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In der Gentechnikdebatte hat die EU die Nase vorn - Viele Auswirkungen sind noch nicht erforscht

26. Januar 2000; Dr. Angela Werner, Agrarzeitung Ernährungsdienst, Frankfurt a. M.

In der Gentechnik-Debatte hat sich im vergangenen Jahr viel getan. Der Aufstand der Konsumenten und ihre Bedenken haben gefruchtet und sind ernst genommen worden. Das gilt nicht nur in Europa, sondern in vielen Ländern rund um den Globus. Zuweilen brodelte die Auseinandersetzung wie eine Vulkanlandschaft mit unvorhersehbaren Eruptionen. Das Terrain ist weiterhin heiß, aber deutlich befriedeter. Der ideologische Schlagabtausch weicht zunehmend einer sachlicheren Diskussion. Eine Vorreiterrolle hat dabei die EU eingenommen.

Ausgangspunkt einer Verbraucherbewegung, die 1999 weltumspannend Kreise ziehen sollte, war Großbritannien. Die schon durch die BSE-Krise sensibilisierten britischen Verbraucher gingen auf die Barrikaden und wehrten sich gegen "Frankensteinfood". So haben zunächst die großen Lebensmittelketten in England und dann in Frankreich GV-Produkte aus ihren Regalen verbannt, um dem Willen des Verbrauchers Rechnung zu tragen. Dieser Entschluss hat in Europa viele Nachahmer gefunden, bis hin zu der deutschen Aldi-Kette, die im Oktober 1999 den Verzicht auf GVO in ihren Eigenmarken erklärte (siehe Übersicht).

Die Entscheidungen des Handels brachten sowohl Zulieferer als auch Anbauer in Zugzwang. Sie mussten plötzlich garantieren, dass ihre Produkte keine GV-Bestandteile enthalten. Die Eigenschaft "GVO-frei" wurde zum Bestandteil von Verträgen. Dadurch veränderte sich das Handelsgebaren deutlich. So spezialisierten sich beispielsweise in Deutschland Unternehmen darauf, Produkte aus GVO-freier Erzeugung herzustellen und mit den Landwirten entsprechende Anbauverträge zu schließen. Auch eine Markt-Plattform für Anbieter GVO-freier Ware formierte sich im Internet. Darüber hinaus erweiterte sich das Informationsangebot zum Stand der Gentechnikdiskussion erheblich (siehe Internetadressen).

Die plötzliche Nachfrage nach GVO-freier Importware teilte die Warenströme. Eine getrennte Erfassung von GV-Erntegut und Nicht-GV-Erntegut wurde in den Exportländern wie etwa den USA diskutiert, die sich aber zunächst weigerten. Zu hoch seien die Kosten für Logisitk, Analytik und Kennzeichnung, lauteten die Argumente.

EU setzt Zeichen

Für neuen Diskussionsstoff in der europäischen Kennzeichnungsdebatte sorgten GV-Verunreinigungen in angeblich GVO-freier Ware. Nach der Novel-Food-Verordnung der EU, die seit Mai 1997 in Kraft ist, müssen alle Produkte, die nachweisbar GV-Bestandteile (Proteine oder DNA) enthalten, gekennzeichnet werden. Davon seien praktisch alle Produkte betroffen, protestierten Lebensmittelindustrie und Verarbeiter. Sie forderten einen Schwellenwert. Zu Beginn 1999 hatten sich bereits in der Schweiz Umweltgruppen, Politik und Wirtschaft auf einen Schwellenwert von 1 Prozent geeinigt, der seit Juni 1999 gesetzlich verbindlich ist. In der EU wird es erst ab April diesen Jahres einen verbindlichen Grenzwert von 1 Prozent für Lebensmittel und Lebensmittelzutaten, die aus GVO hergestellt sind, geben. Oberhalb dieses Wertes müssen die entsprechenden Produkte gekennzeichnet werden. Darüber hinaus wurde die Novel-Food-Verordnung verschärft: Auch Zusatzstoffe und Aromen aus gentechnisch veränderten Organismen werden damit kennzeichnungspflichtig. Durch diese beiden Verordnungen wird eine für alle Marktbeteiligten verbindliche Rechtssicherheit geschaffen. Der Verbraucher wird somit informiert und hat die Wahl, welche Produkte er kaufen möchte und welche nicht.

