Geschäftsführer Dirk Peters ist gut organisiert.
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Geschäftsführer Dirk Peters ist gut organisiert.

„Drei Straßen, zwei Bushaltestellen, ein Storch", so beschreibt die Regionalzeitung den zu Nauen gehörenden Ortsteil Neukammer. Bekannter dürfte der Ort in Brandenburg künftig werden, weil die Agro-Farm GmbH jetzt regelmäßig Fachleute aus Landwirtschaft und Naturschutz sowie überregionale Besuchergruppen anzieht. Sie gehört als zweiter deutscher Betrieb zum internationalen Forward-Farming-Verbund, mit dem Bayer die Nachhaltigkeit auf Praxisbetrieben voranbringen will.

„Wir müssen ran an die Bevölkerung“, weiß Dirk Peters schon lange. Der Geschäftsführer der Agro-Farm ist im Kontakt mit Städtern geübt. Denn so verschlafen das Havelland an einem Wochentag im August sein kann, so umtriebig geht es am Wochenende zu, wenn die erholungsbedürftigen Berliner einfallen. Nur 20km sind es bis zum Rand der Hauptstadt. „Wir können nicht mehr einfach so das Hoftor zumachen“, sagt der 51-Jährige und meint das durchaus wörtlich. Die Einfahrt zum Betriebsgelände schmückt ein Staudenbeet mit reich blühenden Wildpflanzen und einem kunstvoll gestalteten Bienenhotel. „Das haben unsere Lehrlinge in Eigenregie angelegt und gebaut“, erzählt Peters stolz.

Der studierte Agraringenieur schaltet jetzt in Sachen Nachhaltigkeit noch ein paar Gänge hoch. Das Bayer-Projekt hat ihn überzeugt, weil er auch bisher schon eng mit den Fachleuten des Pflanzenschutzmittelherstellers in Kontakt steht.


Das Bienenhotel haben die Auszubildenden gebaut.
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Das Bienenhotel haben die Auszubildenden gebaut.

Besuch im Rheinland hilft bei der Entscheidung

Vor der endgültigen Entscheidung hat er aber noch den Damianshof im rheinischen Rommerskirchen besucht. Dort konnte Betriebsleiter Bernd Olligs von seinen ersten Erfahrungen als Forward-Farming-Betrieb berichten. „Wir haben uns sofort verstanden“, erinnert sich Peters an die Begegnung. Der Rheinländer konnte dem Brandenburger versichern, dass im Forward-Farming-Konzept alle ackerbaulichen Maßnahmen auf die Verhältnisse des Betriebes abgestimmt werden. Das gelte für die Blühmischung, die zum Standort passen muss, wie für alle Feldelemente, mit denen die Biodiversität erhöht werden soll. „Der Landwirt ist der Herr des Verfahrens", bekräftigt auch Heinz Breuer von Bayer, der die deutschen Nachhaltigkeitsaktivitäten betreut. Schließlich würden alle Termine für Betriebsbesichtigungen langfristig festgelegt – mit ausreichenden Pausen während der Arbeitsspitzen. Peters ist zuversichtlich, dass er die zusätzlichen Aufgaben bewältigen kann. „Ich bin gut organisiert“, sagt er und freut sich nach der nervenaufreibenden Getreideernte auf die neuen Herausforderungen.

Die Anfänge sind auf der Agro-Farm gemacht. Seit dem Frühjahr ist das Phytobac-System der Firma Beutech im Einsatz, mit dem alle Pflanzenschutzmittelreste aus der Spritzenreinigung biologisch abgebaut werden können. Außerdem hat Peters in den Frühjahrskulturen erste Lerchenfenster sowie Blühflächen angelegt, auf denen 13 verschiedene Blühmischungen getestet werden. Die Auswertungen laufen.

