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Stinnes Logistics sieht Wachstumspotenzial beim Getreide- und Futtermitteltransport

Erschienen im Ernährungsdienst am 17. Dezember 2003; Von Olaf Schultz, Frankfurt a.M.

Anfang September ging die Tochter der Deutschen Bahn (DB) AG, Stinnes Logistics, an den Start. Stinnes Logistics vereint unter ihrem Dach den Schienengüterverkehr der DB Cargo sowie die weltweiten Speditionsaktivitäten der Stinnes-Tochter Schenker. Die Agrarzeitung Ernährungsdienst sprach über den neuen Logistik-Riesen mit Mario Carl, Marktbereich Agrarprodukte/Forstwirtschaft/Konsumgüter bei der Stinnes AG.

Herr Carl, mit Stinnes Logistics ging am 1. September ein neuer Logistik-Riese an den Start. Wie ist der Konzern strukturiert? Wie hoch sind die Umsatzerwartungen?

Carl: Die neue Führungsgesellschaft der Deutschen Bahn AG für alle Transport- und Logistikaktivitäten ist am 1. September an den Start gegangen. Unter dem Stinnes-Dach haben sich die vier Geschäftsfelder – Schenker, Stinnes Freight Logistics, Stinnes Intermodal und Railion – vereint. Bei der Strukturierung der neuen Stinnes AG sind die Vertriebsfunktionen konsequent von der Produktion getrennt worden. Der Direktkundenvertrieb und alle Speditionsfunktionen wurden aus der ehemaligen DB Cargo herausgelöst und direkt auf die Geschäftsfelder Intermodal, Freight Logistics und Schenker der neuen Stinnes übertragen. Stinnes hat somit die wesentlichen Vertriebsfunktionen von DB Cargo übernommen.

Schenker bleibt mit dem bestens eingeführten Markennamen weiter am Markt tätig. Die DB Cargo wurde mit diesem Schritt zum reinen Schienen-Carrier. Nachdem die Schwesterunternehmen in Dänemark und den Niederlanden bereits unter dem Namen Railion auftreten, wurde DB Cargo konsequenterweise in Railion umgetauft. Railion ist damit die größte europäische Güterbahn. Freight Logistics vertreibt verkehrsträgerübergreifend, aber mit Kernkompetenz Schiene, umfassende Transport- und Logistikdienstleistungen im Massengutsegment. Freight Logistics ist weiterhin nach Branchen orientiert und beinhaltet somit die Marktbereiche von DB Cargo. Im Geschäftsfeld Intermodal ist der kombinierte Verkehr gebündelt. Stinnes gesamt – also mit Schenker und DB Cargo alt – macht einen Umsatz von rund 11 Mrd. EUR.

Welche Überlegungen gingen dem Verknüpfen von Schiene und Speditionsgeschäft voraus?

Carl: DB Cargo war überwiegend ein reiner Carrier, ein Transporteur von A nach B mit vergleichsweise geringem Logistik-Know-how. Dass die Kunden aber zunehmend ganze Logistikpakete ausschreiben und nicht mehr nur reine Transportleistungen, ist eine Tendenz des Marktes, der sich der Güterverkehr der Bahn stellen musste. Durch die Übernahme der Stinnes AG und insbesondere dessen Speditionstochter Schenker ist der Bahn der Coup gelungen, auf einen Schlag zu einem der größten Transport- und Logistikunternehmen zu werden. Ohne diesen Know-how-Erwerb wäre für den Güterverkehr der Bahn eine Rolle als Subunternehmer mit bescheidenen Margen die Folge gewesen.

Die DB Cargo AG hat Anfang Mai noch ihr neues Kundenkonzept für die Agrarbranche vorgestellt. Nun gibt es DB Cargo unter dieser Bezeichnung nicht mehr. Führt das bei den Kunden nicht zur Verwirrung?

Carl: Auf dem Sektor der Getreide- und Futtermitteltransporte hat die Bahn im Vergleich zu anderen Massengutbranchen derzeit einen geringeren Verkehrsanteil. Wir sehen hier ein hohes Wachstumspotenzial. Deshalb knüpft Stinnes lückenlos an die Umsetzung der in Duisburg vorgestellten Konzeption an. Für unsere Kunden und Partner bleiben die selben Ansprechpartner im Kunden-Service-Zentrum, das jetzt zu Railion gehört, und im Marktbereich Agrarprodukte/Forstwirtschaft/Konsumgüter (jetzt Stinnes). Damit ist die Beständigkeit gesichert.

Was ändert sich für die Kunden speziell im Agrarsektor?

Carl: Stinnes ist in der Lage, Gesamtangebote für die komplette logistische Kette anzubieten. Das heißt aber nicht, dass wir jetzt Lkw oder Binnenschiffe anschaffen oder uns im Hafenumschlag engagieren. Stinnes wird diese Dienstleistungen bei Kundennachfrage am Markt einkaufen und als Gesamtpakete vermarkten. Durch Kombination von verschiedenen Verkehrsträgern wollen wir unseren Kunden ganzjährige Liefersicherheit bieten.

Wie wird sich Stinnes Logistics als neuer Konzern nach außen präsentieren? Ist beispielsweise an eine spezielle Farblackierung für den Fuhrpark gedacht?

Carl: Stinnes Logistics wird sich unter dieser Marke als neuer Unternehmensbereich Transport und Logistik der Deutschen Bahn AG vorstellen. Die Geschäftsfelder Freight Logistics und Intermodal treten ebenfalls unter der Marke Stinnes Logistics auf. Wir haben uns dafür entschieden, weil die Marke Stinnes positiv besetzt ist und bereits in den vergangenen Jahren als Logistikmarke am Markt positioniert worden ist. Wir werden also unter drei Marken arbeiten: Stinnes Logistics, Schenker und Railion als Produktionsfirma. Alle Güterwagen und Loks werden mit dem Railion-Logo ausgestattet, da Railion als Produktionsunternehmen über diese Ressourcen verfügt.

Das vorwiegend mittelständisch strukturierte Speditionsgewerbe in Deutschland befürchtet durch die Gründung von Stinnes Logistics Wettbewerbsnachteile, etwa in Form besonderer Bahnkonditionen für Schenker. Können Sie diese Bedenken zerstreuen?

Carl: Mit Speditionen machen wir etwa 10 Prozent unserer Umsätze. Stinnes kann es sich keinesfalls leisten, diese Geschäfte aufs Spiel zu setzen. Auch künftig wird die Spedition ein wichtiger Vertriebsweg für uns sein. Wenn ein Spediteur uns ein Geschäft bringt, ist es ein Tabu für Stinnes, für dieses Geschäft beim Verlader zu akquirieren. Das war in der Vergangenheit so und das wird auch in Zukunft so bleiben.

Wenn sich eine Spedition aus dem Hause Stinnes und ein Spediteur um ein Geschäft bemühen, stellen wir eine Gleichbehandlung sicher. Ansonsten würde sich der Spediteur für den Einkauf von Schienenleistungen an unsere Wettbewerber wenden.
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