Beschaffenheit von Rohstoffen gebührt höhere Aufmerksamkeit


1

Maßnahmen der Mischfutterbranche zur Qualitätssicherung

10. August 2002; Von Peter Radewahn, Deutscher Verband Tiernahrung (DVT), Bonn

Es erscheint wichtig, eine Einordnung der Fakten vorzunehmen: Mischfutter stellt in Deutschland rund ein Viertel des gesamten Futteraufkommens sicher. Ein weiteres Viertel sind Futtermittel, die wie Getreide auf den landwirtschaftlichen Betrieben erzeugt und mit zugekauften Einzelfutter- oder Ergänzungsfuttermitteln verfüttert werden. Schließlich entfällt fast die Hälfte des gesamten Futteraufkommens auf Grundfuttermittel, die ebenfalls in der Landwirtschaft selbst hergestellt werden.

Die Mischfutter bestehen ihrerseits wiederum zu mittlerweile rund 40 Prozent aus Getreide, das in der Regel in einheimischen landwirtschaftlichen Betrieben erzeugt wird. Mehr als 50 Prozent aller Komponenten stammen als Neben- oder Koppelprodukte aus der Lebensmittelindustrie. Beispielhaft seien hier die Ölschrote, Kleien oder Rübenschnitzel genannt. Auch importierte Produkte wie Maiskleberfutter aus den USA, Palmkernschrote und andere Produkte fallen unter diese Gruppe der Nebenerzeugnisse der Lebensmittelwirtschaft. Eine Risikobeurteilung und eine risikoorientierte Kontrolle "der Futterwirtschaft" im Hinblick auf die Sicherheit der Lebensmittel tierischer Herkunft tut somit gut daran, diese Verhältnisse zu berücksichtigen. Es ist ganz sicher nicht damit getan, verbesserte Eingangskontrollen bei den Mischfutterherstellern zu fordern. Jede Stufe der Futtermittelerzeugung, auf die nachfolgend eingegangen wird, hat die Verantwortung für ihre Produkte selbst zu übernehmen und die Unbedenklichkeit sicher zu stellen. Ein geändertes Verbraucherbewusstsein, verbunden mit immer feineren Untersuchungsmethoden und neuen Erkenntnissen über die schädlichen Auswirkungen bestimmter Stoffe, machen schnelle und umfassende Maßnahmen erforderlich.

Rohstoffsicherheit verbessern

Wie bereits dargestellt, hängt die Sicherheit von Futtermitteln für die landwirtschaftliche Nutztierfütterung in entscheidendem Maß von der Sicherheit der Rohstoffe ab. Der EU-Gesetzgeber hat dies bereits bei der Vorlage des Weißbuchs der EU-Kommission anschaulich dargestellt. Eine Konsequenz aus den Plänen des Weißbuchs ist die seit dem 21. Februar geltende Lebensmittel-Basisverordnung (Verordnung (EG) NR. 178/2002). Sie regelt die Sicherheit von Lebensmitteln, aber auch - wortgleich und mit gleichen juristischen Auswirkungen - die Sicherheit von Futtermitteln. Jeder Futtermittelunternehmer ist danach für die von ihm erzeugten oder in Verkehr gebrachten Futtermittel verantwortlich. Allein aus der Definition der rechtlichen Begriffe ergeben sich eine Reihe weit reichender Konsequenzen, die einer intensiven juristischen Folgenabschätzung unterzogen werden müssen. Weitere Maßnahmen der Gesetzgeber wurden bereits ergriffen oder werden folgen. In diesem Zusammenhang sind vor allem die Ankündigungen der Kommission zur Vorlage einer Futtermittel-Hygieneverordnung zu nennen.