Lösungen für Brandenburger Verhältnisse gesucht

„Wir suchen Lösungen, die für Brandenburger Verhältnisse taugen“, erklärt der Geschäftsführer, der auch Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Havelland ist. Die Zusammenarbeit mit Berufskollegen ist ihm sehr wichtig. „Wenn ich als Einzelkämpfer auftrete, kann ich nicht viel erreichen.“ Er wiederum freut sich auf die Experten, die er mit dem Forward-Farming-Projekt für seinen Hof gewinnt. Dazu gehören die Wissenschaftler des Mannheimer Instituts für Agrarökologie und Biodiversität (Ifab), die regelmäßig ins Havelland reisen und die Zahl der Bestäuber, Wildvögel und sonstiger nützlicher Arten feststellen. Gerne diskutiert Peters auch mit Heinz Breuer von der deutschen Bayer-Organisation, der selbst Landwirt ist und nebenbei im Rheinland Ackerbau betreibt. Schließlich profitiert die Agro-Farm von allen verfügbaren Innovationen des Digital Farming und der neuesten Pflanzenschutztechnik. In diesem Jahr experimentiert das Pflanzenschutz-Team mit den Dropleg-Düsen, die bisher zur Rapsblüte zum Einsatz kamen. „Mein Spritzenfahrer hat gleich gefragt, ob wir die Düsen nicht auch in Weizen ausprobieren sollen“, erzählt Peters.

Der Brandenburger hat längst die ausgetretenen Pfade verlassen. Seit 20 Jahren arbeitet er in diesem Ackerbaubetrieb mit 2500ha, seit elf Jahren ist er alleiniger Geschäftsführer der Agro-Farm GmbH. Unter seiner Führung ist vor allem der Sektor Erneuerbare Energien mit Biogasanlagen und Fotovoltaik ausgebaut worden. Peters hat auch in der Vermarktung Neuland betreten. Mit der Spezialisierung auf Futtermittel für Pferde und Kleintiere ist der Nauener Betrieb Lieferant für Zoo und Tierpark in Berlin sowie den Bundesgrenzschutz mit seinen Reitpferden. Hinzu kommt jeweils im Januar die Versorgung der Ausstellungstiere der Grünen Woche. Die ständige Nähe zu Verbrauchern pflegt Peters schließlich im eigenen Hofladen.

„Wir müssen um unser Image kämpfen, sonst bleiben wir der Buhmann der Nation“, weiß Peters und schwört auf eine sachliche Auseinandersetzung. Er räumt allerdings ein, dass angesichts der ständigen Vorwürfe bei manchen Landwirten die Nerven blank liegen. Heikel wird es, wenn am Wochenende die erholungsbedürftigen Berliner die Dorfstraßen zuparken und sich die Inlineskater mit den Radfahrern auf den Feldwegen ihre Rennen liefern. „Dann kann es zur Erntezeit schon mal zu sehr schwierigen Gesprächen kommen“, weiß Peters.


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Aufklärung fängt bei den Kindern an

Um solche festgefahrenen Konflikte von vorneherein zu vermeiden, setzt der Brandenburger aber viel früher an. „Unsere Kinder liegen mir besonders am Herzen“, bekennt er und erzählt, dass er am Nauener Goethe-Gymnasium, an dem er selbst einst die Schulbank gedrückt hat, das Schulgartenprojekt wieder aufleben lassen will. Außerdem vertraut er auf die eigenen Mitarbeiter. Ein vierköpfiges Team, das Peters scherzhaft „Jugendbrigade“ nennt, weil alle unter 30 sind, hat die Aufgabe, die neuen Medien wie Facebook zu bedienen.

In puncto Biodiversität kann man aber vor allem von Peters viel lernen. Der passionierte Angler kennt sich hervorragend mit der heimischen Flora und Fauna aus. Artenschutz beginnt für ihn auf dem Betriebsgelände. Beim Hofrundgang zeigt er immer wieder nach oben. Außen an der Maschinenhalle sind Schwalbennester zu sehen, innen ist ein Nistkasten für die Schleiereule angebracht. Auch Fledermäuse finden in den Gemäuern ihren Rückzugsraum. Alle Nisthilfen wurden mit der fachkundigen Hilfe des Ifab angebracht. Der wissenschaftliche Anspruch reicht bis ins Detail. (db)
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