Report Smart Farming Pflanzenbau

„Der Nutzen muss den Aufwand rechtfertigen“

Drohnen können im Agrarsektor wichtige Helfer sein. Armin Vetter von der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft (TLL) erläutert künftige Einsatzmöglichkeiten und beschreibt, welche Hürden noch zu nehmen sind.


Armin Vetter: „Für die meisten Betriebe dürfte sich der Einsatz einer eigenen Drohne nicht lohnen.“
-- , Foto: TLL
Armin Vetter: „Für die meisten Betriebe dürfte sich der Einsatz einer eigenen Drohne nicht lohnen.“

agrarzeitung: Für Sie gehören Landwirtschaft 4.0 und der Einsatz von Drohnen unbedingt zusammen, warum?

Vetter: Ich bin der festen Überzeugung, dass die Nutzung von Drohnen in der Landwirtschaft zukünftig ein wichtiges Element bei der digitalen Vernetzung von Arbeits-, Logistik-, Steuerungs-, aber auch Kontrollprozessen sein wird. Allerdings steht der Einsatz der zivilen Drohnentechnologie erst am Anfang. Auch ist die aufgeführte digitale Vernetzung noch nicht erfolgt, wir haben es somit zurzeit mit ‚Insellösungen‘ zu tun.

Auch müssen Vor- und Nachteile im Vergleich zur Fernerkundung, aber auch der bodennahen, sensorgestützten Erfassung und Verarbeitung von Daten genau abwogen werden. Keinesfalls sollte man in den Fehler verfallen, jetzt alles mit Drohnen lösen zu wollen.

Gilt das insbesondere nur für den Sektor der pflanzlichen Produktion?

Vetter: Die Pflanzenproduktion hat zweifellos die größten Potenziale. Aber auch auf dem Grünland, zum Beispiel bei der Ortung von Rehkitzen vor der Grasmahd, bei der Weidebewirtschaftung mit Mutterkühen zur Überwachung der Abkalbung oder der Suche nach Tieren in unübersichtlichem Gelände, sehe ich Einsatzmöglichkeiten. Darüber hinaus sind bei der beihilferechtlichen Erfassung und Bewertung von Verbuschungen und Waldsäumen praxisnahe Ansätze vorhanden.

In der Tierproduktion, das heißt in Ställen, werden Drohnen naturgemäß nicht zur Anwendung kommen.

Wo sehen Sie derzeit die größten Chancen für eine praktische Verwendung dieser Geräte?

Vetter: Drohnen können vor allem logistische Aufgaben übernehmen, beispielsweise die Ausbringung von Trichogramma zur Maiszünslerbekämpfung sowie Beobachtungs-, Untersuchungs- und Kontrollaufgaben. Die größten Chancen bestehen derzeit bei den letztgenannten Einsatzgebieten. Die Ermittlung von Hagel- oder Wildschäden für die Anmeldung der Versicherungsansprüche oder die Detektion von Dränsträngen inklusive der Vernässung bei Schäden sind für mich ganz konkrete Beispiele.

Inwieweit sich die sensorgestützte Analyse des Wasser- und Nährstoffbedarfs gegenüber einer bodennahen Erfassung oder der klassischen Fernerkundung durchsetzen kann, bleibt hingegen abzuwarten.


Zur Person
Armin Vetter, Jahrgang 1954, hat an der Martin-Luther-Universität in Halle/Saale studiert. Der Diplomagraringenieur wurde dort auch promoviert und habilitiert. Nach einer Tätigkeit im Forschungszentrum Bodenfruchtbarkeit in Müncheberg wurde Vetter Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der damaligen Lufa Thüringen. 1994 übernahm er die Leitung des Referats Nachwachsende Rohstoffe und ab 2002 die Leitung der Abteilung Pflanzenproduktion und Agrarökologie an der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft (TLL) in Jena. Seit 2007 ist Vetter stellvertretender Präsident der TLL. (Sz)

Was könnten Sie sich in naher und ferner Zukunft noch vorstellen?

Vetter: Die Einmessung von Schlägen, Wegen und Hecken mit automatischem Übertrag in Antragsdokumente oder die Schlagkartei könnten zukünftig den Landwirt von der ausufernden Bürokratie etwas entlasten. Das Erkennen von Unkräuternestern in Schlägen, die dann gezielt punktuell bekämpft werden können, ist eine weitere Option.

Mein Wunsch wäre eine komplette Vernetzung zwischen Fernerkundung, Drohne, bodennahem Sensor auf der einen Seite zur Ermittlung von Schäden, kombiniert mit einer rechnergestützten automatischen maschinellen Beseitigung, Eintrag in die Schlagkartei zur Dokumentation und Nachweisführung bis hin zur Abrechnung der Maßnahme. Technisch ist sicher vieles machbar – ob es betriebswirtschaftlich auch sinnvoll ist, muss sich zeigen.

Welche Hürden sind vorher noch zu nehmen?

Vetter: Die Hürden ergeben sich vor allem aus den gesetzlichen Regelungen. Für den Einsatz in der Landwirtschaft sind zwei Gewichtsklassen, bis fünf oder bis 25 Kilogramm Abfluggewicht, relevant. Für die momentan am häufigsten eingesetzten Drohnen bis fünf Kilogramm ist eine Aufstiegserlaubnis bei der zuständigen Luftfahrtbehörde einzuholen. Auch darf die Aufstiegshöhe 100 Meter nicht überschreiten, und der Steuerer muss immer Sichtkontakt zur Drohne halten. Letzteres kann sich bei größeren Schlägen schon problematisch gestalten. Auch sind die gesetzlichen Regelungen zum Flugverkehr einzuhalten.

Für die meisten Betriebe dürfte sich daher der Einsatz einer eigenen Drohne nicht lohnen, sodass auf kommerzielle Anbieter mit dem entsprechenden Know-how und den Genehmigungen zurückgegriffen werden muss. Dies behindert wiederum die Flexibilität bei der Nutzung.

Wie ist es dabei speziell um die Datenhoheit bestellt?

Vetter: Grundsätzlich muss der Nutzer von Drohnen eine Erklärung zum Datenschutz leisten. Die Datenhoheit ist zwischen den Geschäftspartnern vertraglich abzuklären. Auch sind die allgemeinen gesetzlichen Vorgaben zum Überfliegen und Erfassen von Daten oder Bildern, etwa über Privatgelände, Flugplätzen oder militärischen Anlagen, zu beachten.

Ist der Einsatz von Drohnen an eine betriebliche Mindestgröße gekoppelt oder sehen Sie darin eine „Allround-Hilfe von morgen“ quasi für jedermann?

Vetter: Grundsätzlich ist die Nutzung der beschriebenen Einsatzgebiete nicht an eine Betriebs- oder Schlaggröße gebunden. Voraussetzung ist in vielen Fällen, dass der Betrieb über die entsprechende moderne Landtechnik inklusive Digitalisierung/Vernetzung verfügt, um die gewonnenen Daten in praktisches Handeln umzusetzen. Nur dann können die gewonnenen Daten zur Steigerung der Effizienz bei den einzelnen Produktionsverfahren, zum Beispiel Düngung oder Pflanzenschutz, genutzt werden. Diese neue Technologie begeistert natürlich erst einmal, es wird auch sehr viel ausprobiert. Letztendlich muss jedoch der Nutzen den technischen, materiellen und logistischen Aufwand rechtfertigen.

Die Fragen stellte Olaf Schultz
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