Deutsche Zuckerwirtschaft vom Strukturwandel gekennzeichnet

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Rekordergebnis der Zuckererzeugung im vergangenen Wirtschaftsjahr 1999/2000 - Kürzung der Höchstquote für 2000/2001 absehbar

2. September 2000; Julia Schrader, Agrarzeitung Ernährungsdienst, Frankfurt a. M.

Die deutschen Zuckerrübenerzeuger haben auf Empfehlung der Verbände der Zuckerwirtschaft zur diesjährigen Ernte die Anbaufläche von Zuckerrüben um 7 Prozent eingeschränkt. Damit soll die Erzeugung von C-Zucker, der zum Weltmarktpreis abgesetzt werden muss, verringert werden. Bei einem Fortbestand der derzeitig niedrigen Weltmarktpreise für Zucker ist eine Quotenkürzung durch die EU-Kommission für 2000/01 und damit verbunden ein weiterer Anbaurückgang nicht auszuschließen. Die verfügbaren Mittel für Exporterstattungen würden für eine gleich bleibende Menge Zucker nicht ausreichen. Die in den vergangenen Jahren bereits erfolgte Flächenreduzierung resultiert aus der engen Verknüpfung von Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel der deutschen Zuckerwirtschaft und deren Bestreben, weiterhin leistungsstark und wettbewerbsfähig zu sein.

Der Anbau von Zuckerrüben und deren Verarbeitung ist für viele Regionen Deutschlands von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung. Nach Angaben der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ), Bonn, wurden 1999/2000 auf knapp 500.000 ha - das sind 4,1 Prozent der gesamtdeutschen Ackerfläche - von insgesamt rund 56.000 landwirtschaftlichen Betrieben Zuckerrüben angebaut. Innerhalb der Europäischen Union ist Deutschland vor Frankreich (400.000 ha) das Land mit der größten Zuckerrübenanbaufläche. Die Anbaufläche für Zuckerrüben in Deutschland geht jedoch seit Jahren zurück. Seit 1990 nahm das gesamtdeutsche Areal um knapp 20 Prozent ab. Die Flächenreduzierung wird den rübenanbauenden Landwirten von den Verbänden der Zuckerwirtschaft empfohlen. Hauptgrund ist das Ziel, die Produktion von C-Zucker zu verringern. Dieser muss anders als A- und B-Zucker ohne Absatz- und Preisgarantie und auf eigene Verantwortung der Unternehmen außerhalb der EU auf dem Weltmarkt abgesetzt werden. Bei der Abnahme der Anbaufläche spielt auch der seit Jahrzehnten tendenziell steigende Zuckergehalt der Rüben eine entscheidende Rolle.

Wichtige Standorte des Zuckerrübenanbaus sind in den alten Bundesländern das südliche Niedersachsen (Braunschweiger und Hildesheimer Börde), das Rheinland zwischen Bonn und Krefeld (Köln-Aachener-Bucht), in Süddeutschland Gebiete am Main und an der Donau, am nördlichen Oberrhein und in Württemberg. In den neuen Bundesländern sind die Magdeburger Börde in Sachsen-Anhalt sowie Mecklenburg-Vorpommern Zentren des Zuckerrübenanbaus. In räumlicher Nähe zu diesen Anbaugebieten befinden sich die Zuckerfabriken.

Zuckerindustrie stark rationalisiert

Die Anzahl der Zuckerfabriken in Deutschland nimmt seit Jahrzehnten kontinuierlich ab. Von 61 Unternehmen der Zuckerindustrie mit 71 Fabriken in den Jahren 1950/51 existierten im Wirtschaftsjahr 1999/2000 noch die folgenden sechs Unternehmen: - Nordzucker AG mit den Tochterunternehmen Zuckerverbund Magdeburg GmbH und Zuckerverbund Nordkristall GmbH, - Union-Zucker Südhannover GmbH, - Danisco Sugar GmbH Zuckerfabrik Anklam, - Zuckerfabrik Jülich AG, - Pfeifer & Langen mit dem Tochterunternehmen Diamant-Zucker-Fabriken KG, - Südzucker AG mit dem Tochterunternehmen Südzucker GmbH.

