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Mit Strukturanpassungen und einer effizienteren Vermarktung fit für den Weltmarkt werden

Der Aufbau der Europäischen Union in den letzten 40 Jahren hat einerseits bei der Bevölkerung zu großem Wohlstand und dadurch zu kaufkräftiger Nachfrage für Tierprodukte geführt, jedoch den durch Wettbewerb und technischen Fortschritt vorgezeichneten Strukturwandel auch gedämpft. Als großer, kaufkräftiger Einzelmarkt in der EU erweckt vor allem Deutschland das Interesse der Tierproduzenten und der Ernährungswirtschaft in den übrigen Mitgliedsstaaten. Während die EU mit Ausnahme von Schaf- und Ziegenfleisch bei allen wichtigen Tierprodukten Überschüsse erzeugt, ist Deutschland wichtiges Importland für Geflügelfleisch und Eier, Schweine-, Lamm- und Schaffleisch. Nur bei Rindfleisch und Kuhmilch erzeugen auch die deutschen Landwirte deutliche Überschüsse (siehe Übersicht 1).

Entsprechend ihrem hohen Lebensstandard gönnen sich die Verbraucher in Deutschland und in der Europäischen Union den reichlichen Genuss tierischer Erzeugnisse, wobei die Unterschiede im Verbrauch zwischen den deutschen, EU- und US-Bürgern auffallen. So verbrauchen die Deutschen deutlich mehr Schweinefleisch als der Durchschnitt der EU-Bürger und der USA, sie halten sich dafür aber beim Verzehr von Rind- und Kalbfleisch, Geflügelfleisch und Schaf- und Ziegenfleisch stärker zurück. Beim Verbrauch von Eiern liegen die Deutschen etwas oberhalb des EU-Durchschnitts, aber deutlich hinter den USA, und bei Milch und Milchprodukten trinken die Deutschen etwas weniger Milch als die Verbraucher in der Gesamt-EU und in den USA; dafür essen sie erheblich mehr Butter und Käse (siehe Übersicht 2).

Die Marktordnungen für Rind- und Schaffleisch sowie Milch schirmen die EU-Erzeuger vom Weltmarkt ab und bringen ihnen insbesondere bei Rindfleisch Preisvorteile im Markt. Durch die Agenda 2000 wird die Abschirmung gegenüber dem Weltmarkt bei Rindfleisch und Milch vermindert und durch produktneutrale Stützungsmaßnahmen teilweise ausgeglichen.

Der wirtschaftliche Erfolg und die Wettbewerbsfähigkeit der Tierhaltung werden maßgeblich durch die Größe der Tierhaltungen, die Produktivität der Tierbestände, aber auch durch die Effizienz der Ernährungswirtschaft bestimmt. Wettbewerbsfähige Betriebsgrößen gibt es in Deutschland sowohl in der Geflügelmast wie auch in der Legehennenhaltung. In der Milchkuh- wie auch Gesamtrinderhaltung ist Deutschland trotz der Großbetriebe im Osten im Durchschnitt den führenden Ländern Großbritannien, Dänemark und Niederlande weit unterlegen, in der Struktur der Schweinehaltung findet sich Deutschland in der Rangfolge der Bestandsgrößen sogar im unteren Drittel wieder. Um diesen Nachteil auszugleichen, ist verstärkter Strukturwandel geboten.

Zur Produktivität in der Geflügel- und Schweinehaltung ist davon auszugehen, dass Deutschland weitgehend vergleichbare Ergebnisse erzielt, wie die Hauptanbieter auf dem deutschen Markt: die Niederlande und Dänemark. Die Durchschnittsleistung der deutschen Milchkühe liegt zwar deutlich über dem EU-Mittel, jedoch ist die Produktivität der Milchkühe in Schweden, Dänemark, den Niederlanden, Finnland und im Vereinigten Königreich erheblich höher, ohne dass zum Beispiel in den Niederlanden das Rindfleischaufkommen im Vergleich zur gehaltenen Rinderpopulation niedriger wäre als in Deutschland.

Bedingt durch die Nähe zum Markt hat Deutschland größere Schwierigkeiten als die Nachbarländer Dänemark und die Niederlande, ein großes, gebündeltes Angebot in der Milch- und Fleischwirtschaft zu organisieren. Auch hier dürften noch Rationalisierungsreserven vorhanden sein, um durch effizientere Vermarktungsstrukturen den Erzeugern bessere Preise zahlen zu können.

