Tierhaltung

Die ausgesperrte Krankheit

Krank und gesund scheinen zwei Zustände zu werden, die nichts mehr miteinander zu tun haben dürfen. Wenn ein Tier einmal krank war, bleibt es bis zu seinem Tod stigmatisiert. Der Rewe Supermarkt in Dortmund lebt vor, wie das geht. Er bietet Fleisch aus „garantiert antibiotikafreier“ Schweinemast an. Das verspricht das neu eingeführte Label „meat 4 you“. Hinzu kommen Regionalität und eine „stressfreie und glückliche Haltung“.

85 Prozent der Schweineställe zeigen Resitenzen

Die Zeit für diese Marktingkampagne ist günstig. Vor kurzem erst hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) neue Forschungsergebnisse zu Antibiotikaresistenzen vorgestellt. Demnach sind in allen Nutztiersektoren resistente Bakterien zu finden. 85 Prozent der untersuchten Schweinemäster hatten Bakterien im Stall, die gegen die wichtige Antibiotikaklasse Cephalosporine resistent sind. Bei Geflügel sind es 100 Prozent. 

Rewes neue Leitkultur: Wer behandelt wird, fliegt raus
-- , Foto: Screenshot
Rewes neue Leitkultur: Wer behandelt wird, fliegt raus
Bei Rewe klingt die Begründung für die neue Kampagne so: „Wir verstehen die Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in der Schweinemast als einen ersten wichtigen Schritt. Diese Entwicklung wollen wir dem Verbraucher auch kommunizieren.“ 

Fleisch von behandelten Tieren wird minderwertiger

 
Doch die Kommunikation ist nicht ganz vollständig. Rewe setzt voraus, dass jeder Schweinefleischkäufer den Unterschied zwischen Aufzucht und Mast kennt. Das Programm greift erst ab einem Tiergewicht von 30 kg. Erkrankungen in der Ferkelaufzucht können also weiter mit Antibiotika behandelt werden, ohne dass der Ausschluss aus „meat4you“ droht. Zur Integration der Ferkelaufzucht bedürfe es noch weitergehender Anstrengungen auf der landwirtschaftlichen Erzeugerseite, heißt es dazu von einer Rewe-Sprecherin. Ein weiteres Kommunikationsdefizit ist allerdings noch viel bedenklicher. Es wird suggeriert, dass Fleisch von behandelten Tieren eine minderwertigere Qualität hat, da es nicht mehr beim hochpreisigeren Label mitmachen kann. Völlig ausgeblendet wird, dass zwischen der letzten Anwendung eines Antibiotikums und der Gewinnung von Lebensmitteln festgelegte Wartezeiten einzuhalten sind. 

Kampagne unterscheidet nicht zwischen Minimierung und Verzicht

Dabei kommen aus der Branche selber Anregungen, überflüssige Antibiotika-Behandlungen zu vermeiden. Im Vordergrund steht das Bemühen, die Tiere gesund zu halten, um so wenig Wirkstoffe wie möglich verabreichen zu müssen. Doch die Marketingkampagne unterscheidet nicht zwischen Minimierung und Verzicht.

„Bei Tieren gilt Krankheit – insbesondere eine mit Antibiotika therapierte bakterielle Infektion – wohl bald als Makel“, kommentiert die tiermedizinische Fachjournalistin Annegret Wagner auf dem Internetportal „Wir sind Tierarzt“ die Rewe-Logik. Der Handel pflanze damit eine Saat in die Köpfe der Konsumenten, die er irgendwann nicht mehr kontrollieren könne. „Das ist für mich eine furchtbare Entwicklung“, so Wagner. Der Tierärztin zufolge wird die Antibiotikafrei-Welle nicht mehr aufzuhalten sein. In den USA hätte die Mehrheit der großen Fastfood-Restaurantketten entsprechende Erklärungen abgegeben. 

Bonus beträgt bis zu 3 Cent/kg

In Dänemark wird mit dem Pilotprojekt GOA (Gezüchtet ohne Antibiotika) schon länger auf diesen Trend reagiert. Das Fleisch stammt von Tieren, die während der Aufzuchtphase und in der Mast nicht mit Antibiotika behandelt wurden. Die Landwirte bekommen einen Bonus von umgerechnet 20 Cent/kg. Mehr als 60 Prozent der bei GOA gemästeten Tiere benötigen keine Behandlung. Der Schlüssel liegt in einer extremen Achtsamkeit bei der Hygiene. Die Schlachtleistung liegt derzeit bei etwa 3000 Tieren pro Woche. Die Vertragslandwirte für das Label „meat4you“ erhalten einen Aufpreis von 2 bis 3 Ct/kg. (kbo)



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