Zu der Verringerung der Unternehmensanzahl trugen vor allem Zusammenschlüsse bei, die im Hinblick auf eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und Stärkung der Marktposition getätigt wurden. So ist beispielsweise die Südzucker AG, Mannheim, das größte Unternehmen der deutschen Zuckerindustrie, 1988 aus der Verschmelzung der Süddeutschen Zucker AG und der Frankenzucker GmbH entstanden. Seit 1991 ist die Südzucker AG zu 100 Prozent an der Südzucker GmbH, Zeitz, beteiligt, die in den neuen Bundesländern ansässig ist. Das zweitgrößte Unternehmen, die Nordzucker AG, Braunschweig, ist 1997 aus der Verschmelzung des Zuckerverbundes Nord AG (ZVN) und der Zucker AG Uelzen-Braunschweig (ZAG) entstanden. Sie hat seit 1990/91 ganzheitliche Anteile am Zuckerverbund Magdeburg GmbH, Klein Wanzleben, und an dem Zuckerverbund Nordkristall GmbH, Güstrow. Parallel zum Prozess der Konzentration und auch Stilllegung wurden die Verarbeitungskapazitäten in den Fabriken erhöht. Während der Kampagne 1999/2000 verarbeitete eine Fabrik nach Angaben der WVZ täglich durchschnittlich 9.621 t Rüben. Die Verarbeitungsleistung habe sich damit in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Insgesamt wurden in Deutschland 1999/2000 nach Angaben der WVZ etwa 4,4 Mio. t Zucker erzeugt. Damit ist ein Rekordergebnis erreicht worden, das die Erzeugung der vergangenen Jahre deutlich übertrifft. Innerhalb der EU liegt die Zuckerproduktion in Deutschland auf dem zweiten Rang hinter Frankreich. Dort werden höhere Hektarerträge erzielt, so dass Frankreich 1999/2000 rund 4,9 Mio. t Zucker erzeugte.

Quotenkürzung absehbar

Die Höchstquote (A- und B-Quote) für Deutschland lag 1999/2000 bei 3.428.413 t Zuckererzeugung. Sie wurde voll erfüllt. Laut WVZ wurden 2.618.703 t A-Zucker, 809.710 t B-Zucker und zusätzlich 1.079.469 t C-Zucker produziert. Obwohl im vergangenen Jahr die Anbaufläche reduziert worden war, führte der gute Witterungsverlauf während der gesamten Vegetationsperiode zu einem überdurchschnittlich guten Zuckergehalt der Rüben und somit zu einer Erhöhung der Zucker-er-zeugung im Vergleich zum Vorjahr.

Das Wirtschaftsjahr 1999/2000 ist das vierte Jahr in Folge gewesen, in dem die Höchstquote unverändert geblieben ist. Für 2000/01 schließt die WVZ nicht aus, dass die Europäische Kommission gemäß den Bestimmungen der Zuckermarktordnung die Zuckerquoten in den EU-Mitgliedsländern kürzen wird. Im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (Gatt) hat sich die EU dazu verpflichtet, sowohl die gestützten Exporte mengenmäßig zu reduzieren als auch die Summe der Exporterstattungen zurückzuführen. Nach Auffassung der WVZ seien mengenmäßig zwar keine Probleme zu erwarten. Bei Fortbestand der sehr niedrigen Weltmarktpreise für Zucker könnte aber das zur Verfügung stehende Finanzvolumen der Exporterstattungen 2000/01 nicht ausreichen, um eine ähnlich große Zuckermenge wie im Vorjahr zu exportieren. Somit seien Quotenkürzungen wahrscheinlich. Um den daraus resultierenden Anstieg der C-Zuckererzeugung zu verringern, wäre eine Rückführung der Anbaufläche unvermeidlich.

Den größten Anteil an der Höchstquote in Deutschland hat nach wie vor die Südzucker AG mit 31,9 Prozent in 1999/2000. An zweiter Stelle steht die Nordzucker AG mit 23,8 Prozent, gefolgt von Pfeifer & Langen mit 11,8 Prozent. Betrachtet man die Südzucker AG gemeinsam mit ihrer für die neuen Bundesländer zuständigen Tochtergesellschaft Südzucker GmbH, so haben sie insgesamt 40 Prozent der Höchstquote inne. Die Nordzucker AG kommt gemeinsam mit ihren in den neuen Bundesländern ansässigen Tochtergesellschaften Zuckerverbund Magdeburg GmbH und Zuckerverbund Nordkristall GmbH auf 30,6 Prozent. Pfeifer & Langen und ihre Tochtergesellschaft Diamant-Zucker-Fabriken KG vereinen zusammen 17,9 Prozent der Quote.

