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Schweinehalter müssen stärker auf Marktanforderungen eingehen

Zwar kann die Schweinefleischnachfrage in Deutschland nur zu rund 85 Prozent aus eigener Produktion gedeckt werden; angesichts eines europäischen Selbstversorgungsgrades in Höhe von rund 109 Prozent stehen die deutschen Schweinehalter trotzdem im Wettbewerb mit ausländischen Konkurrenten. Es gilt, den Marktanteil zu halten und auszubauen und dadurch landwirtschaftliche Existenzen sowie Arbeitsplätze zu sichern.

Die deutschen Schweinehalter haben sich in den letzten Jahren hervorragend behauptet: Trotz des dramatischen Schweinepest-Seuchenzuges und trotz der extremen Preiskrise ist der Bestand an Schweinen weitgehend gehalten worden. Zwar mussten viele Betriebe aufgeben; parallel haben andere ihre Kapazität ausgebaut. Der Zwang zur Aufstockung ergibt sich aus dem Kostendruck des Wettbewerbs. Damit verbunden ist die Notwendigkeit zur Spezialisierung und zur Auslastung von Facharbeitskräften, als Grundlage für die Optimierung des Betriebserfolges.

Der Grundstein für diese Sicherung von Marktanteilen ist wesentlich durch die Anhebung der Genehmigungsgrenzen des Bundesimmissionsschutzgesetzes Ende 1996 und die einhergehende zügigere Behandlung von Genehmigungsverfahren gelegt werden. Nicht zuletzt hat die Schweinepest in den Niederlanden wesentlich zum Ausbau des deutschen Marktanteils und leider auch zu den nachfolgenden Krisenjahren beigetragen.

Jetzt gilt es, die erreichte Position gegen die Wettbewerber mit deutlich günstigeren Produktionskosten zu behaupten. Hier sind insbesondere die USA, aber auch Spanien zu nennen.

Harte Konkurrenten bleiben darüber hinaus Dänemark und die Niederlande. Beide Länder sind gezwungen, ihre Überschussproduktion im Exportmarkt abzusetzen. Insbesondere die letztgenannten zwei Länder prägen den Wettbewerb nicht nur durch eine günstigere Vermarktungs- und Kostenstruktur, sondern zunehmend durch einen gezielten Ausbau des Qualitätsmarketings. Grundlage hierfür sind systematische Programme zur Erzeugung und Sicherung einer definierten Produktqualität aus rückverfolgbarer Herkunft. Während bislang Kriterien der Tiergesundheit und der Lebensmittelqualität (Salmonellenprogramm) sowie der Ausgeglichenheit von Lieferpartien im Mittelpunkt standen, zeichnet sich ab, dass neue Standards im Bereich des Tierschutzes und des Umweltschutzes hinzukommen. Diese Entwicklung wird durch die Politik verschiedener EU-Staaten und der EU-Kommission forciert. Die im letzten Jahr vorgenommene Umstrukturierung der EU-Kommission mit einer neuen Zuständigkeit des Kommissars David Byrne (gesundheitlicher Verbraucherschutz) für den gesamten Bereich der Veredlungswirtschaft unterstreicht die besondere Bedeutung, die den Fragen der Lebensmittelqualität beigemessen werden.

Hierzu haben Probleme der Qualitätssicherung, wie sie beim Dioxin- und Klärschlammskandal aufgetreten sind, aber auch die BSE-Krise mit der Problematik des Risikomaterials beigetragen. Das kürzlich vorgelegte „Weißbuch für Lebensmittelsicherheit“ gibt konkrete Hinweise auf die Richtung der EU-Politik.

Niederlande setzt Maßstäbe

Durch die einschneidenden Maßnahmen der niederländischen Regierung zur Reglementierung der Schweineproduktion in den Fragen des Umweltschutzes, der Seuchenvorsorge und des Tierschutzes werden neue Maßstäbe gesetzt, und zwar sowohl für die Wettbewerber als auch für die EU-Politik. Abgesehen davon, dass viele einheimische Bauern die „Flucht“ ins Ausland antreten, kann davon ausgegangen werden, dass die verbleibenden Schweinehalter versuchen werden, aus den Auflagen einen Marktvorsprung zu entwickeln. Verschiedene organisatorische Grundlagen, auf denen aufgebaut werden kann, sind bereits geschaffen, so das IKB-Qualitätssicherungsprogramm, die Zusammenführung verschiedener Zuchtorganisationen, die Fusion von Schlachtbetrieben sowie der Aufbau von integrierten Produktions- und Vermarktungsprogrammen.

Der Lebensmittelhandel beginnt, aufgrund der gesellschaftlichen Ansprüche an die Produktqualität, entsprechende Anforderungen gegenüber den Zulieferern zu formulieren. Vorreiter ist der britische Lebensmittelkonzern Tesco mit konkreten Auflagen zur Haltung von Schweinen. Zurzeit befasst sich eine Arbeitsgruppe führender europäischer Lebensmittelhandelsketten damit, „Richtlinien der Guten Agrarpraxis in der Tierproduktion“ aufzustellen. Ein entsprechendes Papier existiert bereits für den Obst- und Gemüsebau. In Bezug auf die Dokumentation der Qualität und Herkunft von Produkten – bis hin zur Zertifizierung – werden auch im straff organisierten Geflügelsektor Standards mit Modellcharakter gesetzt.

Konkurrenz beobachten

Für die Schweineveredlungswirtschaft resultiert aus der skizzierten Entwicklung die Notwendigkeit, den Markt und die Konkurrenz sehr sorgfältig zu beobachten, um frühzeitig gestaltend eingreifen sowie neue Kundenwünsche gezielt bedienen zu können. Es gilt, die Marktnähe und die Präferenz unserer Verbraucher für deutsche und regionale Produkte zu nutzen.

In diesem Zusammenhang ist eine vorrangige Aufgabe darin zu sehen, geeignete Dokumentations- und Informationssysteme aufzubauen, um einerseits den hohen Produktionsstandard im Rahmen des Marketing transportieren und belegen zu können und um andererseits im Rahmen des Qualitätsmanagements eine Grundlage für die Optimierung des Produktionsprozesses und des Betriebserfolges zu erhalten.

Bestehende gesetzliche Rahmenvorgaben zur tierschutzgerechten Haltung, zur Gesundheitsvorsorge, zur Fütterung, zum Umweltschutz und nicht zuletzt zur Lebensmittelqualität bilden die Basis. Anstehende Regelungen, wie zur Salmonellenüberwachung und zur Reduktion der Ammoniakemission, müssen mitgestaltet und dazu genutzt werden, Märkte sowie den Rückhalt in der Gesellschaft zu sichern. Zu den besonderen Herausforderungen und Wettbewerbsfaktoren zählt neben der Fähigkeit zur Bewältigung extremer Marktsituationen zunehmend die Gesunderhaltung der Tierbestände. Gesunde Tiere sind der Schlüssel zu optimalen Leistungen und damit zum betriebswirtschaftlichen Erfolg.

Dr. Jens Ingwersen, Zentralverband der Deutschen Schweineproduktion e.V. (ZDS), Adenauerallee 174, 53113 Bonn

Aus: Kraftfutter/Feed Magazine 11/2000

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