Report Pflanzenschutz im Herbst

Begeisterung für den Pflanzenschutz lässt sich wecken


Für Andreas von Tiedemann, der links im Bild einen gut sichtbaren Pilzbefall zeigt, ist der Anwendungsbezug in den Agrarwissenschaften besonders wichtig.
-- , Fotos: Weigand
Für Andreas von Tiedemann, der links im Bild einen gut sichtbaren Pilzbefall zeigt, ist der Anwendungsbezug in den Agrarwissenschaften besonders wichtig.

Sommersemester 2016, Dienstag kurz nach acht: In einen der großen Hörsäle im Zentralen Hörsaalgebäude der Uni Göttingen strömen Agrarstudenten und verteilen sich in den Sitzreihen. Von Mitte April bis Mitte Juli steht in 13 Doppelstunden die Einführung in die Phytomedizin auf dem Stundenplan. Die zehnte Vorlesung widmet sich den Insekten. Für die etwa 400 Agrarstudenten, die sich jetzt im 2. Semester des Bachelor-Studienganges befinden, ist die Vorlesung Pflicht. Rund die Hälfte ist anwesend und bekommt es in den kommenden 90 Minuten im Schnelldurchlauf mit Fliegen, Wanzen und Läusen zu tun. Noch ein kurzer Blick in das Smartphone, Tablet oder Notebook, dann tritt Tiedemann ans Pult.

Fliegen, Wanzen und Läuse

Der Pflanzenschutz-Professor stellt das „Who is Who“ der Schädlinge und Nützlinge auf Äckern, in Obst- und Weinanlagen sowie im Gartenbau vor. Er geht in viele Details, die manchmal sogar das Zeug zur Millionenfrage bei Günther Jauch hätten. Warum laufen Fliegen so viel hin und her? „Die gehen nicht spazieren, sondern sie schmecken mit den Füßen.“ Welche Insekten spucken wie Lamas? „Die Wanzen geben unter hohem Druck ein Sekret ab, das phytotoxisch wirkt." Oder warum richten Läuse so große Schäden an? „Die müssen so viel saugen, weil sie für ihr Wachstum Eiweiß brauchen, das aber im Zuckersaft der Pflanze sehr niedrig konzentriert ist.“

Die 90 Minuten vergehen wie im Flug. Die Studenten sind hoch konzentriert, kaum einer beschäftigt sich für längere Zeit mit den kleinen elektronischen Geräten vor der Nase. Tiedemann wiederum macht die Lehre sichtlich Freude. Er hatte einst als Student ebenfalls in Göttingen Vorlesungen gehört und sich dann für eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden. Dazu gehörten nach der Promotion ein Forschungsaufenthalt in den USA und der Aufbau des Lehrstuhls für Phytomedizin in Rostock, bevor Tiedemann vor 15 Jahren als Hochschullehrer nach Göttingen zurückkehrte.

Zwischen Idylle und Hightech

Und er bringt sein Wissen nicht nur Agrarstudenten näher. In der aktuellen Öffentlichen Ringvorlesung der Universität Göttingen steht in diesem Sommersemester die Landwirtschaft im Mittelpunkt. Wöchentlich gehen wechselnde und meist externe Wissenschaftler der Frage nach, wo sich die Branche zwischen Idylle und Hightech verortet. Mit dabei als einer der Programmverantwortlichen: Andreas von Tiedemann. Als Referent ist er ebenfalls gefragt, mit einem Vortrag zum Thema: „Warum wir den modernen Pflanzenschutz nicht schätzen, ihn aber schätzen sollten."

Auch in kleineren Gesprächsrunden wird der Phytomediziner nicht müde, Vorurteile auszuräumen. Er ärgert sich etwa über den Vorwurf, dass Landwirte Gift spritzen würden. „Das hat früher mal gestimmt“, sagt Tiedemann und erinnert sich an sein eigenes landwirtschaftliches Praktikum mit Quecksilberbeizen oder nikotinhaltigen Insektiziden. Das ist jedoch 40 Jahre her. Heute seien über 95 Prozent der Pflanzenschutzmittel nicht mehr als giftig eingestuft. „Die befinden sich in einer Liga mit Haushaltsreinigern oder Speiseessig“, verdeutlicht Tiedemann.

