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Molkereigenossenschaften müssen für gute Kapitalausstattung sorgen –
Interview mit DRV-Präsident Manfred Nüssel

Agrarzeitung Ernährungsdienst 15. Oktober 2005; Von Gisela Haas, Berlin

Die Milchverarbeitung wird durch die EU-Reform der Milchmarktordnung im vergangenen Jahr einem beschleunigten Strukturwandel ausgesetzt werden. Diese absehbare Entwicklung sollte die Branche nicht lediglich reagierend vollziehen, sondern aktiv gestalten. Daher hat der Deutsche Raiffeisenverband e.V., Berlin/Bonn, eine Orientierungsstudie erarbeiten lassen, die gegenwärtig innerhalb des Verbandes eingehend diskutiert wird. Präsident Manfred Nüssel erläuterte dem Ernährungsdienst einige Aussagen der Studie, die in Zusammenarbeit mit den genossenschaftlichen Unternehmen und dem DRV von der Booz Allen Hamilton GmbH, München, erstellt wurde.

Wie berechtigt ist die Vermutung, dass in den nächsten Jahren in der Molkereibranche Übernahmen durch ausländische Wettbewerber beabsichtigt werden?

Nüssel: Die Molkereigenossenschaften sind durch die Auswirkungen der Agrarreform auf dem EU-Milchmarkt, die fortschreitende Konzentration im Handel und die spürbare Internationalisierung der Märkte einem erhöhten Wettbewerbs- und Anpassungsdruck ausgesetzt. Zur Sicherung ihrer Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit ist nach meiner Überzeugung eine beschleunigte und deutlichere Bündelung der Kräfte erforderlich. Über denkbare Absichten ausländischer Wettbewerber brauchen wir nicht zu spekulieren, wenn wir rechtzeitig handeln und somit im Milchbereich die Wertschöpfungskette ausbauen.

Wird von den genossenschaftlichen Eigentümern die Situation realistisch eingeschätzt, oder bedarf es noch einer Schärfung des Problembewusstseins??

Nüssel: Die Agrarreform trifft den Milchmarkt und die Milcherzeuger angesichts der bereits heute in der Milchproduktion nur teilweise gedeckten Vollkosten besonders hart. Nach meinem Eindruck haben viele Milcherzeuger durchaus realistische Zukunftserwartungen. Bei anderen ist angesichts von Milchpreisforderungen in Höhe von 35 oder gar 40 Cent das Problembewusstsein allerdings weiter zu schärfen. Die agrarpolitischen Einschnitte können die Molkereigenossenschaften nicht aufheben. Auch sie sind zur Anpassung gezwungen. Sie richten ihr wirtschaftliches Handeln weiterhin an ihrem Auftrag zur Förderung ihrer Mitglieder aus, indem sie auf dem Markt alles daransetzen, dem zu erwartenden weiteren Rückgang der Erzeugerpreise entgegenzuwirken.

Welche Rolle werden in Zukunft mittelständische Molkereien spielen???

Nüssel: Fusions- und Kooperationsaktivitäten werden weiter zunehmen. In den wachsenden Unternehmen geht damit bei angestrebter Kostenführerschaft nach den bisherigen Erfahrungen eine Konzentration auf Kernkompetenzen und eine Sortimentsstraffung einher. Für regionale, kleinere und auf Nischen ausgerichtete Molkereien ergeben sich hieraus gleichzeitig neue wirtschaftliche Möglichkeiten und Chancen. Wir werden deshalb auch künftig über eine nach Funktionen und Größe differenzierte Molkereilandschaft verfügen.

Konnten trotz erschwerter Rentabilität Mittel für Investitionen in Forschung und Entwicklung erwirtschaftet werden, oder gibt es im Vergleich mit europäischen Marktführern Defizite?

Nüssel: Der Erhalt und vor allem der Ausbau der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit sind mit beträchtlichen Investitionen verbunden, sei es in die Weiterentwicklung und den Ausbau kostengünstiger Produktions- und Vertriebsstrukturen oder in die Sicherung der Marktpräsenz durch Forschung und Entwicklung. Daher kommt der Stärkung der Eigenkapitalbasis besondere Bedeutung für eine positive Unternehmensentwicklung zu. Im Vergleich mit europäischen Marktführern wurden hier in der Vergangenheit aus betriebswirtschaftlicher Sicht eher zu hohe als zu niedrige Milchpreise ausgezahlt.

Nutzen die deutschen Molkereien schon alle Rationalisierungsmöglichkeiten, oder lassen sich noch einige Reserven mobilisieren?

Nüssel: Die konsequente Erschließung von Rationalisierungsreserven ist in einem sich dynamisch wandelnden wirtschaftlichen Umfeld eine Daueraufgabe, die von den Molkereien aktiv wahrgenommen wird. Angesichts des insbesondere durch die Auswirkungen der Agrarreform auf dem EU-Milchmarkt erhöhten Anpassungsdruck werden Rationalisierung und Kostensenkung allein jedoch nicht ausreichen, um die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und sich auf den Märkten längerfristig zu behaupten.

Dürfte deren Mobilisierung genutzt werden, die Rohmilchpreise anzuheben, oder sind andere Aufgaben vorrangig zu erledigen??

Nüssel: Sie dürfen nicht verkennen, dass Konzentrationsvorgänge zunächst zu einem erheblichen Finanzierungsbedarf führen, um die potenziellen Synergievorteile tatsächlich realisieren zu können.

Bei der strategischen Orientierung der Molkereigenossenschaften ist im Übrigen darauf zu achten, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Milchgeldzahlungen und Zukunftsinvestitionen zu wahren. Natürlich hat die Milchgeldzahlung für die Mitglieder eine entscheidende Bedeutung, da die Betriebe selbst unter hohem Einkommensdruck stehen. Eine heute maximale Auszahlungsleistung könnte sich jedoch als sehr kurzlebig erweisen, wenn die Molkereigenossenschaften nicht gleichzeitig und gleichrangig finanziellen Spielraum für Zukunftsinvestitionen und zur Risikovorsorge erhalten.

An der Senkung der Stückkosten in der Erzeugung und Verarbeitung führt wohl kein Weg vorbei, um überschüssige Mengen exportieren zu können. Ist ausschließlich schiere Größe die Lösung, oder lässt sich über Spezialisierung der Verarbeiter gleichfalls Geld sparen??

Nüssel: Größe allein ist nicht die ausreichende Lösung, häufig aber die Voraussetzung, um wettbewerbsfähige Kostenstrukturen, ausreichende Investitionskraft und Marktpräsenz auch im Export darzustellen sowie wachsenden LEH-Anforderungen entsprechen zu können. Größeren Unternehmen bieten sich auch mehr Möglichkeiten zur Risikostreuung und zur Reaktion auf regionale Rohstoffverschiebungen. Dass daneben auch Raum und wirtschaftlicher Erfolg für spezialisierte Verarbeiter bleiben, steht für mich außer Frage.

Haben die Molkereien noch Jahre Zeit, um den Strukturwandel offensiv zu gestalten, oder ist es fünf vor zwölf??

Nüssel: Die Uhr tickt, aber ich sehe die genossenschaftlichen Molkereiunternehmen durchaus noch im richtigen Zeitrahmen für notwendige Entscheidungen und Lösungen, um sich in diesem Markt zukunftsorientiert neu aufzustellen. Die bereits in der Vergangenheit erfolgten beachtlichen Strukturveränderungen stimmen mich zuversichtlich, dass wir auch künftig die weiterhin notwendigen Anpassungen erreichen. Die neue Orientierungsstudie soll uns dabei helfen.

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