Maßnahmen der Wirtschaft

Bei der Feststellung, welche Maßnahmen die Wirtschaft selbst auf den Weg gebracht hat, um die Sicherheit von Futtermitteln weiter zu verbessern, ist zunächst Getreide als mengenmäßig wichtigste Fütterungskomponente zu betrachten. Mehr als 20 Mio. t Getreideeinheiten werden jährlich in Deutschland an landwirtschaftliche Nutztiere verfüttert. Die Tendenz ist steigend. Die Getreidewirtschaft bemüht sich seit geraumer Zeit durch Festlegungen bei den Einkaufsbedingungen für Getreide darum, die Sicherheit zu verbessern. Es soll nur noch gereinigtes Getreide aufgenommen und verwendet werden. Reinigungsabgänge sind, das belegen wissenschaftliche Untersuchungen, mit relativ großen Risiken hinsichtlich der Belastung mit Umweltkontaminanten (beispielsweise Dioxin) und Mykotoxinen verbunden. Es muss also im Interesse aller Beteiligten an der Lebensmittelkette liegen, diese Reinigungsabgänge auf jeder Stufe der Produktion vollständig aus der Produktionskette zu entfernen und einer unschädlichen Beseitigung zuzuführen. Ferner werden Orientierungswerte für Mykotoxine vorgegeben, die bei der Getreideerfassung zu beachten sind. Alle Qualitätsvorgaben dienen, im Sinne einer Rohstoffspezifikation gemäß den Normen der Qualitätsmanagement-Systeme, der Sicherstellung einer einwandfreien Endproduktqualität. Daran und an die Vielzahl von Vorgaben hinsichtlich einwandfreien Transports und Lagerung von Getreide sowie anderen Ernteprodukten hat sich auch die produzierende Landwirtschaft rasch zu gewöhnen. Die Verbände der Mischfutterhersteller haben Vorschläge entwickelt, wie die Qualitätsspezifikationen beim Getreideeinkauf aussehen können.

Eine Vielzahl weiterer Rohstoffe für die (Misch-)Futterproduktion muss sich zumindest gleichen Vorgaben wie Getreide unterwerfen. Von entscheidender Wichtigkeit ist dabei die Beachtung des Grundprinzips jeder Qualitätssicherung: die Erkennung und Vermeidung von Produktfehlern bereits vor ihrer Entstehung im Produktionsprozess zu verankern. Die Futterwirtschaft hat sich gemeinsam mit ihren Partnern in der Produktionskette in zwei wichtigen Maßnahmen dieser Aufgabe gestellt: Zum einen soll im Rahmen des QS-Systems (Qualität und Sicherheit GmbH) jeder Produzent von Einzelfuttermitteln als Systemteilnehmer eingebunden werden.

Positivliste für Futtermittel

Zum anderen hatte schon im Frühjahr 2001 die Normenkommission den Auftrag erhalten, für Deutschland eine Positivliste zulässiger Futtermittel zu erarbeiten. Der Normenkommission gehören Vertreter der Futterwirtschaft, der Wissenschaft, des Bauernverbandes, der Untersuchungsanstalten, der DLG und Gäste aus dem Bereich Politik und Verwaltung an. Ziel der Arbeiten war und ist es, eine Liste der Einzelfuttermittel zusammenzustellen, die folgenden Kriterien genügen:
- erkennbarer Futterwert
- unbedenklich für die Sicherheit der Lebensmittel und die Gesundheit der Tiere
- dokumentierter und nachvollziehbarer Herstellungsprozess
- vorhandene Marktbedeutung.

Die Normenkommission hat mit großem Aufwand, ausgehend von den Einzelfuttermittellisten der EU (Ausgangserzeugnis-Richtlinie) und der früheren Liste zugelassener Einzelfuttermittel in Deutschland eine neue Positivliste erarbeitet. Die Bedeutung dieser Liste liegt nicht etwa in der einfachen Listung von bekannten und weniger bekannten Produkten, die sich als Futtermittel eignen. Vielmehr wurden der gesundheitliche Aspekt und Fragen etwaiger Rückstandsbelastungen in den Mittelpunkt der Bewertung gestellt und dazu sehr genau auf die Herstellungsverfahren aller Produkte eingegangen. Erste Voraussetzung für die Listung ist eine eindeutige Beschreibung der Einzelfutter, die von anderen durch eindeutige Kriterien (Inhaltsstoffe oder Herstellungsverfahren) abgrenzbar sein müssen. Dies ist für die Kennzeichnung nach Positivliste von ausschlaggebender Bedeutung.

Alle aus einem Verarbeitungsprozess stammenden Produkte - beginnend mit Kleien von Getreide über Ölkuchen und -schrote bis zu bestimmten Fettsäuren - mussten in ihrem Herstellungsprozess exakt beschrieben werden. Diese Herstellungsprozesse sind in Datenblättern und Produktinformationen zu beschreiben und der Normenkommission sowie den Kunden zugänglich zu machen. Dieser Anforderung kommt aus zwei Gründen eine besondere Bedeutung zu: zum einen werden offensichtliche Gefahrenpunkte und daraus resultierende Risiken für die Produktion von der Normenkommission schnell erkannt. Zum anderen werden die Hersteller von Einzelfuttermitteln auf diese Weise selbst zu einer verstärkten kritischen Betrachtung und Überprüfung der Herstellungsprozesse im Hinblick auf die Sicherheit der Futtermittel animiert.

