des Abschlussberichts eine Reform der Agrarpolitik an. Rund 100 Mrd. US-$ der Subventionen, die in OECD-Ländern im Jahr 2015 an Landwirte gezahlt wurden, seien schädlich für die Artenvielfalt, kritisiert der Bericht des Weltbiodiversitätsrats. Für die Naturschutzverbände liegen die Ursachen bereits klar auf der Hand. „Insbesondere der Verlust von natürlichen Lebensräumen und ihre Belastung durch Nährstoffeinträge und Pestizide lassen Schutzbemühungen häufig ins Leere laufen“, beklagt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Fehlgeleitete Subventionen würden fatale Anreize für immer stärkere Monotonisierung von Feldern bieten, so der Nabu.
Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) reagierte prompt auf den Zustandsbericht. Sie nehme dies „sehr ernst". Ihre Aufgabe sei es nun die Rolle der Landwirtschaft zu analysieren und ihre Politik so auszurichten, dass die Natur geschützt, „aber auch nachhaltig genutzt" werde. Auch andere nehmen den Bericht zum Anlass, die Landwirtschaft in die Pflicht zu nehmen.

Verlust an Biodiversität lässt Flüchtlingsströme wachsen

Besonderes Augemerk legten die Autoren darauf, dass der Verlust an Biodiversität Wirtschaft, politische Stabilität und soziale Aspekte wie Flüchtlingsströme beeinflusse. Das habe mit großer Wahrscheinlichkeit gravierende Folgen für Menschen weltweit, warnen die Forscher. Die gute Nachricht des Vorsitzenden des Weltbiodiversitätsrates (IPBES), Robert Watson, lautet: Noch sei es nicht zu spät für Gegenmaßnahmen, „aber nur, wenn wir sofort auf allen lokalen bis globalen Ebenen damit beginnen“.
Weltbiodiversitätsrat
Drei Jahre lang haben 150 führende Wissenschaftler aus 50 Staaten für den IPBES-Bericht das vorhandene Wissen zusammengetragen, fast 15.000 Quellen analysiert und 250 weitere Fachleute befragt. Erstmals wurden auch Erkenntnisse und Interessen indigener Bevölkerungsgruppen und Wissen aus lokalen Quellen berücksichtigt. Der IPBES gilt als Pendant zum Weltklimarat IPCC, dessen Berichte Wegbereiter für das Pariser Klimaschutzabkommen waren.


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