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Beimischung reicht für Absatz nicht aus – Interview mit BBK-Präsident Peter Schrum

Agrarzeitung Ernährungsdienst 5. September 2007; Von Jan Peters, Hamburg

Die meisten der über 100 mittelständischen Biodieselhersteller haben ihre Produktionskapazität auf 40 Prozent heruntergefahren und erwirtschaften Verluste. Peter Schrum, Präsident des Bundesverbands Biogene und Regenerative Kraft- und Treibstoffe e.V. in Erkner/Berlin (BBK) fürchtet um deutsche Biodieselstandorte.

Ernährungsdienst: Weshalb fahren die Anlagen mit Verlusten? Schrum: Der Grund ist, dass die gesetzlich festgelegte Neun-Cent-Sondersteuer dazu führt, dass zum fossilen Diesel seit Monaten keine Wettbewerbsfähigkeit des Biodiesels besteht. Die Betriebe, die gleichzeitig auch Ölpressen betreiben, gleichen ihre Verluste im Biodieselbereich zum Teil dadurch aus, dass sie Rapsexpeller (Eiweißfutter) zurzeit gut am Markt absetzen können. Im Beimischungsmarkt finden die deutschen Produzenten keinen auskömmlichen Markt, der ihre Kosten deckt. Die Beimischung von Biodiesel wird gegenwärtig nahezu vollständig durch Importe abgedeckt. Die nächste Stufe der Steuererhöhung für Biodiesel wäre das Aus für Biodiesel in Deutschland. Ohne eine rasche Novellierung des Energiesteuergesetzes und des Biokraftstoffquotengesetzes, wie bereits von der SPD-Fraktion angekündigt, werden die deutschen Biodieselunternehmen ab Ende 2007 ihre Anlagen in das Ausland verlagern. Die ersten Anlagen sind bereits demontiert.

In Europa wird Biodiesel aus Rapsöl gewonnen. Welche Zukunftschancen ergeben sich hieraus für die Landwirtschaft?

Schrum: Grundsätzlich ist der Rapsmarkt durch zwei wichtige Marktmechanismen gekennzeichnet: weltweiter Anstieg des Proteinbedarfs durch die Wohlstandserhöhung vor allem in Indien und China und dem damit steigenden Bedarf an Milch, Milchprodukten, Fleisch und Wurstwaren. Hierdurch ergeben sich zwangsläufig bei der Produktion von Protein erhebliche Foodüberschüsse an Pflanzenöl. Soja stellt hierbei die weltweit dominante Ölfrucht dar, gefolgt von Raps. Pflanzenöl, das nicht im Foodbereich abgesetzt werden kann, findet seine Verwendung im Energie- bereich bei der Kraft-Wärme-Kopplung, im Mobilitäts- und zu 80 Prozent im Biodiesel-bereich. Allein Deutschland verbraucht 30 Millionen Tonnen Diesel pro Jahr. Die Biodiesel-Produktionskapazität beträgt derzeit fünf Millionen Tonnen pro Jahr, sodass noch ein erheblicher Substitutionsbedarf besteht.

Wird das von der Bevölkerung richtig erkannt?

Schrum: Die derzeit in der Boulevardpresse verbreiteten Vorurteile, dass der Biodieselbereich einen negativen Einfluss auf die Foodversorgung hat, ist aus Unkenntnis über den tatsächlichen Sachstand entstanden. Ein Liter Biodiesel aus Raps bringt immerhin 1,4 Kilogramm Proteinfutter, ein Liter Proteinfutter aus Soja erzeugt immerhin 3,8 Kilogramm Proteinrohstoff zur Milch-, Fleisch- und Wurstproduktion. Ähnlich ist es bei Bioethanol, wo ebenfalls aus einem Liter Bioethanol ein Kilogamm Eiweißfuttermittel entsteht. Das heißt, die Kraftstoffe Biodiesel, Pflanzenöl und Bioethanol entstehen immer aus den Food-Produktionslinien und werden durch die Bedarfssteigerung auch in Zukunft in immer größeren Mengen anfallen. Dieses ist vielen Journalisten und Verbrauchern leider nicht bekannt und es besteht dringender Aufklärungsbedarf.

Wie wird sich der Ausbau der Verarbeitungskapazitäten auf die hiesigen Rapsmärkte und insbesondere auf den Rohstoff Rüböl auswirken?

Schrum: Wir werden aus den dargelegten Gründen einen weiteren Ausbau der Verarbeitungskapazitäten, vor allem im Pflanzenölbereich, in Europa haben. Hierbei ist die Verlagerung der Ölpressen-Standorte an die Häfen oder in das Ausland eine klare Tendenz. Pressen sollten jedoch betriebswirtschaftlich immer dort installiert sein, wo die Ölpflanzen angebaut und geerntet werden. Voraussetzung ist aber der Proteinfutterabsatz in der Region. Auch hier gilt die Regel, dass Transportkosten für Pflanzenöl zu minimieren sind, wenn es der Absatzmarkt für Protein erlaubt.

Einige Ethanolanlagen reduzieren ihre Verarbeitungskapazität wegen der hohen Rohstoffpreise. Wie sehen Sie die Zukunft?

Schrum: Die Getreidepreise bleiben nach Meinung des BBK stabil und werden langfristig noch steigen. Der Hauptgrund liegt, wie bei den Ölsaaten, in den veränderten Essgewohnheiten in Indien, China, Indonesien etc. Der Aufbau einer starken Veredelungswirtschaft, also der Viehhaltung in diesen Ländern, wird für den nachhaltigen Bedarf sorgen. Glücklicherweise werden durch Ethanol weltweit auch Getreideüberschüsse sinnvoll verwertet, indem Kraftstoff für den Pkw-Bereich in Form von E 85 für Flex-Fuel-Fahrzeuge hergestellt wird und das CO2 reduziert sowie die Versorgungssicherheit im Mobilitätsbereich auch in Deutschland erhöht.

Rechnen Sie damit, dass in Europa zukünftig auch noch mehr andere Öle, wie beispielsweise Palmöl oder auch Ethanol aus Drittländern, verstärkt über diesen Weg veredelt werden können?

Schrum: Palmöl oder andere Öle werden in Europa bereits seit vielen Jahrzehnten im Foodbereich verwendet. Die Preise für Öle aus Übersee sind zurzeit auf dem gleichen Stand wie für Raps und Soja, sodass wir nicht damit rechnen, dass Palmölimporte über den jetzigen Bedarf hinaus, vor allem für den Energiemarkt, stark anwachsen werden. Für Biokraftstoffe hat Palmöl auf Grund seiner schlechten Eignung bezüglich seiner Winterfestigkeit auch zukünftig keine Bedeutung.

Sollte jedoch das „Hydrocracking“, also die „Hydrierung“ von Palmöl mit Erdöl, in deutschen Raffinerien gesetzlich durch das Biokraftstoffquotengesetz legitimiert und zur Quote angerechnet werden, werden auch Palmöl und minderwertige Abfallöle aus aller Welt den verstärkten Weg nach Deutschland finden. Dieses würde für die Entwicklungsländer wirtschaftspolitisch schädigend sein und für die Pur Biofuels wie B 100 und E 85 in Deutschland den wirtschaftliche Ruin bedeuten.
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