Die Debatte in Europa und die gesetzlichen Regelungen haben auch Auswirkungen auf Handelspartner rund um den Globus. Der Wunsch nach mehr Transparenz im Umgang mit GV-Produkten hat sich auch auf nicht EU-Mitgliedstaaten ausgeweitet. So überlegt die Tschechische Regierung, gesetzliche Grundlagen für den Umgang mit GV-Produkten zu schaffen. Das Kabinett hat vergangenen Dezember eine Gesetzesvorlage gebilligt, nach der jedes GV-Produkt einer staatlichen Zulassung bedarf und gekennzeichnet werden muss. Auch Australien und Japan haben die Kennzeichnung von GV-Produkten angekündigt. Australien will zudem eine zentrale Behörde zur Prüfung aller Umwelt- und Gesundheitsaspekte von GVO einrichten, die heimische und internationale Unternehmen überwacht, die Forschung mit GVO oder Freisetzngen betreiben. Das derzeit vorläufige Büro soll ab Juli 2001 zu einer festen Einrichtung in Australien werden.

Die japanische Regierung hat im August 1999 beschlossen, alle GV-Nahrungsmittel ab April 2001 zu kennzeichnen. Daraufhin stieg die Handelsnachfrage Japans in den USA nach GVO-freiem Mais enorm an. 1998 hatten die USA noch rund 90 Prozent der japanischen Importe an Mais (15,7 Mio. t) bestritten. Zu dem hatten auch japanische Brauereien angekündigt, ab 2001 auf die Verarbeitung von GV-Mais zu verzichten. Auch der größte japanische Mehlerzeuger will die Verarbeitung von GV-Mais und -Soja Ende Februar 2000 einstellen. Maisstärke soll durch Weizenstärke ersetzt werden und Sojaprotein durch Weizenprotein, da das Unternehmen nicht davon überzeugt ist, entsprechende Mengen von GVO-freier Ware zu erhalten. Ferner will Japans größter Sojamilchhersteller ab März 2000 auf Verarbeitungsprodukte/Zutaten aus GV-Mais verzichten und sie entsprechend substituieren. Auch Südkorea, das seinen Bedarf an Mais (1998 knapp 7,5 Mio. t) fast zu 100 Prozent und den an Soja (etwa 1,6 Mio. t 1998) zu über 90 Prozent über Importe deckt, denkt über eine getrennte Erfassung sowie eine Kennzeichnung von GV-Produkten ab Juli 2001 nach.

Debatte in USA beginnt erst

Auf die politischen Entscheidungen in Europa und anderen Importländern haben die exportierenden Länder auf recht unterschiedliche Weise regiert. In den bislang der Gentechnik positiv gesinnten USA, wo die Hauptanbaugebiete für GV-Sorten liegen (1998 etwa 20,5 Mio. ha), appellieren inzwischen Verbraucherinitiativen an Regierungseinrichtungen und fordern einen umsichtigeren Umgang und weitergehende Risikountersuchungen, welche Auswirkungen die Freisetzung von GVO vor allem auf lange Frist auf die Umwelt und für die menschliche Ernährung hat. Der Druck der Verbraucher beginnt auch in den USA die Politik zu verändern. So erwägt die US-Lebensmittelbehörde (FDA) inzwischen ebenfalls eine Kennzeichnung von GV-Produkten, die bislang strikt abgelehnt wurde. Die Debatte um Kennzeichnung und Analysemethoden zum Nachweis von GV-Bestandteilen hat im Gegensatz zur EU in den USA erst begonnen. So arbeitet das USDA beispielsweise an der Entwicklung von Nachweisstandards. Ferner stellt das USDA 120 Mio. US- für Forschungszwecke zur Verfügung, um die Auswirkungen des Anbaus von GV-Sorten auf die Umwelt, den Pflanzenschutzmitteleinsatz und die Nahrungsmittelsicherheit weiter zu untersuchen.

