Die Spannung im globalisierten Weizen-Lotto wird weiter erhöht

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EU-Binnenmarkt kaum noch geschützt - Lieferanten aus Drittstaaten füllen Vakuum im Mittelmeerraum - Mehlexport aus Italien bricht weg

26. Juli 2001; Christian Posekany, Wien

Glaubt man den Aussagen des österreichischen Getreidehandels und geht nicht nur vom alljährlichen Poker aus, den Markt "krank zu reden", um bei den Aufkaufspreisen zu sparen, dann könnten europaweit die Karten für die Vermarktung der Ernte 2001 tatsächlich vollkommen neu gemischt werden. Als Folgen der Gatt-Uruguay-Runde, der Agenda 2000 und wetterbedingt geringen Ertragserwartungen in der EU könnte in diesem Jahr die "Festung Binnenmarkt" fallen und in der 15er-Gemeinschaft Weltmarkt gespielt werden. Ob dabei die traditionellen Handelsströme - vor allem die Weizenversorgung der südlichen Zuschussregionen aus den nördlichen EU-Ländern - weiter wie gewohnt fließen werden, scheint in Frage zu stehen.

Der EU-Binnenmarkt steht in diesem Jahr erstmals in größerem Umfang unter dem Druck von liberalisierten Getreideimporten. Vor allem die USA und osteuropäische Lieferanten lauern auf ihre Chancen. Die viel diskutierte Osterweiterung dürfte damit trotz der formell mit Zollfreikontingenten nur schrittweisen Marktöffnung de facto schon weitgehend vorweggenommen werden.

Österreichische Getreidehändler sprechen davon, dass mit dem Abbau des Außenschutzes für den EU-Binnenmarkt die Getreidemarktordnung der EU praktisch durch die Hintertüre aus den Angeln gehoben worden sei. Die Auswirkungen interner Reformen und der von der EU eingegangenen Verpflichtungen im Welthandelsabkommen kumulieren sich: Als Ergebnis der vergangenen Welthandelsrunde wurden nämlich mit der sogenannten "Tarifizierung" die ehedem flexiblen Abschöpfungen auf fixe, vom EU-Interventionspreis und internationalen Getreidenotierungen abgeleitete Zollsätze umgestellt. Damit tritt die Automatik in Kraft: Je niedriger die Garantiepreise für Getreide in der EU, desto niedriger die Zollhürde für Getreideimporte aus Drittstaaten. In der Agenda 2000 hat die EU nun ihren Getreideinterventionspreis in zwei gleich großen Schritten um insgesamt 15 Prozent gesenkt, die zweite 7,5-prozentige Rücknahme des Garantiepreises ist am 1. Juli diesen Jahres in Kraft getreten. Hätten die Interventionspreissenkungen für sich alleine betrachtet auf den Getreidemarkt in der EU nur wenig bis geringe Auswirkung haben müssen, so könnte dies umso mehr auf den im Schlepptau erfolgten Abbau der Zollhürden gegenüber Drittlandsimporten zutreffen. Schon mit der ersten Etappe der Interventionspreissenkung im Juli des Vorjahres konnte Weizen hoher Qualität zollfrei in die EU gelangen, nunmehr auch schon Weizen mittlerer Qualität.

Die Spannung im globalisierten Weizen-Lotto wird durch weitere, im vorhinein schwer kalkulierbare Einflussfaktoren weiter erhöht: Im Vorjahr hat die Parität eines schwachen Euro gegenüber einem starken US-Dollar den Binnenmarkt gegenüber liberalisierten Qualitätsweizenimporten aus Übersee "schützen" geholfen. Dies ist zwar nach wie vor der Fall, doch erwartet die EU in diesem Jahr eine deutlich geringere Weizenernte und vor allem in klassischen Zuschussgebieten wie Spanien und Italien klaffen große Lücken in der Versorgung. Nachdem auch der europäische Big-Player Frankreich mit deutlichen Mindererträgen bei Weizen zu kämpfen hat und wegen der allgemeinen Verunsicherung die Abgabebereitschaft von Produzenten und die Risikobereitschaft von Aufkäufern beschränkt scheinen, dürften Lieferanten aus Drittstaaten mit preisgünstigen Angeboten für Basis-Qualität das Vakuum in den mediterranen EU-Ländern auffüllen. So sorgte unlängst die Meldung für Aufsehen, dass spanische Mühlen 100000 t Soft-Red-Winter aus den USA eingekauft haben, weil in der EU keine preiswürdige Alternative bestanden habe. Gleichzeitig hat die EU aber nahezu als Paradoxon mehr als 400000 t Weizen erstattungsfrei am Weltmarkt platzieren können.

Währungsschwankungen beeinflussen auch nicht unmaßgeblich die Wettbewerbsfähigkeit der mittel- und osteuropäischen Anbieter. Diese Länder sehen in diesem Jahr üppigen Getreideernten mit entsprechendem Exportpotenzial entgegen. Dazu kommt vor allem in Italien ein weiterer Faktor: Dem traditionellen Mehlexporteur nach Nordafrika brechen zunehmend Märkte weg. Großteils mit US-Finanzierung errichtete Mühlen sollen die Autarkie dieser Länder heben. Mit den amerikanischen Vermahlungs-Kapazitäten halten dort auch amerikanische Rohstofflieferungen Einzug. Die Folge: Große exportorientierte italienische Mühlen drängen zunehmend auf den eigenen Heimmarkt. Der Kampf um Marktanteile und Kapazitätsauslastung wird über den Preis geführt; auf der Strecke bleiben kleinere Mühlen und das Achten auf die Qualität des Rohstoffes.

Aus der Sicht der österreichischen Vermarkter bleibt ein hochbrisantes Cocktail-Gemisch aus schwer kalkulierbaren, neuen Marktfaktoren, die die Handelsströme innerhalb sowie in und aus der EU vollkommen neu ordnen könnten.
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