Dr. Jürgen Struck zur Situation im Geflügelsektor

Es steht viel auf dem Spiel. Es geht um die Grundlagen des Rechtsstaats. Gemeint ist hier die offensichtliche Eskalation in den Konflikten zwischen Nutztierhaltern und deren Gegnern. Am deutlichsten zu erkennen ist diese Spirale bis hin zur Gewalt gegen Andersdenkende in der Mastgeflügelproduktion. Die Zeit der gut gemeinten Dialoge und sachorientierten Diskussion zwischen den Parteien geht offenbar zu Ende. An ihre Stelle tritt die anonyme Gewaltandrohung und in Einzelfällen bereits deren Umsetzung.

Das Nutzgeflügel in all seinen Formen ist ein Klassiker in den Auseinandersetzungen um den Tierschutz. Grund dafür mag sein, dass diese Tiere in der Vergangenheit praktisch kaum noch sichtbar waren. Und wenn Handel und Verbraucher ehrlich sind, so hat Geflügel – außer in seiner zubereiteten Form – kaum jemanden interessiert. Die Qualität musste stimmen und preisgünstig sollte es sein. Das gilt auch weiterhin.

Doch befinden sich Tierhalter generell seit einiger Zeit in der Defensive. Zwar steigt die Nachfrage für Geflügelfleisch kontinuierlich seit vielen Jahren, aber die Erzeuger sowie Verarbeiter und Vermarkter sind in die Schusslinie von Tierrechtsaktivisten und im Gefolge davon der medialen, häufig negativen Berichterstattung geraten. Vielleicht ist es genau umgekehrt. Objektiv feststellbare Verbesserungen in der Tierhaltung und das Bemühen um weitere Fortschritte finden kaum Akzeptanz. Aufgedeckte Missstände auf einzelnen Betrieben werden verallgemeinert und über Jahre der Öffentlichkeit wieder und wieder vorgeführt. Fundamentale Verurteilung und – von einer vermeintlich höheren moralischen Ebene abgeleitet – ein Recht auf Widerstand verbreiten sich mehr und mehr, auch jenseits geltender Gesetze. Dabei sind die Beteiligten in der Wahl ihrer Methoden nicht mehr zimperlich. Anonyme Tierrechtsaktivisten drohen Gewalttaten an, bekennende Tierschützer besetzen Bauplätze. Davon betroffene Landwirte greifen in Einzelfällen sogar zur Selbsthilfe und vertreiben Besetzer auch ohne polizeiliche Unterstützung – so geschehen kürzlich in Niedersachsen. Jeder gegen jeden und ohne Rücksicht auf Verluste. Der Weg dorthin zeichnet sich ab. Betroffene Kommunalpolitiker und auch die mit den Fällen befassten Einrichtungen der Justiz zeigen sich besorgt, äußern sich jedoch nur leise.

Vonseiten der Geflügelwirtschaft wird immer wieder betont, dass die Öffentlichkeit von ihrem Recht auf Transparenz Gebrauch machen sollte. Die Angebote lägen vor. An dieser Stelle sei angemerkt, dass auch unliebsame und vermeintlich voreingenommene Medienvertreter daran beteiligt werden sollten. Festzuhalten bleibt, dass das Empfinden für Recht und Gerechtigkeit besonders unter den Tierhaltern bereits Schaden genommen hat. Aber sie haben einen Anspruch an öffentliche Stellen, dass Aktionen organisierter oder vereinzelter radikaler Gegner mit Konsequenz verfolgt werden. Wenn selbsternannte Kampfbünde das Handeln übernehmen, ist der Boden für weitere Radikalisierung bereitet und Angst macht sich breit. Sie lähmt alles.
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