Zukunftsdialog 2019

Sinneswandel statt Samenhandel


Zwei Buchautoren plädieren auf ganz unterschiedliche Weise für einen anderen Blick auf die Landwirtschaft. Blumensamen und Volksbegehren helfen nach ihrer Einschätzung nicht gegen den Artenschwund.

„Jeder von uns nutzt neue Technologien ganz selbstverständlich. Keiner möchte auf Google Maps verzichten“, sagte Dr. Andreas Möller, Autor des Buches „Zwischen Bullerbü und Tierfabrik. Warum wir einen anderen Blick auf die Landwirtschaft brauchen“, auf dem Zukunftsdialog Agrar & Ernährung von agrarzeitung (az) und DIE ZEIT am Dienstag in Berlin.

Bei der Landwirtschaft gingen die gesellschaftlichen Vorstellungen dagegen in eine ganz andere Richtung: „Da ist unser Blick rückwärtsgewandt“, kritisiert der Historiker. Zeitschriften wie etwa das Magazin Landlust beförderten einen Blick auf die Landwirtschaft, der heutzutage keinerlei Berechtigung mehr habe, so Möller weiter. „Warum sollen für die Landwirtschaft andere Regeln gelten als beispielsweise für die Automobil- oder Maschinenbauindustrie?“, fragte sich Möller.

Philipp Unterweger dagegen, der in seinem Buch „Echte Bauern retten die Welt“ Idealisten unter Landwirten porträtiert, die teilweise mit dem Pflug wirtschaften, hält ein bisschen Bullerbü-Romantik nicht für schädlich: „Wir müssen die Glückseligkeit des Landwirts wieder als Brücke zum Verbraucher nutzen“, lautete sein Plädoyer auf dem Zukunftsdialog. Die europäische Landwirtschaft verfüge über eine jahrtausendealte handwerkliche Tradition, auf die sie sich zurückbesinnen solle, so Unterweger.

Sehr viel geerdeter klingt Unterwegers Blick auf die Biodiversitäts-Debatte und den mit ihr verbundenen „Aktionismus“ um bunte Blühstreifen-Samentütchen in den Läden oder das Volksbegehren Pro Biene in Bayern: „Das Thema Insektensterben wird von der breiten Bevölkerung nicht verstanden. Bunte Samentüten für Blühstreifen bringen nichts. Ich plädiere für Sinneswandel statt Samenhandel. Wenn Straßenränder und Flussufer wieder anständig gepflegt werden, kann man in Sachen Biodiversitätserhalt sehr viel Druck von der Landwirtschaft nehmen“, ist sich der Autor sicher.

Ähnlich kritisch positionierte sich Autorenkollege Möller zum Volksbegehren in Bayern: Ein Kreuzchen auf einem Wahlzettel sei schnell gemacht, sagte er. Ansonsten müssten all die Unterstützter des Volksbegehrens ihr Verhalten im Alltag nicht ändern. Anders sehe das bei den Landwirten aus: „Die Landwirte, die in globaler Konkurrenz stehen, müssen die Folgen der Abstimmung tragen.“

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