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Clive James zum weltweiten und europäischen Markt für Grüne Gentechnik

Agrarzeitung Ernährungsdienst 7. März 2007; Von Dietrich Holler, Frankfurt a.M.

Seine Aufgabe ist fast so kompliziert wie der Name seiner Organisation. Clive James, Gründer und Sprecher des „International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications“, kurz ISAAA, will die Grüne Gentechnik vorwärts bringen. Der Agrarzeitung Ernährungsdienst erläutert James seine Sicht auf die weltweiten Trends der landwirtschaftlichen Biotechnologie.

Ernährungsdienst: Gibt es in zehn Jahren nur noch gentechnisch veränderte Soja?

James: Die Frage beantwortet ausschließlich der Markt. Wir sind für die Wahlfreiheit zwischen den verschiedenen Produktionsvarianten. Letztendlich entscheiden aber darüber Erzeuger, Händler und Käufer.

Als Lobby hat ISAAA natürlich auch Einfluss. Wie finanzieren Sie sich? James: Wir stehen auf mehreren öffentlichen und privaten Säulen. So unterstützen uns wohltätige Organisationen wie die amerikanische Rockefeller-Stiftung, die asiatische Hitachi-Foundation und der Gatsby-Trust, eine gemeinnützige Stiftung der britischen Unternehmer- und Politikerfamilie Sainsbury. Eine weitere wichtige Säule des öffentlichen Sektors bilden für uns Hilfsorganisationen, beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, kurz GTZ. Allerdings fördert uns die GTZ derzeit nicht mehr. Und natürlich unterstützen uns auch die Biotechnologie-Unternehmen des privaten Sektors. Ganz nebenbei: ISAAA hat einen Jahresetat von rund zwei Millionen US-Dollar. Alleine in den Vereinigten Staaten verfügen Nicht-Regierungsorganisationen mit kritischer Haltung zur Biotechnologie über etwa 400 Millionen US-Dollar – pro Jahr, versteht sich.

Aber in die Grüne Gentechnik wird doch massiv investiert.

James: Ja das stimmt: Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat vor wenigen Wochen, nur kurz nach Antritt seiner zweiten Regierungszeit, per Dekret ein öffentliches 500-Millionen-Dollar-Projekt für Biotechnologie angekündigt. Er hat die Privatwirtschaft aufgefordert, einen ähnlichen Betrag bereitzustellen. In Argentinien und den USA ist der Anbau von biotechnologisch veränderter Soja und anderen Kulturen längst etabliert. China will jährlich 250 Millionen US-Dollar in die landwirtschaftliche Biotechnologie investieren und möchte diese Summe so bald verdoppeln. Nach Kaufkraft beurteilt ist diese Investition mindestens zehnmal so groß wie ihr nomineller Wert. In China sind in das Projekt mehr als 2±000 promovierte Wissenschaftler eingebunden. Weltweit werden derzeit jährlich etwa 5,5 Milliarden US-Dollar in landwirtschaftliche Biotechnologie investiert.

Gentechnik soll Entwicklungsländern helfen. Funktioniert der Plan?

James: Vor zehn Jahren haben die Gegner der Biotechnologie argumentiert, diese Technologie sei unbrauchbar für Entwicklungsländer. Im Jahr 2006 stellten die Entwicklungsländer die Hälfte der 22 wichtigsten Staaten, in denen Biotechnologie im Pflanzenbau genutzt wird. Rund 90 Prozent der insgesamt etwa zehn Millionen Landwirte, die auf weltweit mehr als 100 Millionen Hektar Biotechnologie einsetzen, sind ressourcenarme Landwirte in Entwicklungsländern. Arm an Ressourcen bedeutet beispielsweise: In China bauen 6,8 Millionen Landwirte biotechnologisch veränderte Bt-Baumwolle an. Diese Landwirte haben durchschnittlich einen halben Hektar Ackerfläche und verdienen pro Tag weniger als einen Euro. Bt-Baumwolle halbiert ihre Kosten und erhöht ihren Ertrag um 10 Prozent.

Und wie wollen Sie die europäische Landwirtschaft überzeugen?

James: Innerhalb der Europäischen Union geht es vor allem um Bt-Mais. Nach meiner Einschätzung werden die Landwirte in Deutschland 2007 rund viermal so viel Bt-Mais anbauen wie im vergangenen Jahr. Im Verhältnis zur deutschen Gesamtfläche für Mais ist das immer noch relativ wenig. Spanien ist, in absoluten Zahlen, bereits weiter und in Frankreich haben die Landwirte der Regierung klar gemacht, dass sie Bt-Mais in Gebieten mit Maiszünsler benötigen. Die rumänischen Landwirte sagen, man habe ihnen mit dem EU-Beitritt die Chance für biotechnologische und somit profitable Sojaproduktion genommen. Produzenten von Nahrungs- und Futtermitteln konkurrieren zudem gerade in Europa mit Bioenergie um Fläche und Rohstoffe. Auch hier gibt es aus unserer Sicht einige Chancen. Die Europäische Union hat bei der Biotechnologie nur ein echtes Risiko: Verweigern ist ökonomisch gefährlich.

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