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Verbio setzt bei Erzeugung von Bioenergie auf vielseitigen Rohstoffmix –
Interview mit Vorstandsvorsitzendem Claus Sauter


Agrarzeitung Ernährungsdienst 23. September 2006; Von Gisela Haas, Berlin

Die Verbio AG, Zörbig, will mit dem für Oktober vorgesehenen Börsengang mehrere 100 Mio. € für die Verdoppelung der derzeitigen Produktionskapazitäten sammeln. Vorstandsvorsitzender Claus Sauter erläutert gegenüber der Agrarzeitung Ernährungsdienst das Vorhaben.

Ernährungsdienst: Werden die neuen Werke auf der bisherigen Rohstoffbasis arbeiten?

Sauter: Grundsätzlich verfolgt Verbio eine Multifeedstock-Strategie. Das bedeutet, dass unsere Anlagen sowohl beim Biodiesel als auch bei Bioethanol nicht nur einen Rohstoff verarbeiten können. Bei unseren bisherigen Anlagen orientieren wir uns an den lokalen Gegebenheiten, was die Rohstoffverfügbarkeit betrifft. So können wir gegenwärtig nicht nur Roggen, sondern auch Weizen, Triticale und Gerste verarbeiten. Zukünftig soll ferner Mais eingesetzt werden können. Bei der Biodieselproduktion arbeiten wir gegenwärtig an neuen technischen Lösungen, die gleichfalls eine Verwendung verschiedenster Rohstoffe sicherstellen.

Wie stehen Sie zur Kritik an den Plänen der EU-Kommission, erneut Interventionsgetreide verbilligt für die Bioethanolproduktion auszuschreiben?

Sauter: Zunächst bleibt mir nichts anderes übrig, als die Kritik zu akzeptieren. Aber ich verstehe sie nicht. Objektiv gesehen ist diese Kritik nicht gerechtfertigt. Was ist schlecht daran, dass die Kommission die Möglichkeit eröffnet, Interventionsgetreide auch für die Verarbeitung zu Ethanol zu nutzen? Der letzte Roggen kam 2003 in die Intervention. Wie lange soll dieser Roggen noch gelagert werden und wer soll das bezahlen? Abgesehen davon waren die Preise für die Ethanolausschreibung durchgängig höher als für den Drittlands- oder Spanienexport und damit war es in der Vergangenheit auch eine wirtschaftlich sinnvolle Alternative. Die angespannte Getreidesituation auf den traditionellen Märkten wird entspannt und das Getreide wird einer sinnvollen, inländischen Verwendung zugeführt. Gegenwärtig wird über Gammelfleisch geredet und dann soll ernsthaft fünf Jahre alter, begaster Roggen wieder als Nahrungsmittel verwendet werden? Einem Benzinmotor ist es egal, wie alt das Getreide ist. Je früher die Interventionsbestände abgebaut sind, umso besser.

Abgesehen von den rein wirtschaftlichen Fakten begrüße ich das mit dieser Ankündigung implizierte klare Commitment der Kommission in Sachen Biokraftstoff. Die Kommission unterstreicht damit, dass die Verwendung von Getreide gegen die Widerstände der Mineralölwirtschaft als Bioethanol politisch gewollt ist und klare politische und strategische Unterstützung genießt. Dies ist angesichts der schwierigen vergangenen Monate bei Ethanol ein weiteres wichtiges Signal der Kommission und unterstützt einmal mehr die fundamentale, strategische Bedeutung biogener Kraftstoffe für die Zukunft der europäischen Agrarpolitik.

Wann und wo sollen die neuen Kapazitäten entstehen?

Sauter: Gegenwärtig analysieren wir die europäischen Agrar- und Kraftstoffmärkte nach neuen Geschäftsmöglichkeiten. Wir sehen Raum für eine weitere Ethanolanlage in Deutschland und erhebliche Kapazitäten für Ethanol in Ost- und Südosteuropa. Darüber hinaus besteht weiterhin ein großes Potenzial an weiteren Biodieselkapazitäten außerhalb Deutschlands. Entscheidend sind dabei die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den jeweiligen Mitgliedstaaten, die Rohstoffverfügbarkeit sowie die logistischen Möglichkeiten.

Wir wählen vollkommen pragmatisch unsere Standorte aus und machen keine Kompromisse. Verbio ist die Nummer eins bei der Herstellung und dem Vertrieb von Biokraftstoff in Europa – und das wollen wir auch bleiben. Investitionen für 300 bis 400 Millionen Euro sind geplant.

Sie beabsichtigen, die Entwicklung der Biokraftstoffe der zweiten Generation weiter voranzutreiben. Wie sieht die zweite Generation bei Verbio aus?

Sauter: Nach der gegenwärtigen Definition für Biokraftstoffe der zweiten Generation wird das von uns hergestellte Ethanol bereits diese Definition erfüllen. Nach der Implementierung unserer speziell auf den Einsatz von Getreideschlempe abgestimmten Biogasprozesse produzieren wir zukünftig nur noch Energie und haben damit eine höchstmögliche Energieausbeute aus dem eingesetzten Rohstoff.

Wann wird die zweite Generation das Ruder übernehmen?

Sauter: Die zweite Generation wird niemals das Ruder übernehmen. Wir sehen gerade die ersten Veränderungen an den Getreidemärkten – und jetzt wird es Zeit, über Alternativen nachzudenken. Ich habe immer betont, dass es keinen Sinn macht, über die Vergärung von Lignocellulosen nachzudenken, solange wir große Getreideüberschüsse haben. Aber das Ende der Überschüsse ist absehbar und jetzt geht es an die nächste Baustelle.

Ich vertraue ausschließlich auf den Markt und auf die Innovationskraft des deutschen Mittelstandes. Wenn die Rahmenbedingungen und die wirtschaftlichen Kennziffern stimmen, dann kommen neue Technologien ganz von alleine. Das Spiel geht weiter.
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