Report Zukunft der Nutztierhaltung

Ein Bayer sucht die Superhenne

Unkupierte Schnäbel bringen Tierverluste mit sich.
-- , Foto: SB
Unkupierte Schnäbel bringen Tierverluste mit sich.

Als Prof. Rudolf Preisinger vor 24 Jahren bei der Lohmann Tierzucht in Cuxhaven anheuerte, war die Legehennenzucht noch eine vergleichsweise überschaubare Angelegenheit. Die in der Regel in Käfigen gehaltenen Hennen sollten bei einem geringen Futterverbrauch viele Eier mit einer festen Schale legen.

Preisinger bereist als Technischer Direktor für die Legehennenzucht in der EW Group die ganze Welt. Was der Bayer dabei zu hören bekommt, unterscheidet sich deutlich von der deutschen Tierhaltungsdebatte. „In China wird gerade die Eierproduktion von der Boden- auf die Käfighaltung umgestellt“, berichtet Preisinger.

Anforderungen liegen sehr weit auseinander

In den USA sei der Trend dagegen umgekehrt. Dort steht die Käfighaltung zunehmend in der Kritik. Handel und Verarbeitungsindustrie fordern in Nordamerika die langfristige Einführung von Volierensystemen. Und dann gebe es noch Länder wie Saudi-Arabien, wo die Kunden strahlend weiße Eier wünschten und bereits ein leichter Gelbton in der Schale als Makel angesehen werde.

In Deutschland und anderen mitteleuropäischen Ländern hingegen wird die Debatte von dem Töten der männlichen Küken und dem Kürzen der Legehennenschnäbel bestimmt.

Als Züchter hat Preisinger den Ehrgeiz, jedem Kunden die optimale Henne anzubieten. „Man muss wissen, was der Markt in fünf bis zehn Jahre will“, sagt er. Die alternativen Haltungssysteme und der Verzicht auf das Kürzen der Schnäbel wirken sich auf die Formulierung der Zuchtziele aus. Federpicken, Kannibalismus, Nestgängigkeit und Auslaufverhalten müssen stärker in der Zucht berücksichtigt werden. So wie sich die Fragestellungen änderten, musste auch die Zucht ihre Methoden weiterentwickeln. Zwar gibt es noch immer die Einzeltierprüfung im Käfig, weil nur so die Futteraufnahme erfasst werden kann. Die Zuchttiere werden aber auch in den alternativen Systemen getestet.

In einem Stall bei Cuxhaven arbeitet die EW Group mit dem Weihenstephaner Muldennest. Es hilft dabei, die Legeleistung der Tiere in Bodenhaltung besser zu messen. Jede Henne trägt am linken Bein ein blaues Plastikband, an dem ein Transponder befestigt ist. Beim Betreten des Nestes wird das Tier identifiziert und eine Stoppuhr gestartet. Ermittelt wird, wie lange es dauert, bis die Henne ein Ei legt und wie lange sie sich danach noch im Nest aufhält. Die ideale Henne legt ihre Eier ausschließlich in den Nestern und benötigt dafür wenig Zeit. Nicht nur für die Zucht, auch für eine optimale Stallplanung sind die Daten wichtig, denn so kann die Anzahl der notwendigen Nester im Verhältnis zur Herdengröße errechnet werden.

Auch beim Federpicken und Kannibalismus wollen die Züchter ihren Beitrag leisten. Gemessen werden der Überstand des Oberschnabels der Tiere und das Sozialverhalten. Schnelle Erfolge seien aber nicht zu erwarten, dämpft Preisinger große Hoffnungen. Wie weit sich der Schnabel züchterisch verkürzen lässt, darüber könne man noch keine belastbaren Aussagen treffen. Federpicken und Kannibalismus sind nicht nur aus Sicht des Tierschutzes ein Problem.

Federpicken ist auch ein wirtschaftliches Thema

Hennen mit einem gerupften Federkleid verbrauchen mehr Futter, um ihren Energieerhaltungsbedarf zu decken, und legen deshalb kleinere oder weniger Eier. Für Freilandhennen oder Tiere in Außenklimaställen gilt das besonders bei niedrigen Außentemperaturen. Zudem führt Kannibalismus zu höheren Tierverlusten. Preisinger warnt davor, von den Züchtern eine Lösung des Problems zu erwarten. „Wir können einen kleinen Beitrag leisten“, stellt der Züchter klar. Trotz aller Anstrengungen werde der Verzicht auf das Schnabelkürzen zu höheren Tierverlusten führen.

Für das von Tierschützern und Politikern geforderte Zweinutzungshuhn sieht Preisinger wenig Zukunftschancen. Wirtschaftlich hat sich die vor vier Jahren von Lohmann auf den Markt gebrachte und von der Presse als „Wunderhuhn“ gefeierte Kreuzung als Flop erwiesen. „Wir bieten die Hennen an, aber niemand will sie haben“, stellt der Züchter ernüchtert fest. Wirklich überrascht ist er von der mangelnden Nachfrage nicht. Die Hennen legen weniger und kleinere Eier als die Legehybriden und die Hähne nehmen deutlich langsamer zu als die Mastlinien. Hinzu kommt, dass die Hähne kaum Brustfleisch ansetzen, doch gerade dieses Stück ist bei den Verbrauchern in Deutschland besonders beliebt. Selbst Rewe setzt bei seiner Bruderhahnmast auf die reine Legehennenlinie Sandy, weil für die kleinen Eier des Zweinutzungshuhns keine Absatzchancen gesehen werden.

Für die EW Group ist die Zucht mit dem Zweinutzungshuhn ein Zuschussgeschäft. Preisinger glaubt, dass sich die Zahl der Eier und die tägliche Zunahme der Hähne nur leicht verbessern lassen. Wenig Chancen sieht er bei der Qualität der Schlachtkörper. „Es gibt eine negative Korrelation zwischen Brustfleischanteil und Gewichtszunahme auf der einen und der Legeleistung auf der anderen Seite“, erläutert der Genetiker. Dieses Problem lasse sich züchterisch nicht lösen.

Hoffnungen setzt er allerdings auf ein weiteres deutsches Tierwohlthema: die Geschlechtserkennung im Ei. Die EW Group beteiligt sich an einem Forschungsprojekt der TU Dresden, bei dem ein praxistaugliches Verfahren entwickelt werden soll. Das Töten der männlichen Legehybriden wäre nicht mehr notwendig. (SB)
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