Gleichermaßen als haltlos beurteilt er die Unterstellung, dass der chemische Pflanzenschutz mit gesundheitlichen Risiken für den Menschen verbunden sei. „Wenn es ernährungsbedingte Krankheiten gibt, hat das mit dem Verhalten der Verbraucher und nicht mit dem Verhalten der Landwirte zu tun“, stellt Tiedemann im Hinblick auf die Volkskrankheiten Übergewicht oder Diabetes klar. „Es geht auch ohne Pflanzenschutz“, ist so eine andere Behauptung, gegen die sich Dr. Susanne Weigand gleichermaßen vehement wehrt. „Wenn ich das schon höre“, stöhnt die Göttinger Wissenschaftlerin, die ebenso wie Tiedemann stark in der Lehre engagiert ist.


Eigens für Studenten gibt es Demonstrationsflächen mit Unkräutern.
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Eigens für Studenten gibt es Demonstrationsflächen mit Unkräutern.

Studium international begehrt

Dazu gehört die Koordination des internationalen Masterstudiengangs „Crop Protection“, der in Göttingen seit 2010 angeboten wird und Teilnehmer aus aller Herren Länder rund um den Globus anzieht. Weigand hat ebenfalls Agrarwissenschaften in Göttingen studiert und nach einem Zusatzstudium in den USA und der Promotion in Bonn viele Jahre in Syrien gearbeitet und sich mit Fragen der Ernährungssicherung befasst. „Ich fühle mich manchmal wie ein Missionar“, sagt sie, allerdings nicht im Rückblick auf ihre Zeit im Ausland, sondern zu den Debatten, die sie heute in ihrem Göttinger Bekanntenkreis führt.

Im internationalen Masterstudiengang bezweifelt niemand den Sinn des Pflanzenschutzes. Vielmehr suchen die Studenten Wege, wie sich mithilfe von Pflanzenschutz die globale Ernährungssicherheit verbessern lässt. Einer der Absolventen bringt sein in Göttingen erworbenes Wissen in einem philippinischen Reisforschungsinstitut ein, andere promovieren an europäischen Universitäten, zwei glücklicherweise auch in Göttingen. „Und natürlich sind unsere Absolventen bei allen international tätigen Pflanzenzüchtern oder Pflanzenschutzherstellern begehrt“, erzählt Weigand weiter.

Mittlerweile ist die Nachfrage nach dem Göttinger Masterprogramm so groß, dass für die 20 Studienplätze jährlich etwa 100 Bewerbungen eintreffen. Als nächstes großes Projekt startet im Rahmen von „Erasmus Mundus“ das europäische Masterprogramm „Plant Health in Sustainable Cropping Systems“, an dem außer der Universität Göttingen fünf weitere Universitäten in Frankreich, Italien und Spanien beteiligt sind.

Weigand empfindet diese internationalen Programme als große Bereicherung und legt auch deutschen Agrarstudenten nahe, sie bei ihrer Entscheidung für Masterstudiengänge in Erwägung zu ziehen. Sie böten nicht nur die fachliche Vertiefung im Pflanzenschutz, sondern „quasi nebenbei“ einen hervorragenden Schliff der Englischkenntnisse. Fast noch wichtiger ist für Weigand, die mit großem Engagement die Studenten auch persönlich betreut, das Zwischenmenschliche: „Ich bin immer wieder begeistert, wenn ich sehe, wie die zusammenwachsen“, berichtet sie von ihrer Erfahrung mit den kulturell äußerst diversen Gruppen und stellt fest: „Die profitieren alle voneinander.“

Belohnung kommt am Ende

Das gemeinsame Lernen ist auch für Tiedemann etwas, das nach wie vor zum Studentendasein in Göttingen dazugehört. So sehr er elektronische Innovationen wie E-Learning schätzt und im Moment E-Klausuren testet, so wenig möchte er seine Lehrveranstaltungen online anbieten. „Da würden sich die Studenten um etwas bringen, wenn sie nicht mehr in die Vorlesungen gingen“, ist Tiedemann überzeugt. Das gilt ebenfalls für die Feldbegehungen, die zwei Mal im Sommersemester auf eigens von der Abteilung angelegten Demonstrationsflächen stattfinden.

Die Bachelor-Studenten besichtigen die Getreide- und Rapsparzellen, die mit verschiedenen Pflanzenschutzintensitäten behandelt wurden. Hier lassen sich manche Schädlinge und Krankheiten sowie Unkräuter und Ungräser, die in den morgendlichen Vorlesungen noch Theorie waren, am lebenden Objekt präsentieren. Wer bis zum Ende bleibt, wird belohnt. Zum Besichtigungstermin Ende Juni schließt die offizielle Lehrveranstaltung um 18 Uhr. Der extra am Rand des Versuchsfeldes aufgebaute Grill ist aber schon angeheizt. (db)
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