Das KTBL will die Zukunft der Landwirtschaft aktiv mitgestalten: Hier das Ergebnis eines Nachwuchs-Architektenwettbewerbs zum „smarten“ Stallbau.
-- , Foto: Jörn Hilker
Das KTBL will die Zukunft der Landwirtschaft aktiv mitgestalten: Hier das Ergebnis eines Nachwuchs-Architektenwettbewerbs zum „smarten“ Stallbau.

Beim Thema Digitalisierung sprechen wir oft von Landwirtschaft 4.0 – in Anlehnung an die Industrie 4.0. Doch Landwirtschaft 4.0 ist viel mehr. Sie verknüpft Smart Farming, Automatisierung, Robotik und Fernerkundung miteinander. Hinzu kommt die Betrachtung über die Stufen der Wertschöpfungskette hinweg und während der gesamten Lebensdauer eines Produktes. In dieser Verknüpfungsleistung liegt das Potenzial.

Große Konzerne geraten in Verruf

In diesem Zusammenhang wird häufig der Begriff Big Data ins Spiel gebracht. Big Data ermöglicht die Verarbeitung von großen, komplexen und sich schnell ändernden Datenmengen. Diese Technologie ist insbesondere bei Kritikern der Digitalisierung in Verruf geraten. Möglicherweise, weil die GAFA-Konzerne (Google, Apple, Facebook, Amazon) mit diesen Methoden persönliche Profile ihrer Kunden erstellen, die geeignet sind, individuelles Verhalten zu kontrollieren, zu prognostizieren und entsprechend Profit daraus zu ziehen.

Die Bedenken sollten jedoch gegen die Nutzer der Methode gerichtet sein und nicht gegen die Methode selbst. Sie wird sehr nutzbringend beispielsweise für autonomes Fahren oder auch das Lastmanagement im Stromnetz eingesetzt.

In den Agrarwissenschaften scheitern klassische Methoden der Dateninterpretation oft an der Komplexität der untersuchten Systeme, an den sehr unterschiedlich strukturierten Daten und möglicherweise auch an der Interdisziplinarität der Forschenden. Mit Big-Data-Analysen könnten neue Zusammenhänge offengelegt und komplexe Phänomene erklärt werden. Somit kann Big Data, muss aber nicht Bestandteil der Digitalisierung sein. Sinnvolle Einsatzbereiche wären beispielsweise die Interpretation des Sozialverhaltens in Tiergruppen im Hinblick auf Gesundheit oder Tierwohl, die Auswertung von Telemetrie-Daten in Echtzeit, die kleinräumige Wettervorhersage verbunden mit Prognosen zur Bestandsentwicklung oder zur Entwicklung von Pflanzenkrankheiten und Schädlingen.

Insofern tut die Landwirtschaft gut daran, die Digitalisierung mit- zugestalten und die Prozesse selbst in die Hand zu nehmen. Tut sie dies nicht, werden andere gestalten, die denkbaren Motive sind vielfältig und vielschichtig.

Oberstes Gebot – analog zu den gesellschaftlichen Forderungen – muss es auch für die Landwirtschaft sein, die Rechte an den individuellen betrieblichen Daten zu behalten. Es müssen alle technischen Möglichkeiten genutzt werden, um dem Landwirt volle Transparenz über seine Daten zu geben und die Kontrolle und Entscheidungsfreiheit darüber, welche Daten in welcher Detailliertheit er wem für welchen Zeitraum und für welchen Zweck zur Verfügung stellen will.

Dann können große Vorteile bei der Logistik, beim Einsatz von Maschinen oder bei der Dokumentation der Guten Fachlichen Praxis bis hin zu Ökosystemleistungen genutzt werden, ohne Gefahr zu laufen, wertvolle betriebliche Daten unwissentlich an ungebetene Nutzer weiterzugeben. Eine große Zahl von Dienstleistern vom jungen Start-up-Unternehmen über Mittelständler bis hin zum etablierten Großkonzern steht bereit, die Landwirtschaft beim Datenmanagement zu unterstützen. Diese Vielfalt ist wertvoll, sie sollte unbedingt erhalten bleiben.

Auch öffentliche Hand muss Informationen bereit stellen

Die Notwendigkeit der Schaffung von Regelungen zur Anwendung der Digitalisierung ergibt sich auch für die Landwirtschaft. Darüber hinaus ist die Schaffung einer technischen Infrastruktur wie Netzabdeckung und -stabilität flächendeckend im ländlichen Raum für die Landwirtschaft von besonderer Bedeutung. Ebenso sind eine fundierte Ausbildung und vielschichtige Weiterbildungsmöglichkeiten eklatant wichtig, um die im gesamten Bereich Landwirtschaft Tätigen zum verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie zu befähigen. Nicht zuletzt ist die Bereitstellung öffentlicher Daten in elektronischer, konsequent strukturierter, maschinenlesbarer und frei zugänglicher Form mit praxistauglichen Schnittstellen dringend geboten. In einem ersten Schritt sind dies Geo-Daten (Kataster, Boden und Klima) sowie Betriebsmitteldaten (Pflanzenschutzmittel, Sorten oder Tierarzneimittel). Das KTBL als neutrale und wissenschaftlich unabhängige Einrichtung mit einem engagierten Ehrenamt sieht sich hier in einer aktiven Rolle.

Schon heute stehen ausgewählte KTBL-Daten über Linked Open Data jedem Interessenten maschinenlesbar in verschiedenen Formaten frei zur Verfügung und können so in Angebote anderer Einrichtungen integriert werden. Ebenso sind schon seit mehreren Jahren die KTBL-Online-Anwendungen im Netz frei zugänglich. Die Zeitschrift Landtechnik publiziert Open Access für jeden abrufbar und darüber hinaus ohne Gebühren für die Autoren.

Das neue Präsidium des KTBL hat im April seinen Willen erklärt, die Zukunft der Landwirtschaft und die Prozesse der Digitalisierung aktiv mitzugestalten. Dafür suchen wir die Kooperation mit allen beteiligten Einrichtungen. Gemeinsam können wir es schaffen, die positiven Aspekte der Digitalisierung für die Landwirtschaft nutzbar zu machen und die Chancen aktiv zu ergreifen.


Dr. Martin Kunisch,
Hauptgeschäftsführer des Kuratoriums für Technik
und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL)
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