Report Zukunftsperspektive Tierhaltung

Eigene Futterherstellung ersetzt Soja und Raps

Durchdacht: Alles wird vor Ort hergestellt.
-- , Fotos: SB
Durchdacht: Alles wird vor Ort hergestellt.

Gemeinsam mit seiner Frau Kathryn und den Kindern Alexander und Sophia informierte sich Wolfgang Johanning über Absatz- und Vermarktungsmöglichkeiten für die Milch. „Unser Ziel war es, mehr Wertschöpfung auf den Hof zu holen“, berichtet der Betriebsleiter. Dabei setzte er ganz unten in der Produktionskette an: beim Futter. Statt zugekauftes Soja und Kraftfutter sollten die Kühe ausschließlich hofeigene Futtermittel bekommen, entschied die Familie.

Klar war, dass sich so ein Kurswechsel nicht innerhalb kurzer Zeit umsetzen lässt. Im Ackerbau mussten Erfahrungen mit neuen Kulturen wie Ackerbohne, Wintererbse und Luzerne gemacht werden. Für die Lagerung der Ernte mussten kostengünstige Konzepte entwickelt werden. Einen großen Teil des Eiweißbedarfs liefern heute Kleegras und Luzerne, die in herkömmlichen Fahrsilos konserviert werden. Daneben baut Johanning Weizen, Gerste, Roggen, Mais, Ackerbohnen sowie Wintererbsen und Winterroggen in einem Gemenge an. Der Maisanteil in der Fruchtfolge ist dadurch deutlich gesunken. Anders als viele Milchviehbetriebe in der Region hat Johanning so keine Probleme, die Greening-Auflagen für die Fruchtfolge einzuhalten. Durch den Anbau von Leguminosen und Zwischenfrüchten lassen sich ohne großen zusätzlichen Aufwand auch die ökologischen Vorrangflächen nachweisen. Der Mais wird inzwischen als Lieschkolbenschrot oder Körnermais geerntet. Silomais werde dagegen in diesem Jahr erstmals nicht mehr gehäckselt, berichtet der Landwirt.

Johanning schwärmt von gesunden Kühen und guter Milchleistung.
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Johanning schwärmt von gesunden Kühen und guter Milchleistung.
Die Druschfrüchte nutzt Wolfgang Johanning für die Herstellung von Kraftfutterpellets. Unmittelbar nach der Ernte werden Erbsen, Bohnen und die Getreidekörner gequetscht und direkt im Anschluss unter Zusatz einer Säure in Schlauchsilos konserviert. Diese Arbeit übernimmt ein Lohnunternehmer. Je nach Bedarf entnimmt Johanning den Schlauchsilos die Einzelfuttermittel und bringt sie alle sechs bis acht Wochen zum Landhandel Wilhelm Stelter ins 30 Kilometer entfernte Scholen. In dem 40 Kilometer südlich von Bremen gelegenen Dorf führt Andreas Stelter einen kleinen Landhandelsbetrieb mit Futtermühle und Warengeschäft. Pro Jahr werden rund 15000 t Mischfutter hergestellt. Produziert wird ausschließlich auf Bestellung nach den Rezepturen der Kunden.

Aus den von Wolfgang Johanning angelieferten Rohwaren produziert Stelter Kraftfutterpellets. Um das richtige Mischungsverhältnis für die gewünschten Protein- und Energiegehalte zu finden, rechnet er mit Tabellenwerten. Beim Erbsen-Roggen-Gemenge ermittelt Johanning das Mischungsverhältnis nach der Ernte durch eine Siebprobe. Zurzeit wird als zugekaufte Komponente Rapsschrot verwendet. Auf Dauer will Wolfgang Johanning den kompletten Eiweißbedarf mit seinen eigenen Futtermitteln abdecken. Zugesetzt wird dann nur noch Melasse als Klebe- und Bindemittel. Die fertige Charge mit rund 25 t liefert Stelter am folgenden Tag auf dem Milchhof ab, wo die Pellets in zwei Silos umgeladen werden.


Mutig: Die Familie wagt den Anbau von Luzerne.
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Mutig: Die Familie wagt den Anbau von Luzerne.

