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Heimische Produktion kann Sojaimporte nicht ersetzen

Agrarzeitung Ernährungsdienst 11. April 2008; Von Dr. Jürgen Struck, Frankfurt a.M. und Gerwin Klinger, Berlin

Die E-10-Biokraftstoffquote ist gescheitert. Für Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ist nun die Nahrungs- und Futtermittelwirtschaft hauptverantwortlich für die Zerstörung des Regenwaldes. Er will Nachhaltigkeitskriterien für diese Bereiche durchsetzen.

„Das Umweltministerium wird vorschlagen, die Nachhaltigkeitskriterien nicht nur auf Biokraftstoffe anzuwenden, sondern auch auf die gesamten Importe der Futter- und Nahrungsmittelindustrie“, erklärte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel am vergangenen Freitag in Berlin. Er nutzte das Getöse um das Aus für die 10-Prozent-Beimischungsquote, um einen Teil der Verantwortung an Landwirtschaftsminister Horst Seehofer zu übertragen. Denn, so Gabriel: „Weit über 80 Prozent der Regenwaldzerstörung geht auf das Konto der Futter- und Nahrungsmittelindustrie.“ Eine „Überprüfung der Anbaustandards für Futtermittel“ gehöre daher auf die Agenda. Auch Importstopps könnten erwogen werden.

Auf dem langen Weg zu einer internationalen Biomasse-Zertifizierung will Gabriel vorab über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) scharfe Prüfkriterien für Anbaustandorte installieren. So sollen Anbauflächen in gerodeten Regenwäldern von der Biomasseförderung und Anrechnung auf die Biospritquote ausgeschlossen werden. Das Verbraucherministerium reagierte auf Anfrage prompt: Die Biomasseerzeugung in Deutschland erfolge nachhaltig – und weiter: „Der Ansatz, die Produktion in Drittländern vergleichbaren Nachhaltigkeitskriterien zu unterwerfen oder keine Importe mehr zuzulassen, muss in der EU und der WTO notifiziert werden.“ Die Grenzen der Einflussnahme von Sigmar Gabriel werden deutlich.

Mit der „Nachhaltigkeit bei Futtermitteln“ hat Gabriel jedoch ein Kernthema der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft angesprochen. Über die Tatsache, dass die betreffenden Wirtschaftskreise das Thema „Nachhaltigkeit“ insbesondere für die Sojaimporte bereits seit längerer Zeit konstruktiv diskutieren, ist der Umweltminister wahrscheinlich nicht informiert oder übersieht dies geflissentlich. Bereits zum dritten Mal tagt die Organisation „Round Table Responsible Soy Association“ (RTRS), am 23. und 24. April, diesmal in Buenos Aires in Argentinien. Mitglieder der RTRS sind Vertreter der internationalen Ernährungswirtschaft, der Umweltorganisation WWF und der europäischen Futtermittelhersteller. Hinzu kommen Experten aus Organisationen der Erzeugerländer. Transparenz ist gewährleistet, Ziele müssen in Übereinstimmung gebracht und Lösungen gemeinsam erarbeitet werden. Für die Fütterung der Nutztiere in Europa ist der Import von umgerechnet etwa 35 Mio. t des pflanzlichen Eiweißträgers Sojaschrot unverzichtbar. Ein Importstopp ist schlichtweg nicht machbar.

Denn der Ersatz durch einheimische pflanzliche Proteinträger entspräche nach Berechnungen aus Fachkreisen einer Menge von theoretisch 50 bis 60 Mio. t Leguminosen – bedeutete dies doch eine zusätzlich benötigte Fläche von 20 Mio. ha, die dann wieder an anderer Stelle fehlen. Zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch, dass die weltweite Nutzung knapper Landflächen effizient erfolgen muss. Der Vorrang gehört den Nahrungsmitteln.
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