Verarbeitungszucker zunehmend gefragt

Der Inlandsabsatz von in Deutschland erzeugtem Zucker teilt sich auf in den Absatz von Haushalts- und Verarbeitungszucker. Knapp 20 Prozent wurden 1998/99 als Haushaltszucker vermarktet, die restlichen 80 Prozent als Verarbeitungszucker. Vor 15 Jahren lag das Verhältnis noch bei 32 Prozent Haushaltszucker zu 68 Prozent Verarbeitungszucker. Zu Haushaltszucker zählen vor allem die Varianten Streuzucker, Puderzucker, Gelierzucker, Würfelzucker und Kandis. Als deutliche Absatzschwerpunkte sind noch heute die Einkochsaison von Mai bis Juli sowie die Backsaison am Jahresende auszumachen.

Bei der Verarbeitung stellt die Getränkeindustrie mit einem Anteil von rund 21 Prozent den bedeutendsten Abnehmer dar. Eine wichtige Absatzspitze ist die Zeit der Weinlese von September bis Oktober. Zweitgrößte Empfängergruppe ist mit knapp 20 Prozent die Süßwarenindustrie, die vor allem für die Schokoladenherstellung Zucker nachgefragt. Rund 10 Prozent des Verarbeitungszuckers fließen in die Herstellung von Dauerbackwaren und Nährmittel. Die restliche Menge geht vor allem in Bäckereien und Konditoreien sowie in die Herstellung von Milchprodukten, Speiseeis, Marmeladen und Obstkonserven. Der Inlandsabsatz betrug während der vergangenen fünf Jahre beinahe konstant 2,9 Mio. t Zucker und machte 1999/2000 rund 65 Prozent der Produktion aus.

Erneuter Bestandsaufbau

Wie bereits in den Vorjahren fand auch 1999/2000 ein Bestandsaufbau bei Zucker in Deutschland statt. Die WVZ geht von einer Erhöhung um 55.000 t Zucker aus und schätzt die Endbestände somit auf rund 350.000 t Zucker. Einen höheren Endbestand gab es zuletzt 1993/1994, als die Bestände nach einer Rekordernte auf 466.000 t kletterten. Die Zuckerbilanz für Deutschland zeigt, dass der Inlandsabsatz zusammen mit den exportierten Zuckermengen die jährliche Erzeugung in den vergangenen Wirtschaftsjahren regelmäßig übertroffen hat. Die hohen Endbestände der vergangenen Jahre resultieren aus den relativ hohen Anfangsbeständen plus jährlichen Einfuhren, die etwa zwischen 190.000 und 200.000 t Zucker schwanken.

Ausfuhrmenge stark gestiegen

Von den Gesamtausfuhren an Zucker aus Deutschland gingen 1999/2000 rund 23 Prozent in EU-Mitgliedstaaten, 77 Prozent in Drittländer. Die Gesamtausfuhren stiegen der WVZ zufolge 1998/99 um knapp 4 Prozent und werden sich 1999/2000 voraussichtlich um knapp 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erhöhen. Die drei wichtigsten Empfängerländer - die Vereinigten Arabischen Emirate, die Schweiz sowie Italien - nahmen insgesamt knapp 400.000 t Zucker auf, das entspricht fast einem Viertel der Gesamtausfuhren Deutschlands. Innerhalb der EU liegt Italien mit einer Aufnahmemenge von knapp 140.000 t Zucker in 1999/2000 an der Spitze. Das Land nimmt rund 43 Prozent der Ausfuhren in EU-Mitgliedstaaten auf und rangiert damit deutlich vor Frankreich (56.000 t) und Spanien (49.000 t).

Bei den Ausfuhren in Drittländer entfiel gut die Hälfte der Exportmenge auf lediglich 8 der etwa 110 Empfängerländer. Mit einer Zuckermenge von rund 150.000 t standen die Vereinigten Arabischen Emirate deutlich an der Spitze, gefolgt von der Schweiz mit rund 100.000 t Zucker. Diese beiden Länder sind seit mehreren Jahren die bedeutendsten Empfängerländer für deutschen Zucker außerhalb der EU. Auch Israel und Kuwait spielen seit Jahren eine wichtige Rolle bei Zuckerausfuhren aus Deutschland.

Rund 93 Prozent der Zuckereinfuhren nach Deutschland kamen im Wirtschaftsjahr 1998/99 aus der EU. Frankreich ist vor den Niederlanden der wichtigste Exporteur. Es lieferte 83 Prozent des Zuckers, den Deutschland insgesamt aus der EU bezieht.
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