Maisanteil soll schrumpfen

In der Grundration verfüttert Johanning zurzeit die Silage von Mais, Gras, Luzerne und Kleegras. Der Maisanteil ist darin bereits auf rund 25 Prozent gesunken. Geplant ist, in Zukunft komplett auf Silomais zu verzichten. „Luzerne, Klee und Gras liefern viel Protein und Rohfaser, als Ergänzung brauchen wir dann vor allem Energie in Form von Stärke“, erläutert der Landwirt. Als Energielieferant soll der Mais deshalb demnächst nur noch als Lieschkolbenschrot geerntet werden. In Kombination mit dem Kraftfutter aus Getreide, Bohnen und Erbsen können die Tiere dann komplett mit hofeigenem Futter versorgt werden. Der Milchleistung habe der Soja- und Rapsverzicht nicht geschadet, berichtet der Landwirt. Mit gut 9200 l bringen die Kühe die gleiche Leistung wie zuvor. Sein Eindruck ist aber, dass die Tiere gesünder sind.

Vermarktet wird der größte Teil der Milch noch bei einer Molkerei. Vor zwei Jahren ist Johanning mit dem Kauf einer Milchtankstelle allerdings auch in die Direktvermarktung eingestiegen. In diesem Jahr folgte dann ein zweiter, wesentlich größerer Schritt. Die Familie eröffnete im Ort eine eigene kleine Molkerei. Dort wird die Milch in Flaschen abgefüllt und verkauft. Hergestellt werden außerdem Natur-, Trink- und Fruchtjoghurt, Quark und Frischkäse. Um das Sortiment zu erweitern, kauft die Molkerei bei anderen Direktvermarktern verschiedene Käsesorten zu. Von ihm werden ebenfalls einige andere Hofläden beliefert. In Zukunft hofft er auf weitere Absatzmöglichkeiten im regionalen Lebensmittelhandel.

Zielsicher: Die Milch soll hier in die Verwertung.
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Zielsicher: Die Milch soll hier in die Verwertung.
Das Gebäude der „Siebehäuser Molkerei“ hat eine lange Geschichte, die mehr als 100 Jahre zurückreicht. Seit 1906 wurde in dem Backsteinbau an der Hauptstraße des Ortes Milch aus Rehden und Umgebung verarbeitet. In den 70er Jahren musste der kleine Betrieb schließen. Schon seit Jahren beschäftigt sich Wolfgang Johanning mit dem Projekt. Zunächst hatte die Gemeinde, der das Haus gehörte, andere Pläne. Im vergangenen Jahr kam dann eine Anfrage aus dem Rathaus, ob er noch an der Molkerei interessiert sei. Man einigte sich auf einen Kaufpreis und der Umbau konnte beginnen. Im Erdgeschoss wird die Milch von einem angestellten Lebensmitteltechniker verarbeitet und im Laden verkauft. Eine große Glasscheibe bietet den Kunden die Möglichkeit, bei der Produktion zuzuschauen. Im Obergeschoss ist Platz für eine geräumige Kaffeestube, in der Besuchergruppen und Gesellschaften bewirtet werden können.


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Versprechen an die Kunden

Langfristig will Johanning die gesamte Milch in der eigenen Molkerei verarbeiten, das wären rund 3000 Liter am Tag. Bei der Vermarktung will die Familie mit den Schlagworten Nachhaltigkeit und Regionalität punkten. Aus diesem Grund soll das Futter nicht nur gentechnik-, sondern auch sojaafrei sein. Seinen Kunden will Johanning versprechen können, dass alle Futtermittel auf dem eigenen Hof angebaut worden sind.

Die Kunden müssen für die Produkte tiefer in die Tasche greifen als im Supermarkt. Ein Liter unbehandelte Milch kostet an der Milchtankstelle 1 € und im Laden in der Flasche abgefüllt 1,40 €. Die ersten Erfahrungen seit der Eröffnung im Mai sind positiv. Langfristig wird die Direktvermarktung einen höheren Preis bringen als der Verkauf an eine Molkerei, hofft die Familie. Mit der Molkerei und dem eigenen Profil will er zudem unabhängiger gegenüber den Preisschwankungen am Milchmarkt werden. Bei den aktuellen Erzeugerpreisen von weniger als 30 Cent/Liter sei eine kostendeckende Produktion langfristig ohnehin nicht möglich, so der Milchbauer. (SB)
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