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Daphne Huber-Wagner zur EU-Getreidebilanz

Wohin nur mit der großen EU-Getreideernte von rund 300 Mio. t in diesem Jahr? Erst mal wegpacken, ist derzeit die Devise in der Landwirtschaft. Zu tief sitzt noch der Stachel, als im vergangenen Herbst mancher vorschnell Getreide verkaufte, für das er wenige Monate später weitaus mehr hätte erzielen können. Viele befürchten Getreideüberschüsse, die in diesem Jahr die Preise verhageln. Doch könnte das gute Ernteergebnis auch dazu führen, dass sich die EU wieder vom Nettoimporteur im Vorjahr zum Nettoexporteur von Getreide im laufenden Vermarktungsjahr 2008/09 wandelt. Das zeigt nämlich eine genaue Analyse einer ersten EU-Getreidebilanz. Schließlich müssen dringend die auf mittlerweile 47 Mio. t Getreide geschrumpften Bestände in der EU wieder aufgefüllt werden.

Angepeilt werden von EU-Ökonomen Ende des Wirtschaftsjahres 2008/09 rund 67 Mio. t Getreide. Sie würden statistisch gesehen drei Monate für eine ausschließliche Versorgung der EU-Bevölkerung reichen. Die Rechnung geht aber nur auf, wenn auch Getreide in die EU hineinkommt. Die EU-Importe wären mit geschätzten 14 Mio. t in diesem Wirtschaftsjahr gerade noch halb so hoch wie im Vorjahr, als vor allem Mais- und Sorghum-Importe die fehlende Gerste in der EU ersetzen mussten. Der vorschnelle Ruf nach einer Wiedereinführung von Importzöllen ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig unangebracht. Heftig weist die EU-Kommission solche Forderungen, wie sie insbesondere von Polen laut ausgesprochen werden, von sich. Sind es doch vor allem die Mittelmeerländer, die jedes Jahr zu wenig Futter- und Brotgetreide haben. Nun muss sich zeigen, wie beweglich die Überschussländer in der EU sind und wie sie sich am Markt orientieren. Das Argument von Importzoll-Befürwortern, bei ihnen sei der Preis viel niedriger als an den Exporthäfen, zieht bei der Kommission nicht mehr. Die Exportchancen für europäischen Weizen und Mais in die nordafrikanischen Länder sind derzeit ausgezeichnet. Durch den festeren US-Dollarkurs ist europäisches Getreide gegenüber US-Einfuhren von Mais deutlich billiger. Auch das Gespenst Schwarzmeerregion verliert seinen Schrecken. So sind in den nordafrikanischen Ländern mehrere Schiffe mit Weizen aus der Schwarzmeerregion wegen schlechter Qualität abgewiesen worden.

Importzölle, die den freien Marktzugang bremsen, passen nicht mehr in das Bild einer marktorientierten EU-Agrarpolitik, wie sie bei den Verhandlungen der Welthandelsorganisation (WTO) gefragt sind. Es gibt also genügend Gründe für Landwirte, auf eine stabile Preisentwicklung zu setzen. Die Chancen freier Märkte können mehr bewirken, als auf höhere Preise durch politische Hilfen zu warten.

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