Warenhandel per Zeitungsanzeige

Biete Gülle – suche Getreide

Bild: SB

Eine Genossenschaft im Emsland geht neue Wege beim Getreidekauf. Sie sucht per Zeitungsanzeige Verkäufer. Die sollten gleichzeitig bereit sein, Gülle abzunehmen.

So mancher Landwirt im Norden wird heute Morgen mit Erstaunen die Zeitung gelesen haben. „Getreide gesucht! Nährstoffaufnehmer gesucht!“ war in den Ostfriesischen Nachrichten eine Anzeige der Raiffeisen Ems-Vechte überschrieben. Unter diesem Namen betreibt die Raiffeisen Emlsand Mitte aus Klein Berßen ihr Warengeschäft.

Wie auch die anderen Mischfutterproduzenten sucht die Genossenschaft händeringend nach Ware. In der Region fiel die Gerstenernte unterdurchschnittlich aus. Überregional lässt sich trotz hoher Preise kaum Ware beschaffen. Die Kunden der Genossenschaft plagt aber auch ein anderes Problem. Schweinemäster konnten im Frühjahr nur einen Teil ihrer Gülle verwerten. Viele Silos sind noch zur Hälfte gefüllt. Finden sich kurzfristig keine Abnehmer, muss die Produktion in den kommenden Monaten heruntergefahren oder gar eingestellt werden.

Seitdem Betriebe, die Wirtschaftsdünger aufnehmen, eine Stoffstrombilanz erstellen müssen, gibt es kaum noch Ackerbauern, die Ihre Felder mit Gülle und Mist düngen wollen.

Auch Ackerbauern haben kein Interesse an leeren Ställen

Dieter Wessels kann den Ärger über die zusätzlichen Dokumentationspflichten verstehen, kritisiert das Verhalten der Landwirte aber als zu kurzsichtig. Der Geschäftsführer der Raiffeisen Emsland Mitte will mit den Anzeigen, die auch in einigen anderen niedersächsischen Regionalzeitungen erschienen sind, einen Denkanstoß geben. „Wenn Ställe leer stehen, sinkt auch die Nachfrage nach Futtergetreide und die Preise fallen“, warnt Wessels. Derzeit zahle die Mischfutterindustrie gute Preise für das Getreide, damit das so bleibe, sei man aber auf die Zusammenarbeit mit den Ackerbaubetrieben angewiesen. Für Futterweizen würden im Emsland derzeit 192,50 €/t geboten – Tendenz steigend. In Ostfriesland seien so ex Ernte Erzeugerpreise von 185,00 €/t möglich. Mit speziellen LKW, den Combi-Linern, könne Gülle in den Norden gefahren und das Getreide ins Emsland geholt werden. Ideal für dieses Geschäftsmodell seien Landwirte, die über Lagerkapazitäten für die Gülle verfügen und die LKW zügig mit Getreide beladen können.

Dass die Genossenschaft mit ihren Anzeigen beim Erfassungshandel im Norden keine Begeisterung auslöst, ist dem Emsländer klar. In der Vergangenheit sei vergeblich versucht worden, mit den Genossenschaften in den Ackerbauregionen beim Thema Wirtschaftsdünger enger zusammenzuarbeiten, bedauert Wessels. Um den eigenen Kunden zu helfen, habe man sich nun zu dem ungewöhnlichen Vorgehen entschieden. Mit der Resonanz ist man bei der Genossenschaft zufrieden. Täglich würden sich bis zu 10 Ackerbauern melden, um über eine Zusammenarbeit zu verhandeln.

In Ostfriesland hat die Gerstenernte auf einigen leichten Geest-Standorten bereits begonnen. An der Küste wird in diesem Jahr deutlich weniger Wintergetreide produziert, denn widrige Bedingungen behinderten im Herbst die Aussaat. Wegen der kleineren Fläche und niedrigerer Erträge wird sich die Winterweizenernte halbieren, befürchten die Erfassungshändler an der Küste. Auch bei Wintergerste sind deutliche Einbußen wahrscheinlich. Traditionelle Abnehmer für Ostfriesisches Getreide ist die Mischfutterindustrie im Oldenburger Münsterland.

Nur begrenzte Aufnahme-Kapazität für Gülle

Wie die Landwirte in der Region auf das Angebot aus dem Emsland reagieren werden, vermag Karl Hedden nicht vorherzusagen. Der Geschäftsführer der Landvolkverbände von Aurich, Norden und Emden sieht aber nur begrenzte Möglichkeiten, Nährstoffmengen aus dem Süden aufzunehmen. Die zahlreichen Milchviehbetriebe in der Region müssen zunächst ihre eigenen Wirtschaftsdünger regelkonform verwerten, was nach dem Inkrafttreten der neuen Düngeverordnung einige Betriebe bereits vor Probleme stellt. Die Zahl der reinen Ackerbaubetriebe, die mit der Anzeige umworben werden, sei in Ostfriesland relativ klein.

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  1. Ulrich Löhr
    Erstellt 13. Juli 2018 20:27 | Permanent-Link

    Für Ärger in den angesprochenen Regionen sorgt aber der letzte Satz in der Anzeige , dass man im Auftrag der Kunden auch Pachtflächen suche. Diese Äußerung wird in den Ackerbauregionen fast als Nötigung aufgefasst. Frei nach dem Motto :" Wenn ihr uns die Gülle nicht abnehmt, dann kommen wir zu Euch " Mit so einer unprofessionellen Ansprache wird man keine neuen Kunden gewinnen.

  2. Bernd M.
    Erstellt 16. Juli 2018 13:20 | Permanent-Link

    Als Schweinehalter aus Südoldenburg, mache ich bei meinen Mischfutterlieferanten dafür Werbung nach Möglichkeit nur noch Getreide von Betrieben zu beziehen, die ihre Flächen organisch gedüngt haben, selbst wenn das Getreide und dadurch mein Futter 'nen € mehr kostet.
    Das mit den Pachtflächen darf man auch gerne als Drohung verstehen. Wenn man nicht zusammenarbeiten kann, machen wir es eben selbst.

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