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Eine Arche für die Kartoffel


Höhenlage: Kartoffelfelder liegen an steilen Hängen.
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Höhenlage: Kartoffelfelder liegen an steilen Hängen.

In 4.100 Meter Höhe weht ein kalter Wind über den Kartoffelacker. Die Gipfel der Berge sind in Nebel gehüllt, über den blauen Himmel ziehen Wolkenfetzen. Pedro Condori Quispe und Aniceto Cloyo Cloyo kontrollieren ein kleines Versuchsfeld, das oberhalb einer Siedlung angelegt wurde. In 17 Reihen stehen je zehn Pflanzen, dazwischen mehrere mit Lockstoffen versehene Insektenfallen. Die beiden Quechua leben und arbeiten im Parque de la Papa, dem Kartoffelpark. Rund drei Autostunden von der alten Inkahauptstadt Cusco entfernt haben die Bewohner des Tales vor 15 Jahren den Kartoffelpark gegründet. Gemeinsam bauen sie auf 9.200 ha kommunalem Land Kartoffeln, Mais, Hülsenfrüchte, Quinoa, Obst und Gemüse an. In den höheren Lagen wachsen ausschließlich Kartoffeln, die dem Park den Namen gaben. Von Anfang an kooperiert der Kartoffelpark mit dem Centro Internacional de la Papa (CIP), dem Internationalen Kartoffelzentrum in Lima. Aus allen Teilen des Andenhochlandes wurden in den vergangenen Jahren 1.300 Kartoffelsorten zusammengetragen, die im Kartoffelpark weiter angebaut und so erhalten werden.

Abkehr von modernen Sorten

„Manche Kartoffeln werden nur in einem Tal oder sogar nur von einem Bauern gepflanzt“, berichtet Quispe. Doch die alten Sorten würden mehr und mehr von neuen Züchtungen verdrängt. Auch im Kartoffelpark seien früher moderne Sorten angebaut worden. Zunächst stiegen die Erträge. Später habe sich gezeigt, dass die neuen Sorten nicht so widerstandsfähig gegen Krankheiten und Schädlinge sind, sodass sie mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden mussten. Für die Kleinbauern hätten sich die modernen Methoden deshalb nicht gelohnt, erklärt der Peruaner. Auf chemischen Pflanzenschutz und moderne Hochertragssorten werde heute im Kartoffelpark verzichtet, betont der Kartoffeltechniker. In den Hochlagen, wo nur Kartoffeln gedeihen, werden die Felder nur alle vier bis acht Jahre bestellt. In den langen Pausen soll sich der Boden erholen und wird gelegentlich als Weide für Lamas, Esel und Rinder genutzt.

Quispe berät die Kleinbauern und legt Versuche an. Der kleine Versuch mit den insgesamt 170 Pflanzen soll zeigen, wie sich die Düngung mit Kalk auf die Menge und die Qualität der Knollen auswirkt. Jeweils fünf Pflanzen werden traditionell mit Lama-Dung versorgt. Die anderen fünf in der Reihe zusätzlich mit Kalk. Außerdem soll durch die Insektenfallen erfasst werden, welche Tiere in dieser Höhenlage zu finden sind und ob durch die Fallen eine wirksame Schädlingsbekämpfung möglich ist.

Einfache Insektenfallen dienen dem Monitoring.
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Einfache Insektenfallen dienen dem Monitoring.

Klimawandel spürbar

Der Park ist in Zonen von jeweils 100 Höhenmeter eingeteilt. Seit drei Jahren wird beobachtet, wie sich Flora und Fauna in diesen Zonen verändern und wie die Kartoffelsorten reagieren. In den Gesprächen mit den Kleinbauern ist der Klimawandel ein vieldiskutiertes Thema. Die Menschen stellen fest, dass die Temperaturen in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen sind und spüren die Auswirkungen direkt. Durch die Erwärmung werden Schädlinge und Krankheiten in Höhenlagen beobachtet, in denen sie früher nicht vorkamen. Die dort angebauten Sorten sind häufig nicht auf diese neuen Bedrohungen eingestellt. Mit der Klimaerwärmung wandern die Felder immer höher die Hänge hinauf. Die neu kultivierten Äcker sind immer weiter von den Siedlungen entfernt. Aniceto Cloyo Cloyo verweist auf kleine Parzellen kurz unterhalb eines Bergkamms. „Noch höher können wir nicht mehr gehen“, stellt er fest und befürchtet, dass bestimmte Sorten in Zukunft nicht mehr gedeihen werden.

