Dagmar Behme zur Diät für Biospritfresser

Lebensmittel haben Vorrang vor Bioenergie – dieses Bekenntnis sprechen Politiker rund um den Globus seit der Lebensmittelkrise des Jahres 2008 gebetsmühlenartig aus. Für die deutsche Bundesregierung gilt Nahrung als Menschenrecht. Demnächst kann es zum Schwur kommen. Der Preisanstieg für Weizen und Mais weckt Erinnerungen an das Krisenjahr 2008.

Damals bewegten sich im März die europäischen Weizenpreise in Richtung 300 €/t. In diesem Sommer klettern die Kurse vor der Ernte auf 265 €/t. Die Maisnotierungen in den USA haben mit mehr als 320 US-$/t bereits im Juli 2012 alle Rekorde gebrochen. Damals wie heute ächzen die Futtermittelhersteller und Tierhalter in Europa wie in Amerika angesichts explodierender Rohstoffkosten. Die deutschen Verbraucher werden auf teurere Brötchen eingestimmt.

Den höchsten Preis zahlen jedoch die Armen in der Welt, für die Nahrung schlichtweg unbezahlbar wird. Nach dem Krisenjahr 2008 näherte sich die Zahl der Hungernden der Milliardenmarke. Statt jedoch umgehend die Agrarpolitik auf den Prüfstand zu stellen, gab ein weltumspannender Apparat aus Wissenschaft, Politik und Lobbyverbänden ungezählte Studien in Auftrag, um die Ursachen der Krise eingehend zu analysieren. Seit Jahren streiten sich Heerscharen von Ökonomen, ob Spekulanten oder Biosprit die Preise für Nahrung angeheizt haben. In den seither veröffentlichten umfangreichen Werken wird der Schwarze Peter hin und her geschoben – meist abhängig vom Auftraggeber der Studie. Der Erkenntnisgewinn bleibt dagegen auf wissenschaftliche Kreise beschränkt. Das gilt auch für die jüngste Stellungnahme der deutschen Leopoldina zur Bioenergie, selbst wenn eine Nationale Akademie der Wissenschaften hohe Erwartungen an eine sachliche Aufklärung weckt.

Es bedarf jedoch keines hochkarätigen Forscherteams, um zu erkennen, dass der schnell wachsende Verbrauch von Nahrungsrohstoffen als Bioenergie brandgefährlich werden kann. Dazu muss nur eine Welternte deutlich kleiner als im Vorjahr ausfallen. In diesen Wochen verdorrt der gesamte Mittlere Westen der USA. Etwa die Hälfte der Vereinigten Staaten ist zum Katastrophengebiet erklärt worden. Dort halten die Politiker noch am Ziel fest, binnen zehn Jahren doppelt so viel Biotreibstoff zu erzeugen wie heute. Dass vorerst ausschließlich Mais und nicht die vielgepriesene Zellulose als Rohstoff taugt, ficht die stets optimistischen Amerikaner nicht an – solange die Ernten von Jahr zu Jahr steigen.

Jetzt verdüstert sich die Stimmung mit jedem Tag, an dem Maispflanzen vertrocknen und die Tiere auf den ausgedörrten Weiden kein Futter mehr finden. Die Mäster und Milchviehhalter machen bereits Druck auf die US-Regierung, das Ethanolmandat kurzfristig auszusetzen. Noch tut sich Washington mit einer Diät für die Biospritfresser schwer. Schließlich hat die US-Regierung im Frühjahr 2008 eine entsprechende Forderung einfach ausgesessen. Damals wurden jedoch wesentlich geringere Teile der US-Maisernte zu Ethanol verarbeitet. Im Sommer 2012 ist die Lage wesentlich brenzliger – nicht nur jenseits des Atlantiks. Sollte das US-Mandat kippen, gerät die Beimischungspflicht in der EU auch ins Wanken.
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