Hermann Steffen zu den Agrarmärkten

Eisige Temperaturen lassen die Getreide- und Ölsaatenpreise heiß laufen. „Winterkill“ oder Auswinterung heißt das neue Szenario. Die einen rechnen mit erheblichen Schäden und Ertragsausfällen. Die anderen wittern schon eine neue Preisblase. Denn in Russland oder der Ukraine sind harte Winter nichts Ungewöhnliches. Doch die Kurse befinden sich schon seit Ende Dezember mit den Wettermärkten in Südamerika im Aufwärtstrend.

Bis dahin überwogen Skepsis und die Unsicherheit über die Finanzmärkte. Seitdem ist es umgekehrt und bullische Argumente bestimmen die Psychologie. Die Wettermärkte in Südamerika waren zweifelsohne ein Wendepunkt für die impulslosen Agrarpreise. Dass es in Argentinien inzwischen ordentlich geregnet hat und es trotz kleinerer Sojaernten keinen Engpass bei der Proteinversorgung gibt, scheint nur noch Nebensache zu sein. Auch mit einer etwas knapperen Maisbilanz durch niedrigere südamerikanische Maisernten wird man leben können.

Der Anstieg der Rapspreise in den Vorwochen um mehr als 40 €/t war dagegen angesichts der bekannten engen Bilanz in Europa überfällig, auch wenn die Dynamik überrascht hat. Bei Weizen herrscht nach dem jüngsten Preisanstieg der Vorwochen von rund 35 €/t dagegen Erklärungsnotstand. Er scheint sich erst mit dem Winterkill und möglichen Exporteinschränkungen Russlands und der Ukraine aufzulösen. Obwohl die fundamentalen Daten auf eine äußerst komfortable Weizenversorgung hindeuten, wird leicht übersehen, dass 85Mio.t der weltweiten Weizenbestände in China oder Indien liegen. Diese Mengen stehen sind für die internationalen Handelsströme nicht verfügbar. Kasachstan schafft es aus logistischen Gründen nicht, seine Rekordernte in die Exporthäfen zu bringen. Die Ukraine wird bei der Aussicht auf eine miserable Wintergetreideernte wahrscheinlich versuchen, einen Großteil der derzeitigen Bestände im eigenen Land zu halten. Australien verbucht zwar erneut eine gewaltige Weizenernte. Die Qualitäten lassen aber zu wünschen übrig.

Sicherlich bilden fundamentalen Daten den Rahmen, doch die Notierungen sind schon lange kein Indiz mehr für Knappheit oder Überfluss. Ohne Impulse von den Finanzmärkten wären die jüngsten Kursgewinne kaum denkbar. Der Finanzsektor hat sich trotz der unsicheren Situation in Europa erstaunlich schnell beruhigt, wenn auch mithilfe eines 500 Mrd.€ schweren Kredits der Europäischen Zentralbank an die nach Kapitalbedarf lechzenden Banken. Die US-Zentralbank FED setzt zwei weitere Jahre auf die Strategie des billigen Geldes und eine Null-Zins-Politik. Dies hebt die Stimmung bei den Anlegern, die wieder mehr Interesse für Agrarrohstoffe entwickeln. Der Bulle lugt zwar durch das Börsenfenster, doch er steht noch auf wackeligen Beinen, zumindest beim Weizen. In Chicago sitzen die spekulativen Fonds nämlich in der „Bärenfalle“ und haben bei steigenden Weizenkursen Short-Positionen in Rekordhöhe angesammelt. Glattstellungen werden kaum geräuschlos über die Bühne gehen und technische Kursanstiege ohne fundamentale Hintergründe sind absehbar. Ob die Matif mitzieht, bleibt abzuwarten. Andererseits gehört ein Winterkill-Szenario zur Kategorie der Wettermärkte – und die können sich bekanntlich schnell drehen. Wenn die Getreidepreise dann wieder sinken, sollte das niemanden verwundern.
stats