Report Pflanzenschutz im Herbst

„Das System ist für alle frustrierend“


Die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln bereitet Verdruss. Die Bürokratie ist gestiegen, Behörden sind überlastet, Innovationen werden behindert statt gefördert, lautet die Bilanz der Branche. Wilhelm Schlüter schildert im Gespräch mit der agrarzeitung (az) seine Eindrücke.


Wenn sich nichts ändert, fürchtet Wilhelm Schlüter einen Kollaps der zonalen Zulassung.
-- , Foto: Adama
Wenn sich nichts ändert, fürchtet Wilhelm Schlüter einen Kollaps der zonalen Zulassung.

agrarzeitung: Wie ist aktuell die Zulassungssituation?

Schlüter: Ich arbeite seit 20 Jahren in der Registrierung. Eine schlimmere Planungsunsicherheit hatten wir noch nie! Das zonale System ist extrem komplex und verlängert die nationalen Verfahreszeiträume. Diese werden zum Teil weit überschritten. Für einige unserer Anträge mit Deutschland als bewertendem Mitgliedstaat liegen wir inzwischen bei Bewertungszeiten von bis zu drei Jahren statt den maximal zwölf Monaten, die laut EU-Verordnung vorgesehen sind.

Wo klemmt es? Sind die Behörden zu schwerfällig?

Schlüter: Die Komplexität des Systems überfordert alle Beteiligten und ist frustrierend sowohl für die Industrie als auch für die Behörden, die personell dafür nicht ausreichend aufgestellt sind. Der Prüfungs- und Bewertungsaufwand ist de facto gestiegen, da das System aufgrund mangelnder Harmonisierung und unterschiedlicher Erwartungshaltungen nicht richtig gelebt wird. Dies führt zu einem hohen Bewertungsaufwand selbst bei gegenseitiger Anerkennung.

Zu hören ist der Vorwurf an die Industrie, dass mangelnde Qualität der gestellten Anträge zu den Verzögerungen beiträgt.

Schlüter: Dieser Vorwurf erschließt sich mir nicht. Es liegt in unserem eigenen und auch im Interesse anderer Antragsteller, korrekte und vollständige Anträge einzureichen. Aus meiner Sicht lassen sich die großen Probleme im deutschen Zulassungsverfahren an diesem Punkt nicht festmachen.

Sind die Verzögerungen noch Kinderkrankheiten?

Schlüter: Obwohl es viele positive Bemühungen auf EU- und nationaler Ebene gibt, fürchte ich, dass es eher noch schlimmer wird und die Bearbeitungszeiten weiter steigen. Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, kurz BVL, gibt es ein ungünstiges Verhältnis von Antragseingängen und -ausgängen. Das heißt im Klartext: Es baut sich ein Antragsstau auf. Wenn sich nichts ändert, ist ein Kollaps des zonalen Zulassungssystems zu befürchten.


Zur Person
Dr. Wilhelm Schlüter leitet in der Adama Deutschland GmbH seit 2015 die Registrierung und Entwicklung für Deutschland und Nordeuropa. Er hat Agrarwissenschaften in Bonn studiert und in der Bodenkunde promoviert. Schlüter verfügt über langjährige Erfahrungen in der Pflanzenschutzmittelzulassung und ist seit 2002 für Adama tätig. (db)

Was sind die Konsequenzen?

Schlüter: Den Landwirten stehen neue innovative Produkte verspätet zur Verfügung. Für die Unternehmen haben die deutlichen Verfahrensverzögerungen bei Neuzulassungen zum Teil beträchtliche Umsatzverluste zur Folge. Ist Deutschland bewertender Mitgliedstaat, weiten sich im zonalen System diese Verluste auf alle anderen beteiligten Mitgliedstaaten aus, da deren Behörden zunächst die Bewertung durch die deutschen Behörden abwarten.

Zurück zu den Konsequenzen für Landwirte. Was ist so schlimm, wenn ein Produkt etwas später kommt?

Schlüter: Es geht ja nicht nur um Verzögerungen bei Neuzulassungen. Durch die höheren Auflagen für vorhandene Pflanzenschutzmittel gehen Wirkstoffe und Produkte verloren. Dadurch fehlen wichtige Bekämpfungsmöglichkeiten in vielen Kulturen – bei gleichzeitiger Ausbremsung von Innovationen. Wenn ganze Wirkstoffgruppen wegfallen, steigt generell das Resistenzrisiko, da ein vernünftiges Resistenzmanagement immer schwieriger wird. Das liegt übrigens auch überhaupt nicht im Interesse eines nachhaltigen, integrierten Pflanzenschutzes, der doch eigentlich von der Politik angestrebt wird.

Das Gespräch führte Dagmar Behme
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