Report Pflanzenschutz

Aufwendige Bonitur lohnt sich


Gemeinsam Käfer zählen: Thomas Ziemer und Berater Heinrich Bätke (r.).
-- , Foto: SB
Gemeinsam Käfer zählen: Thomas Ziemer und Berater Heinrich Bätke (r.).

Mit gelben Plastikschalen in der Hand gehen Thomas Ziemer und Heinrich Bätke durch den kniehohen Winterrapsbestand. Alle paar Meter bleiben sie stehen, packen den Stängel einer Pflanze und schlagen die Spitze mit den Blütenknospen kräftig in die Schale. Kleine schwarze Punkte landen in der Schale: Rapsglanzkäfer. Bätke zählt die Tiere und gibt die Daten in sein Smartphone ein. Einmal sind es zwei Käfer, einmal sechs, auf manchen Pflanzen finden sich gar keine der kleinen etwa zwei Millimeter langen Schädlinge. Die beiden Männer werten die Bonitur aus: Der Befall ist nicht so groß, eine Pflanzenschutzmaßnahme nicht mit einem Insektizid notwendig.

Beratung von der Kammer

In der Vegetationszeit fährt Berater Bätke einmal in der Woche von der Bezirksstelle der Landwirtschaftskammer Niedersachsen Hannover nach Stadthagen, um sich mit Ziemer zu treffen. Der Agraringenieur leitet dort seit 1992 die Fürstliche Meierei Brandenburg. Der 530-Hektar-Betrieb gehört Alexander Prinz zu Schaumburg-Lippe. Seit zwei Jahren ist die Meierei ein „Demonstrationsbetrieb integrierter Pflanzenschutz“. Bätke ist als Pflanzenschutzexperte der Landwirtschaftskammer für die intensive Beratung der insgesamt drei niedersächsischen Ackerbaubetriebe verantwortlich, die sich an dem vom Julius-Kühn-Institut (JKI) geleiteten Projekt beteiligen.

Ziel sei es, in der landwirtschaftlichen Praxis Strategien auszuprobieren, die zu einem gezielteren und risikoärmeren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln führen, erklärt der Kammermitarbeiter. Die Pflanzengesundheit werde von vielen Faktoren beeinflusst wie Fruchtfolgen, Sorten, Zwischenfrüchten und Bodenbearbeitung. Für einen effektiven Einsatz von Pflanzenschutzmitteln müssen die Bestände zudem intensiv beobachtet werden. Die regionalen Warnhinweise und Empfehlungen der Kammer können die Bonitur vor Ort nicht ersetzen, betont Bätke.

Auf einem Teil des Schlages wurde der Raps in diesem Jahr in Einzelkornsaat in Reihen gedrillt. Der Betriebsleiter war skeptisch, ob das funktioniert, ist jetzt aber mit der Entwicklung der Pflanzen zufrieden. Der Rapsanbau in Reihen ermögliche eine mechanische Unkrautbekämpfung, erläutert Bätke. In diesem Jahr war zum richtigen Zeitpunkt keine Hackmaschine verfügbar, sodass trotzdem eine chemische Unkrautbekämpfung notwendig war. Doch dass die Reihensaat auf diesem Boden funktioniert, ist für die beiden Männer eine wichtige Erkenntnis.