Anpassungen an den Gemeinsamen Markt

Im Zeitraum 1994 bis 1999 haben die Geflügelfleischerzeugung stark und die Schweinefleischerzeugung noch deutlich zugenommen. Die Schaf- und Ziegenfleischproduktion blieb in etwa konstant und die Rindfleischerzeugung war - bedingt durch die BSE-Krise - rückläufig. Die Eiererzeugung nahm geringfügig um zwei Prozent zu, und die Milchproduktion blieb quotenbedingt konstant. Sonderentwicklungen gab es in Spanien, wo alle Bereiche der Tierproduktion überdurchschnittlich ausgedehnt wurden, aber auch in Irland mit Expansion der Rind-, Schweinefleisch- und Hähnchenproduktion. In Portugal, Schweden, Deutschland und Frankreich war der Aufschwung in der Tierproduktion überdurchschnittlich. Rückläufig war die Fleischproduktion dagegen in Griechenland, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden. Auch in Italien, Österreich, Finnland, Belgien, Luxemburg und Dänemark verlief die Entwicklung unterhalb des EU-Durchschnitts. Auch in Zukunft dürfte sich die Expansion der Geflügel- und Schweinefleischerzeugung auf Kosten der teureren Rind-, Kalb-, Schaf- und Ziegenfleischerzeugung fortsetzen. Jedoch dürften größere Veränderungen in der Rinderhaltung erst dann eintreten, wenn die Quotenregelung im Jahr 2008 oder früher abgeschafft sein wird. Aufgrund des Klimas, der Betriebsgrößen, des Leistungsniveaus der Milchkühe und der Marktlage hätten dann das Vereinigte Königreich, Dänemark, die Niederlande, eventuell auch Irland, Teile von Deutschland und Frankreich sowie Oberitalien günstige Standortvoraussetzungen.

Veränderungen der Rahmenbedingungen

Vermutlich werden sich die Verbraucheransprüche an die hygienische und ernährungsphysiologische Unbedenklichkeit sowie an den Tier- und Umweltschutz weiter verstärken. Die bodenunabhängige Tierhaltung bei Schweinen und Geflügel wird davon voraussichtlich stärker betroffen sein als die Rinder-, Schaf- und Ziegenhaltung. Die Tierhalter und Vermarkter werden sich darauf einstellen müssen.

Die nächste große Herausforderung ist die EU-Erweiterung. In mehreren Wellen dürften die Länder Mittelosteuropas, des Baltikums und des Balkans in die EU aufgenommen werden und damit die EU-Bevölkerung um mehr als ein Drittel vergrößern. In diesem Gebiet besteht zweifellos ein großes landwirtschaftliches Potential, aber die erwartete Mehrproduktion würde zunächst wohl für die verbesserte Versorgung der eigenen Bevölkerung nötig sein, zumal das Versorgungsniveau niedriger ist als in der EU. Außerdem müssen die Beitrittsländer die Produktivität ihrer Tierbestände verbessern, um im Wettbewerb mit den Tierhaltern der EU bestehen zu können. Der Vorteil geringerer Arbeitskosten wird ausgeglichen durch den Nachteil einer geringeren Kapitalisierung der Tierproduktion. Dennoch darf nicht verkannt werden, dass Länder wie Ungarn, Tschechien und die Slowakei durchaus Potentiale für die Ausfuhr von Tierprodukten in die EU besitzen.

Mit einem verstärkten Austausch von Tierprodukten zwischen der EU und dem Weltmarkt ist im Zuge der Umsetzung der WTO-Vereinbarungen und der anstehenden WTO-Verhandlungen zu rechnen. Der nach Osten erweiterte EU-Markt mit einer Bevölkerung von über 500 Millionen Menschen mit hoher Kaufkraft dürfte ein Magnet für die Hauptanbieter für Tierprodukte am Weltmarkt werden. Bei Rind- und Lammfleisch sind dies Australien und Argentinien und bei Milchprodukten Neuseeland und möglicherweise die USA. Jedoch dürften auch die Erzeuger in der EU günstige Absatzchancen auf dem Weltmarkt bei Spezialitäten, insbesondere auch in den USA, antreffen. Schon in der zweiten Hälfte des vor uns liegenden Jahrzehnts könnten Tierprodukte auf dem Weltmarkt knapp werden. Dann werden nämlich Ost- und Südostasien erheblich größere Mengen am Weltmarkt nachfragen, als das heute der Fall ist. Für die Europäische Union dürften sich dadurch günstige Marktchancen bei Milch und Schweinefleisch ergeben.

Der Ausblick

Die deutschen Tierproduzenten haben den Vorteil, den größten und auch kaufkräftigsten Verbrauchermarkt in der EU vor der Hautür zu haben. Das gibt ihnen auch für die Zukunft hervorragende Marktchancen. Jedoch müssen sie in der Strukturentwicklung, in der Effizienz der Vermarktung und im Leistungsniveau der Tierbestände die Möglichkeiten des technischen Fortschritts ausnutzen, um auch zukünftig Absatzchancen auf dem Weltmarkt zu haben. Durch Umweltauflagen dürften den Niederländern bei der Tierproduktion die Hände gebunden sein. Doch in Dänemark und vor allem in Ungarn, Tschechien und in der Slowakei sowie auch in Polen bestehen erhebliche Potentiale.

Dr. Klaus Meyn, Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tierzüchter e.V. (ADT), Adenauerallee 174, 53113 Bonn

Aus: Kraftfutter/Feed Magazine 11/2000

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