Die großen US-Agrarhandelsunternehmen Cargill und ADM haben sich mit Blick auf die Sicherung der Exportmärkte in Europa auf eine getrennte Erfassung von GV- und Nicht-GV-Erntegut verständigt. Angesichts vielleicht begrenzter Absatzmöglichkeiten sowohl im Inland als auch im Ausland sind viele US-Farmer aber merklich verunsichert. Einige sind sogar auf die Barrikaden gegangen und haben den US-Konzern Monsanto verklagt, der ihnen ihrer Ansicht nach falsche Versprechungen gemacht hat. Viele US-Landwirte, die in den vergangenen Jahren GV-Sorten sehr offen gegenüber standen, zögern ihre Anbauentscheidung für dieses Frühjahr noch hinaus. Zu unklar ist, ob sie ihr Erntegut auch am Markt absetzen können und zu welchem Preis. Sie wollen zudem ein Signal setzen, dass auch sie die Bedenken der Verbraucher ernst nehmen. Ungewiss ist daher noch, wieviel GV-Sorten im Frühjahr überhaupt in den USA angebaut werden. Die zweistelligen Zuwachsraten der vergangenen Jahre werden wohl nicht mehr erreicht werden.

Brasilien will GVO-frei bleiben

In Brasilien, dem zweitgrößten Sojabohnenerzeuger nach den USA, wird dagegen auf die GVO-freie Absatzschiene gesetzt. In dem Land gibt es schon seit zwei Jahren heftige gerichtliche Auseinandersetzungen um eine herbizidresistente GV-Sojasorte von Monsanto, die seit September 1998 zugelassen war. Klagen von Umwelt- und Verbraucherinitiativen blockierten bislang den Saatgut-Verkauf. Der Gouverneur der für den Sojaanbau entscheidenden Provinz Rio do Sul bezeichnetet Brasilien als quasi GVO-frei. Seinen Bundesstaat rief er zur "GVO-freien Zone" aus. Auf Druck von Umweltgruppen wurde im Herbst 1999 der Anbau von GV-Sojabohnen per Gesetz verboten. Die brasilianische Regierung sieht darin angesichts der zunehmenden Ablehnung in Europa gegenüber GV-Ware einen enormen Wettbewerbsvorteil. Exportmärkte in Europa und Japan könnten weiter ausgebaut werden, wenn sich Brasilien zu einem Anbieter von garantiert GVO-freier Ware mausern kann.

Die brasilianischen Landwirte sehen aber durchaus auch Vorteile im Anbau von GV-Sorten: weniger Pflanzenschutzmitteleinsatz und höhere Erträge. So floriert der illegale Saatguthandel mit GV-Sorten aus dem benachbarten Argentinien. Seitens des Landwirtschaftsministeriums hat eine großangelegte Aktion zur Zerstörung aller Anbaufelder von GV-Soja begonnen. Um den Landwirten Anreize zu einer GV-freien Produktion zu geben, bietet die Regierung den Landwirten äußerst niedrige Zins-Darlehen an, wenn sie bereit sind die bereits gesäten GV-Sorten durch konventionelle Saaten zu ersetzen. Die Frist ist allerdings gegen Ende 1999 ausgelaufen. Diese Vorgehensweie belastet jedoch die Handelsbeziehungen zum Nachbarland Argentinien erheblich.

Argentinien ist der weltweit drittgrößte Produzent von Soja. Dort wurden 1999 auf rund 6,4 Mio. ha GV-Sojasorten angebaut, das dürfte 90 Prozent der gesamten Anbaufläche sein. 1998 betrug die Anbaufläche für GV-Soja noch 4,3 Mio. ha, GV-Mais- und GV-Baumwollanbau hatten noch keine Bedeutung. Von Verbraucherinitiativen oder Unsicherheiten unter den Landwirten ist dort bislang aber nichts zu vernehmen.