Unterschied sichtbar

Wenn Ziemer oder ein er seiner beiden Mitarbeiter mit der Pflanzenschutzspritze arbeiten, bleibt ein kleiner Bereich des Bestandes unbehandelt. Diese Auslassungsfenster habe er schon früher genutzt, um den Erfolg der Maßnahme zu überprüfen. Seitdem er sich an dem Projekt beteiligt, sind die Auslassungsfenster betrieblicher Standard und wurden auf eine Fläche von 20 mal 28 Meter vergrößert. „Ich kann so sehen, wie sich der Ertrag ohne Pflanzenschutzmaßnahmen entwickelt hätte“, erklärt Ziemer. Die unbehandelten Flächen veranschaulichen auch Laien, welche Folgen ein Verzicht auf den Pflanzenschutz hat. Seine Kollegen ermuntert er, diese Möglichkeit zu nutzen. Der Aufwand sei relativ gering, die Kosten würden meist überschätzt. Durch die 36 Auslassungsfenster in seinem 530-Hektar-Betrieb habe er im vergangenen Jahr Ertragseinbußen von 400 € hinnehmen müssen. Die Erträge der Auslassungsfenster werden erfasst und gemeinsam mit den Ertragsdaten der behandelten Flächen an das JKI weitergegeben, das die in den Praxisbetrieben gewonnenen Informationen auswertet und in jährliche Berichte veröffentlicht. Dokumentiert wird zudem, wie oft und mit welcher Aufwandmenge Pflanzenschutzmittel eingesetzt wurden. Daraus errechne sich ein Behandlungsindex als Vergleichsmaßstab.

So ganz glücklich ist Ziemer mit dieser Methode nicht: So könne es in der Unkrautbekämpfung sinnvoll sein, zunächst ein Mittel mit einer spezifischen Wirkung auf bekannte Arten zu wählen. Dann könne man abwarten, wie sich der Rest entwickelt. Sollte sich später herausstellen, dass eine zweite Behandlung notwendig ist, wirkt sich das jedoch negativ auf die Statistik. Die Fixierung auf die Zahl der Anwendungen mache hochkonzentrierte Mittel attraktiver, die die Umwelt stärker belasten können und meist auch teurer seien, gibt Ziemer zu bedenken.

Die Auswahl der Mittel könne der Landwirt selbst am besten treffen. Eine politische Überregulierung hält der Betriebsleiter nicht für sinnvoll. Der Landwirt müsse sich aber intensiv mit dem Thema beschäftigen. Der hohe Bonituraufwand lohnt sich, ist er überzeugt. Für Raps rechnet er mit einem Aufwand von zwei Stunden pro Jahr und Schlag, bei Gerste sind es 45 Minuten. Darin eingerechnet sind die Fahrtzeiten zu den durchschnittlich neun Kilometer entfernten Schlägen. Um die Maschinen effizient einsetzen zu können, plant Ziemer die gleiche Kultur schon bei der Anbauplanung dafür, dass auf beieinanderliegenden Schlägendie gleiche Kultur wächst. Dies zahle sich auch bei der Bonitierung aus, denn so müsse nicht jeder einzelne Schlag untersucht werden.

Besichtigung
Bei einem Hoftag am 19. Mai von 9.30 bis 13 Uhr berichtet Thomas Ziemer mit Fachleuten der Landwirtschaftskammer über das Projekt. In der Brandenburger Straße 40 in Stadthagen können die Auslassungsfenster und gemeinsam mit der Kammer angelegte Sortenversuche besichtigt werden. (SB)

Landwirt hat eigene Fragen

Landwirten gelinge es nicht immer, der Öffentlichkeit und den politisch Verantwortlichen deutlich zu machen, wie verantwortungsbewusst sie mit den Pflanzenschutzmitteln umgehen, bedauert der Landwirt. Er befürchtet, dass in Zukunft weitere Wirkstoffe ihre Zulassung verlieren könnten. „Wir sind aber auf eine breite Auswahl angewiesen, wenn wir nachhaltige Landwirtschaft betreiben wollen“, betont der Betriebsleiter. Für seinen eigenen Betrieb erhofft er sich durch das Projekt bessere Strategien gegen den Ackerfuchsschwanz. Auch die Vermeidung von Fusarien im Weizenanbau nach Mais und Strategien gegen das zu erwartende Auftreten des Maiszünslers sind für ihn noch unzureichend beantwortete Fragen. Doch dafür bleiben bis zum Projektende noch drei Jahre Zeit. (SB)
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