100 Jahre DVT

"ASP und Geflügelpest schweben wie Damoklesschwerter über uns"

Die Mischfutterindustrie muss sich immer wieder auf neue Forderungen des LEH einstellen, sagt Dr. Hermann-Josef Baaken, Sprecher der DVT-Geschäftsführung.
Foto: DVT
Die Mischfutterindustrie muss sich immer wieder auf neue Forderungen des LEH einstellen, sagt Dr. Hermann-Josef Baaken, Sprecher der DVT-Geschäftsführung.

Im Interview mit agrarzeitung.de skizziert Dr. Hermann-Josef Baaken, Sprecher der Geschäftsführung des Deutschen Verbands Tiernahrung (DVT), die Herausforderungen für die Mischfutterindustrie. Die Folgen der Dürre halten auch die Branche auf Trab.



az: Was sind aus Sicht des DVT die künftig größten Herausforderungen aus wirtschaftlicher und politischer Sicht?

Dr. Hermann-Josef Baaken: Die größte Herausforderung entsteht aus der öffentlichen Meinung einer saturierten Gesellschaft und den vielfach unkalkulierbaren Forderungen, die nicht immer wissenschaftlich begründet sind. Sie veranlasst den Lebensmittelhandel zuweilen, mit eigenen Marketingkonzepten auch Produkte aus tierischer Veredlung zu platzieren, die auf die Futtermittelherstellung Einfluss nehmen, beispielsweise gentechnikfreie Lebensmittel oder regionale Produkte. Darauf müssen wir uns immer wieder neu einstellen.

Können Sie konkrete Beispiele für politische und wirtschaftliche Herausforderungen nennen?

Baaken: Aktuell und zukünftig prägen Themen wie Nachhaltigkeit, Tierwohl und Nährstoffbilanzen die tägliche Arbeit unserer Tierernährer. Dem gilt es, gerecht zu werden, ohne den Blick auf das Wesentliche zu verlieren: sichere und gesunde Futtermittel für gesunde Tiere und damit für qualitativ hochwertige Lebensmittel zu erzeugen. In Kombination mit Beratungen der Landwirte sind die optimale Versorgung der Tiere mit allen Mikro- und Makronährstoffen und der ernährungsphysio­logische Beitrag zur vorbeugenden Gesunderhaltung und zum Tierwohl eine Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus schweben die drohende Afrikanische Schweinepest und die Geflügelgrippe wie Damoklesschwerter mit ihren umfassenden Auswirkungen über der gesamten Wertschöpfungskette. Eine ganz wichtige Frage ist, ob Innovationen ihre Anerkennung erhalten.

Welche Innovationen meinen Sie?

Baaken: Mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zur Einordnung einiger neuer Züchtungstechniken als Gentechnik wird der Genehmigungsprozess nach der geltenden Rechtslage deutlich erschwert und führt zu Benachteiligungen im internationalen Wettbewerb und beim Rohstoffbezug.

Die extreme Dürre 2018 verknappt das Angebot an Getreide in Deutschland und Europa. Zudem wird Grundfutter in vielen Regionen Deutschlands knapp: Wie positionieren sich die Unternehmen der Mischfutterindustrie in diesem Spannungsfeld aus hohen Rohwarenpreisen und steigendem Bedarf der landwirtschaftlichen Kunden?

Baaken: Die diesjährige Witterung mit entsprechenden Ernteergebnissen ist in zahlreichen Gebieten für die Landwirte äußerst belastend und hat besonders die Grundfutterversorgung stark reduziert. In besonders negativ betroffenen Regionen kann es dadurch auch zu zeitweiligen Engpässen in der regionalen Getreideversorgung unserer Mitgliedsfirmen kommen. Die Futtermittelbranche wird seit jeher gefordert, Rezepturen an die Gegebenheiten anzupassen und intelligent weiterzuentwickeln.

Was können Ihre Mitgliedsfirmen in der Situation tun?