Auch China gehört zu den Ländern, in denen zahlreiche GV-Sorten angebaut werden, vornehmlich Bt-Mais. Nach dem jüngsten Bericht des Umweltbundesamtes über den Transgenen Anbau in Schwellenländern wird die Anbaufläche für GV-Pflanzen 1998 in China auf 4,5 Mio. ha geschätzt. Damit nimmt das Land nach den USA und vor Argentinien und Kanada (1998 2,8 Mio. ha) Platz zwei ein. Der größte Teil wird zwar im Inland verbraucht, ein Teil der GV-Produkte geht auch in den Export. Beim heimischen Bier sind die Chinesen allerdings ebenfalls wählerisch. So wollen sie beim Bierbrauen keine gentechnisch veränderte Gerste einsetzen.

Globale Regeln erforderlich

Während über die Kennzeichnung von GV-Erzeugnissen zunehmend Einigkeit entsteht, bekommt die Debatte um den Einsatz und den Umgang mit gentechnisch veränderten Kulturpflanzen neuen Zündstoff. Immer wieder verunsichern neue Ergebnisse aus der Forschung die Verbraucher und Anbauer. Sei es die Verfütterung von rohen gentechnisch veränderten Lektin-Kartoffeln in Schottland, die zu Wachstumsstörungen und Organschäden bei Ratten geführt haben, oder die hohe Sterberate von Monarchfaltern in den USA, die im Labor mit Pollen von Bt-Mais gefüttert wurden. Erst kürzlich stellten Wissenschaftler fest, dass das insektizide Bt-Toxin nicht nur in den grünen Pflanzenteilen von Mais produziert wird, sondern auch in den Boden abgegeben wird. Auch über die Frage, wieviel Meter Randstreifen zwischen mit konventionellen Sorten und mit GV-Sorten bestellten Feldern benötigt werden, um den Pollenflug zu unterbinden und damit Auskreuzungen zu vermeiden, sind sich die Wissenschaftler keineswegs einig. Es wird aber immer wieder klar, dass hinsichtlich der Auswirkungen von gentechnologisch veränderten Kulturpflanzen auf die Umwelt und die Artenvielfalt nach wie vor erheblicher Forschungsbedarf besteht.

Auch was den globalen Handel mit GV-Erzeugnissen angeht, sind noch viele Lücken zu schließen. In dieser Woche treffen sich die Umweltbeauftragten aus 134 Ländern im kanadischen Montreal, um über internationale Regeln für den Umgang mit GVO zu diskutieren und das vorgeschlagene Biosafety-Protokoll zu unterzeichnen. Das ist nun schon der zweite Anlauf, nachdem die Verhandlungen im Februar 1999 im kolumbianischen Cartagena gescheitert waren. Ziel des internationalen Abkommens soll es sein, vor allem Pflanzenarten in Entwicklungsländern vor Auskreuzungen zu schützen, um die Biodiversität zu erhalten. Ferner ist eine Aufklärung über Risiken und eine Kennzeichnung von GVO-Ware vorgeschlagen.

Unter den verschiedenen Exportländern gibt es jedoch nach wie vor sehr unterschiedliche Positionen. So führt die EU das Vorsorgeprinzip als Argument ins Feld. Die USA hingegen würde Regeln zur Biotechnologie lieber im Rahmen der WTO verhandeln. Die Miami-Gruppe, der neben den USA Kanda, Chile, Australien, Argentienien und Uruguay angehören, hatte in Cartagena die Unterzeichnung des Protokolls verweigert. Es bleibt abzuwarten und zu hoffen, dass diesmal in Montreal eine Einigung erzielt werden kann. Damit wäre ein weiterer wichtiger Schritt getan hin zu mehr Transparenz und Verbindlichkeit im Umgang mit transgenen Erzeugnissen.

Informationen zur Gentechnik im Internet

Robert-Koch-Institut

Biologische Bundesanstalt für Lanwirtschaft und Forsten

Umweltbundesamt

Bundesamt für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin

Verbraucherinitiative Transgen

Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde

Infodienst lifescience

ISAAA (International Service for Acquisition of Agri-biotech Applications)

Hersteller von GVO-freien Lebensmitteln
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