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Okermühle setzt auf kontrollierten Vertragsanbau

Agrarzeitung Ernährungsdienst 25. Juni 2005; Von Olaf Schultz, Frankfurt a.M.

Die Hedwiger Okermühle GmbH, Kissenbrück, ist ein Spezialist für Weizenmahlprodukte. Mit der Ernte 2004 hat die Mühle die Kette Anbau-Lagerung-Anlieferung-Produktion-Anlieferung lückenlos geschlossen. Über die Erfahrungen sprach die Agrarzeitung Ernährungsdienst mit Geschäftsführer Jörg Vahlberg.

Zur Ernte 2004 wurde von der Okermühle der Prozess eines kontrollierten Vertragsanbaus mit den Weizenlieferanten aus der Region organisiert. War der Zeitpunkt zufällig gewählt?

Vahlberg: Natürlich stand dieser Zeitpunkt in direktem Zusammenhang mit den gesetzlichen Anforderungen für die Rückverfolgbarkeit zum 1. Januar 2005. Unser Ziel war von Anfang an, einen Prozess zu organisieren, der über das gesetzliche Maß hinaus unseren Kunden ein Höchstmaß an Sicherheit und Transparenz gewährleistet.

Die Basis allerdings wurde schon vor über zehn Jahren gelegt. Durch unsere enge Verbindung zum Hause Bahlsen haben wir den direkten Kontakt zu den Erzeugern in unserer Umgebung gesucht, um über Sorten- und Anbauabsprachen die Produktqualität besser beeinflussen zu können. Daraus hat sich über die Jahre eine direkte Zusammenarbeit mit etwa 140 Stammerzeugern entwickelt.

Wie reagierten die Landwirte auf die neuen Anforderungen als Rohstofflieferanten?

Vahlberg: Ausgesprochen positiv und unterstützend. Wir stehen mit unseren Landwirten in einem ständigen Dialog, sei es bei Gesprächen vor Ort oder in unserem Betrieb. Außerdem laden wir jedes Jahr unsere Erzeuger zu einer Informationsveranstaltung ein, wo nicht nur der gesellige Teil gepflegt wird, sondern wir die Landwirte auf die gestiegenen Anforderungen der Industrie Schritt für Schritt vorbereitet haben.

Die zusätzlichen Anforderungen bestanden daher vor allem in der lückenlosen Dokumentationspflicht bei Anbau, Ernte und Lagerung. Alle Dokumente haben wir in enger Abstimmung mit den Erzeugern entwickelt und danach nochmals in Kleingruppen bei uns im Betrieb zur Diskussion gestellt. Das Thema Preisgestaltung in den Anbauverträgen ist beispielsweise intensiv diskutiert worden.

Mit dem kontrollierten Vertragsanbau ist die gesamte Kette vom Anbau des Rohstoffs bis zur Auslieferung der Mehle lückenlos geschlossen worden. Zahlt sich dies in „barer Münze“ für die beteiligten Marktpartner aus?

Vahlberg: Kurzfristig erst einmal nur für die Erzeuger, die von uns einen Mindestpreis und feste Reports garantiert bekommen. Gerade in Hinblick auf die aktuellen Weizenpreise ist der kontrollierte Vertragsanbau interessant. Langfristig aber haben beide Partner einen Vorteil: Die Landwirte haben ihren Absatz dauerhaft gesichert und die Okermühle sieht die Möglichkeit, sich gegenüber den Wettbewerbern zu differenzieren und vor allem bei Markenartikelunternehmen der Industrie eine dauerhafte Partnerschaft aufzubauen. Bei einer konstanten Lieferbeziehung können wir diesen Prozess auch zu wettbewerbsfähigen Konditionen anbieten.

Seit Januar kann Ihr System der Rückverfolgbarkeit auch mittels einer Software abgebildet werden, wenn die Kunden es wünschen. Was verbirgt sich dahinter?

Vahlberg: Wir sind auf eine Software aufmerksam geworden, die von einer Projektgruppe der Universität Bonn entwickelt wurde. Dabei handelt es sich um ein Informations- und Kommunikationssystem mit dem Namen QM-G, das alle Informationen unserer Kette, also vom Landwirt bis zum Kunden, sammelt und über das Internet für die jeweilige Stufe verfügbar hält. So kann zum Beispiel ein Erzeuger die Laborwerte seiner angelieferten Partie abrufen oder sich über den Stand der aktuellen Kontrakte informieren. Unsere Kunden hingegen haben die Möglichkeit, alle Informationen von der Anlieferung des Getreides bis zur Auslieferung an ihre Produktion über das Internet von jedem Ort abzurufen.

Dabei wird dieses EDV-System aus den jeweiligen Warenwirtschafts- und Prozessleitsystemen automatisch über Schnittstellen gespeist. So ist gewährleistet, dass alle Daten nur an einer Stelle eingegeben und erstellt werden. Wir waren positiv überrascht, wie flexibel sich dieses System an die individuellen Abläufe anpassen lässt.

Welche Resonanz gab es bisher von Kundenseite?

Vahlberg: Die Resonanz ist ausgesprochen positiv. Vor allem Unternehmen, die IFS-zertifiziert sind und direkt an den Lebensmitteleinzelhandel liefern, können ihren Kunden eine lückenlose Kette ihres Rohstoffs Mehl dokumentieren und in diesem Bereich das Risiko einer umfangreichen Rückholaktion minimieren. Mehl ist bei vielen unserer Kunden ein Hauptrohstoff, der in Bezug auf Menge und Verarbeitung sehr wichtig ist, dessen Wertanteil aber von untergeordneter Bedeutung ist. Ein gutes Beispiel ist der Leibniz-Butterkeks. Mehl macht zwar 60 Prozent seines Gewichts aus, der Wertanteil beträgt aber nur etwa 2 Prozent vom Endverkaufspreis. Und dies nicht, weil der Keks so teuer ist, sondern Mehl einfach ein günstiger Rohstoff ist.

Besonders überzeugt die einfache Möglichkeit, die Daten von jedem Arbeitsplatz aufrufen zu können und alle Informationen sehr übersichtlich dokumentiert zu haben. So können wir zum Beispiel auf Analyse-Zertifikate in Papierform gänzlich verzichten. Wir sind überrascht, dass von Seiten der Rohstofflieferanten – und ich beziehe dies nicht nur auf Mehl – bisher noch keine Lösungen angeboten wurden und wir hier echte Vorreiter sind.

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