1

Effiziente Produktion von Zucker und Alkohol – Großes Verbrauchspotenzial in Europa

Agrarzeitung Ernährungsdienst 31. August 2005; Von Dietrich Holler, Frankfurt a.M.

Brasiliens Zucker- und Ethanolindustrie wächst jährlich um mehr als 3 Prozent. Für den Treibstoff plant das Land jetzt eine große Exportoffensive.

Nach dem Willen der rot-grünen Bundesregierung sollen die deutschen Bauern „die Ölscheichs von morgen“ werden. In Brasilien sind sie es bereits – zumindest was ihren Beitrag zur nationalen Treibstoffproduktion betrifft: Ethanol auf Zuckerrohrbasis deckt etwa 40 Prozent des brasilianischen Verbrauchs an Otto-Kraftstoffen. Knapp die Hälfte der jüngsten Zuckerrohrernte von 383 Mio. t wurde zu Ethanol verarbeitet.

Alkohol für Fahrzeuge ist landesweit an 28.000 Tankstellen präsent. Bereits seit den siebziger Jahren setzt Brasilien auf Ethanol, doch die vor zwei Jahren eingeführten Flexible Fuel Fahrzeuge (FFV) brachten nochmals einen Schub: Mit dieser Technik ausgestattete Autos nutzen Ethanol oder Benzin sowie jede Mischung beider Treibstoffe. Allein in diesem Jahr dürften laut dem Verband der südbrasilianischen Zuckerindustrie (Unica), 780.000 FFV neu zugelassen werden. Sprit vom Acker ersetzt jeden Tag in dem lateinamerikanischen Land fast 32 Mio. Liter Benzin. Brasilien produziert 2004/05 insgesamt 15,3 Mrd. Liter Ethanol und führt davon ungefähr 2,4 Mrd. Liter aus.

„Wir wollen in den kommenden Jahren den Export von Ethanol deutlich erhöhen“, versichert Unica-Generalsekretär Fernando Moreira Ribeiro. Spätestens 2010 soll Brasilien pro Jahr 5 bis 7 Mrd. Liter Ethanol exportieren. Nach den USA mit 16,8 Mrd. Litern beobachtet Ribeiro in der Europäischen Union das weltweit zweitgrößte Verbrauchspotenzial für Bioethanol: jährlich 7,4 Mrd. Liter. Die Berechnungen beziehen sich auf das Jahr 2011 und basieren auf der Annahmen, dass in der EU dem Benzin 5 Prozent Ethanol beigemischt werden. Als Exportziel nach Europa strebt Brasilien 1 Mrd. Liter an. An der EU-Grenze sind dafür pro Liter aber derzeit 19,2 Cent Zoll fällig. Der nächste Streit vor der Welthandelsorganisation WTO scheint fast schon vorprogrammiert.

„Brasilien hat eine hocheffiziente Produktion und ist zudem ein sehr zuverlässiger Ethanollieferant“, betont Ribeiro mit Blick auf die Exportmärkte. Dass in seinem Heimatland die Herstellung von Ethanol und Zucker strategisch eng verbunden ist, zeigt die Produktionsstruktur: Von den 324 brasilianischen Produktionsstandorten stellen mehr als 250 sowohl Ethanol als auch Zucker her. Grundlage dafür sind die 5 Mio. ha Zuckerrohrfläche von 60.000 Farmern.

Der Rohranbau konzentriert sich mittlerweile auf die Landesmitte und den Süden: Etwa 80 Prozent der Zuckerrohrfläche werden dort angebaut. Die übrigen 20 Prozent entfallen auf den Nordosten Brasiliens. Geerntet wird jeweils zweimal im Jahr – im Nordosten im September und März, im Süden während der Monate April und November. Bei Neuanpflanzungen kann nach etwa 15 Monaten das erste Mal geerntet werden. Nach bis zu 15 Schnitten sinkt der Ertrag dann rapide und die mehrjährige Zuckerrohrpflanze wird umgebrochen. Handarbeit dominiert die gesamte Feldarbeit. Auf diese Weise stellen die Arbeiter auf dem Acker das Gros der etwa eine Million Arbeitsplätze der brasilianischen Zuckerwirtschaft.

Zuckerrohr sichert übrigens nicht nur den Energienachschub an der Tankstelle: Ist der Zuckersaft aus dem Rohr extrahiert, bleiben Unmengen an Rohfaser übrig. In der integrierten Produktion von Ethanol und Zucker wird dieses als Bagasse bezeichnete Material verbrannt und bringt Wärmeenergie für die Herstellungsprozesse. Umweltschützer kritisieren die dadurch entstehenden Emissionen. Der Effizienz der brasilianischen Bioethanol-Produktion tut das keinen Abbruch.
stats