Zurzeit wird die Positivliste in einer zweiten Arbeitsphase auf das Vorhandensein der jeweiligen Datenblätter mit Beschreibung der Produktionsprozesse überarbeitet. Fehlende Datenblätter oder Angaben, die von den Herstellern der Einzelfutter nicht beigebracht werden, führen dazu, dass Produkte von der Positivliste gestrichen werden.Die Arbeitsweise der Normenkommission stellt bei unterstellter Kooperationsbereitschaft der Einzelfutterhersteller, die von einigen Gruppen bereits beeindruckend unter Beweis gestellt wird, sicher, dass bestehende Risiken erkannt und begrenzt oder ausgeschlossen werden. Gegen bewusstes oder grob fahrlässiges Fehlverhalten Einzelner kann auch die Positivliste kaum Wirkung entfalten.

Überarbeitung der Kontrakte

Alle Qualitätsbemühungen der Futterwirtschaft im operativen Bereich bleiben ohne Chance auf Durchsetzung in den Märkten, wenn die einschlägigen Vertragsbeziehungen zwischen Futtermittelhandel/-verkäufern und Abnehmern diese Bemühungen nicht widerspiegeln. Es ist daher eine vorrangige Aufgabe der Verbände der Futterwirtschaft, die geltenden Vertragsbedingungen (Kontrakte) an die gestiegenen Anforderungen hinsichtlich der Qualitätssicherung anzupassen. Darüber hinaus sind die veränderten Rahmenbedingungen des neuen deutschen Schuldrechts (Bürgerliches Gesetzbuch) in die Kontrakte einzuarbeiten. Die Frage der Haftung für verdeckte Mängel eines gelieferten Futtermittels und für die damit verbundenen Folgeschäden wird zurzeit einer intensiven juristischen Beurteilung unterzogen. Nach Abschluss dieser Prüfungen wird sich eine nicht minder intensive Verhandlungsphase zur Neugestaltung der Formularkontrakte sowie anderer standardisierter Ein- und Verkaufsbedingungen anschließen.

Ein weiteres Element übergeordneter Rechtsetzung muss dabei einbezogen werden: Die neue Richtlinie 2002/32/EG über unerwünschte Stoffe in der Tierernährung sieht ein generelles Verbot der Verschneidung und Verfütterung von Einzelfuttermitteln mit Gehalten an unerwünschten Stoffen vor, die die niedrigen Grenzwerte übersteigen. Die sich daraus möglicherweise ergebenden Konsequenzen sowohl für einheimische Einzelfuttermittel als auch für importierte Rohwaren sind derzeit noch nicht abschließend zu beurteilen. Es muss jedoch damit gerechnet werden, dass sehr viel mehr und größere Partien von Futtermitteln künftig nicht mehr verwendbar sind.Die Konsequenzen hieraus werden die Erzeuger und Händler von Futtermitteln, aber auch die Volkswirtschaft zu tragen haben.

Die formalisierten Vertragsbedingungen müssen das künftig geltende Verschneidungsverbot berücksichtigen. Es ist Abnehmern von Rohwarenpartien nicht länger zumutbar, Partien mit erhöhten Gehalten an unerwünschten Stoffen abnehmen zu müssen, da diese nur noch einer Entsorgung zugeführt werden können. Das Risiko der Entsorgung und der damit verbundenen Kosten ist künftig von den Lieferanten zu tragen.

Sicherheitskette schließen

Die Mischfutterhersteller haben - nicht zuletzt auch im Zuge ihrer staatlichen Anerkennung und Registrierung - eine Vielzahl zusätzlicher Maßnahmen zur Qualitätssicherung eingeführt oder auf den Weg gebracht. Vorgelagerte Wirtschaftsstufen sind jetzt gefordert, mit gleichen Anstrengungen die Sicherungskette in ihren Bereichen zu schließen. Den staatlichen Stellen kommt bei der Qualitätssicherung eine wichtige Aufgabe zu: Staatliche Kontrolle muss sich stärker auf die erkannten Risikopotenziale konzentrieren und die gesamte Futtermittelkette einbeziehen. Eine Kontrolle nach dem Flaschenhals-Prinzip kommt - wie die letzten Negativbeispiele eindrucksvoll belegen - insofern zu spät, als Problemfälle bereits eine unnötig große Verbreitung gefunden haben. Staatliche Aufgabe muss es sein, mit Vorschriften und ihrer Kontrolle bei den Ursachen von Problemen anzusetzen - nicht die Mitbetroffenen zu bestrafen - und sich um fachgerechte Risikoanalyse und insbesondere um abgewogene Risikokommunikation ohne politische Beeinflussung zu bemühen.
stats