Baaken: Insgesamt können diese Engpässe in der Getreideversorgung durch überregionalen Handel ausgeglichen werden. Nach unserer Einschätzung wird der Verbrauch von importierten Mais und Weizen deutlich zunehmen. Die fehlenden Grundfuttermengen und -qualitäten im Bereich der Wiederkäuerfütterung sind eventuell schwieriger auszugleichen. Die ständigen Veränderungen in der Rohwarenbeschaffung einschließlich ausländischer Ware erfordern von uns hohe Wachsamkeit und ein strenges Qualitätsmanagement. Die Futtermittelsicherheit wird auch in Zukunft ein wichtiger Faktor und mit hohem Aufwand verbunden sein, weil die Prozesse immer komplexer werden und die Grundlage für Lebensmittelsicherheit sind. Hier wird es wesentlich auf das Know-how von Tierernährungsexperten ankommen, um die sehr nährstoffreichen Silagen und gegebenenfalls auch entfallende Weidegänge mit anderen Raufuttermitteln und einer Fütterung von individuell angepassten Ergänzungsfuttern auszugleichen. Hierfür bieten sich unserer Futterhersteller noch stärker als sonst an, den Tierhaltern bei der Versorgung ihrer Tiere zu helfen.

Ist der Einkauf von Getreide für die Mischfutterhersteller nicht sehr teuer?

Baaken: Wir machen uns global über die Verfügbarkeit der Rohstoffe derzeit keine Sorgen, wenn sich auch die Preise sehr viel volatiler zeigen. Wie sich die gesamte Situation auf die Wirtschaftlichkeit auswirkt, bleibt abzuwarten. Aufgrund der reduzierten Verfügbarkeit in Deutschland und Europa sind die Preise stark angestiegen, werden aber international durch zufriedenstellende Ernten in anderen Ländern ausbalanciert. Auch für Soja zeichnet sich nach Aussagen des USDA eine im Vergleich zum Vorjahr überdurchschnittliche Versorgungslage ab, auch wenn sich die Warenströme stark verändert haben. In der EU müssen wir aber durchaus mit rückläufigen Rapsschrotmengen rechnen.

Wie ist der Stand der Gespräche zwischen der Futtermittelwirtschaft und dem Land Niedersachsen in Sachen Neugestaltung der Gebührenordnung für Futtermittelkontrollen?

Baaken: Die Landesregierung Niedersachsen hat bei unserer DVT-Regionaltagung Nord am 1. März verkündet, dass die Gebührenordnung zur Futtermittelüberwachung im Einvernehmen mit der Wirtschaft auf der Grundlage des jüngsten Gerichtsurteils aktualisiert werden soll. Zwischenzeitlich haben mehrere Gespräche mit dem Ministerium stattgefunden. Der Entwurf einer neuen Gebührenordnung liegt seit Kurzem vor und gibt uns die Möglichkeit, unsere Vorschläge einzubringen. Wir erwarten zukünftig eine deutlich geringere Gebührenbelastung. Zunächst werden allerdings die Rückzahlungen abgewickelt.

Das ist für den DVT sicher ein großer Erfolg…

Baaken: Wir stehen weiterhin, gemeinsam auch mit anderen betroffen Verbänden, zu unserer Position: Wir sehen in der Gebührenordnung eine Wettbewerbsverzerrung zu anderen Regionen und EU-Mitgliedstaaten. Wir sind immer noch überzeugt, dass amtliche Kontrollen ein Teil staatlicher Daseinsvorsorge sind. Während die Wirtschaft die Kontrollen zu niedrigeren Kosten selbst und besser durchführen kann, sehen wir derzeit im amtlichen Bereich eine nicht gerechtfertigte Festlegung von Gebühren.

Wie schätzt der DVT generell das Thema gebührenfinanzierte Lebens- und Futtermittelkontrollen ein: Befürchten Sie, dass das Modell Niedersachsen bundesweit Schule machen wird?

Baaken: Eine staatliche Futtermittelüberwachung gibt es in allen Bundesländern, nicht jedoch verbunden mit Gebühren. Die in Niedersachsen eingeführte Gebührenordnung wurde in ähnlicher Weise nur in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein eingeführt. Dagegen haben wir ebenfalls Musterklage eingereicht, deren Ausgang noch offen ist. Wichtiger ist allerdings, für die Zukunft an einem Modell für die amtliche Futtermittelkontrolle zu arbeiten, das stärker risikobasiert ist und die Eigenkontrollen sowie die Erfolge im Qualitätsmanagement besser berücksichtigt. Unsere Vorschläge sind allen Ministerien bekannt und werden jetzt diskutiert.

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