Die gestiegenen Temperaturen lassen außerdem die Andengletscher schmelzen. Bisher haben die aus dem Eis entspringenden Bäche auch in der Trockenzeit für ausreichend Wasser gesorgt. Die Sorgen ums Wasser wachsen zusätzlich, weil die Regenzeit nicht mehr so verlässlich einsetzt wie früher. Im oberen Teil des Tals ist bereits ein Staudamm gebaut. Kilometerlange Kanäle leiten das Wasser zu den Feldern.

Die Rückbesinnung auf die traditionelle Landwirtschaft hat für die Bewohner des Tals einen spirituellen Hintergrund. Natur und Glaube sind für die Menschen in den Anden seit Urzeiten eng miteinander verbunden. In einem Land, das regelmäßig von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Überschwemmungen und Erdrutschen heimgesucht wird, sind die Menschen davon überzeugt, dass sie nur mit und nicht gegen die Natur leben können. Großen Respekt haben die Quechua vor den Apus, den Berggeistern, denen die Inka früher Menschenopfer brachten. Bei der Bearbeitung der Felder und der Ernte verzichten sie auf Maschinen. Der Pflug wird von einem Ochsen gezogen, das Unkraut mit Hacken bekämpft. Oberstes Ziel sei es, im Gleichgewicht mit der Natur zu leben, betont Quispe. Trotz des Verzichts auf Technik, chemischen Pflanzenschutz und moderne Sorten hat der Kartoffelpark den Menschen im Tal einen bescheidenen Wohlstand gebracht. Dazu tragen auch andere Geschäftszweige wie der Tourismus, der Anbau von Arzneipflanzen und die Herstellung von Handarbeiten bei.

Kleine Kartoffelsamen mit großer Bedeutung: Wertvolles Erntegut: Pedro Condori Quispe erntet Kartoffelsamen.
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Kleine Kartoffelsamen mit großer Bedeutung: Wertvolles Erntegut: Pedro Condori Quispe erntet Kartoffelsamen.

Samenproduktion mühsam

Wenige Kilometer vom Versuchsfeld entfernt holt Pedro Condori Quispe aus einer der typischen, aus Lehmziegeln errichteten Hütte mehrere Säcke mit verschiedenen Kartoffelsorten. Nicht nur die Formen, auch die Farben des Fleisches unterscheiden sich. Diese Vielfalt zu erhalten, sei eine große Herausforderung und mit einem hohen Aufwand verbunden. In einem kleinen Gewächshaus neben dem Lagerhaus wachsen isoliert von der Außenwelt Kartoffeln, aus denen Samen gewonnen werden. Die Samenproduktion ist mühsam, aber notwendig, um die genetische Vielfalt langfristig zu sichern. Das Saatgut wird nicht nur im Internationalen Kartoffelzentrum aufbewahrt, sondern auch im internationalen Saatgut-Tresor auf der Insel Spitzbergen. Zuchtunternehmen aus der ganzen Welt greifen auf die alten, widerstandsfähigen Sorten zurück. Dass im Kartoffelpark die genetische Vielfalt bewahrt wird, müsste stärker honoriert werden, finden die Bewohner des Tales.

In der täglichen Ernährung der Peruaner ist die Kartoffel mehr und mehr von Reis und Mais verdrängt worden. Ziel des Kartoffelparks ist es deshalb auch, für die Kartoffel zu werben. Wegen des hohen Eiweiß- und Vitamingehaltes seien Kartoffeln sehr viel gesünder, heben die beiden Experten hervor. Einige Sorten stärkten zudem das Immunsystem und hätten heilende Eigenschaften. Über ihre Arbeit berichten die beiden Berater nicht nur Landwirten aus Peru, sondern auch internationalen Fachleuten, die häufig den Park besuchen. (SB)
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