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Interview mit Dr. Christoph Persin, VK Mühlen AG, Hamburg

Agrarzeitung Ernährungsdienst 8. Januar 2004; Von Olaf Schultz, Frankfurt a.M.

In den USA, Kanada und Ungarn ist die gezielte Anreicherung von Mehl und anderen Grundnahrungsmitteln mit dem B-Vitamin Folsäure bereits seit einigen Jahren gesetzlich vorgeschrieben. Auch hier zu Lande fordern Ärzte und Wissenschaftler nachdrücklich, beispielsweise dem Mehl Folsäure zuzusetzen, um die bestehende Unterversorgung zu beheben. Die Agrarzeitung Ernährungsdienst sprach über dieses Thema mit Dr. Christoph Persin, VK Mühlen AG, Hamburg.

Wie sind die Bestrebungen, Mehl in Deutschland mit Folsäure anzureichern, aus Mühlensicht zu bewerten?

Persin: Tatsächlich liegt die tägliche Folsäureaufnahme in Deutschland unterhalb der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Bonn. Inzwischen ist wissenschaftlich erwiesen, dass eine verbesserte Folsäureversorgung nicht nur das Risiko für Fehlbildungen bei Neugeborenen um bis zu 75 Prozent vermindert, sondern auch bestimmten Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall vorbeugen kann. Neben den erfreulichen Auswirkungen auf die persönlichen Schicksale wären durch eine Folsäureanreicherung von Mehl daher auch deutlich kostensenkende Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem zu erwarten.

Als Produzenten eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel stehen die Mühlen den berechtigten Forderungen deutscher Ärzte und Wissenschaftler positiv gegenüber. Aktuelle Berechnungen des Robert-Koch-Instituts, Berlin, belegen zudem, dass die Verwendung folsäurereicher Mehle einen wichtigen und sicheren Beitrag zur Vitaminversorgung in allen Bevölkerungsgruppen leisten kann.

Wären damit technische Veränderungen für den Mahlprozess verbunden? Entstehen dem Müller Mehrkosten?

Persin: Idealerweise findet die Folsäureanreicherung von Mehl auf der Stufe der Müllerei statt. Der Mahlprozess muss nicht angepasst werden und die vielfältigen Mischprozesse gewährleisten eine gleichmäßige Verteilung der Folsäure im Produkt. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund möglicher Überdosierungen ein wichtiger Sicherheitsaspekt.

Ähnlich wie das Mehlbehandx lungsmittel Ascorbinsäure (Vitamin C) kann auch die Folsäure dem Mehlstrom über Mikrodosierer kontinuierlich zugegeben werden. x Die entstehenden Mehrkosten sind in erster Linie eher auf logistische Maßnahmen wie die getrennte Verarbeitung und Lagerung folsäurehaltiger und folsäurefreier Mehle zurückzuführen. Die Mehrkosten für den zusätzlichen Materialeinsatz sind überschaubar.x Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass sich die am Markt befindlichen Folsäurepräparate deutlich voneinander unterscheiden. Neben den rein technologischen Eigenschaften muss auch die Langzeitstabilität und Bioverfügbarkeit untersucht werden. Derartige Studien sind sehr zeit- und kostenintensiv. Eine aussagekräftige Bioverfügbarkeitsstudie kann durchaus Kosten in Höhe von € 50.000,- und mehr verursachen.

Gibt es bereits Mühlen in Deutschland, die ihren Standardmehlen Folsäure zugeben?

Persin: Standardmehle werden meines Wissens nach in Deutschland noch nicht mit Folsäure angereichert. Möglicherweise hat das auch etwas damit zu tun, dass traditionelle Handwerksbäcker auf Grund gesetzlicher Vorgaben zurzeit die Verwendung folsäurereicher Mehle nicht problemlos ausloben können. Industrielle Produzenten, die ihre Produkte verpackt in den Markt bringen, haben diese Schwierigkeit hingegen nicht.

Einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der Folsäureaufnahme leisten aber bereits heute beispielsweise die vielfältigen Aurora-Brotbackmischungen unseres Unternehmens. In umfangreichen Untersuchungen ist für diese Brotbackmischungen eine backstabile Folsäureform ausgewählt worden, deren hervorragende Bioverfügbarkeit darüber hinaus im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie eindrucksvoll belegt wurde.

Ist eine gesetzliche Regelung in x Deutschland erforderlich und erwarten Sie diese in absehbarer Zeit?

Persin: Auf Grund der zu erwartenden positiven gesundheitlichen Aspekte ist eine erhöhte Folsäureaufnahme unbedingt anzustreben. Allerdings muss dabei einem unkontrollierten „Wildwuchs“ angereicherter Lebensmittel vorgebeugt werden, um Aufnahmehöchstmengen nicht zu überschreiten. Außerdem muss die Wahlfreiheit der Verbraucher beim Kauf von Lebensmitteln erhalten bleiben.

Nach den mir vorliegenden Informationen plant die Bundesregierung keine gesetzlichen Maßnahmen zur verpflichtenden Folsäureanreicherung von Mehl. Auf freiwilliger Basis, und unterfüttert mit entsprechenden wissenschaftlichen Daten, ist eine gezielte Anreicherung schon jetzt möglich.
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