Hermann Steffen zur Getreideernte

Die deutsche Getreideernte ist fast unter Dach und Fach. Die Erzeugerpreise stimmen, die Landwirte sind zufrieden. Eine Getreideernte von rund 44 Mio. t wird zwar als unterdurchschnittlicher Jahrgang in die Annalen eingehen - unter den gegebenen Umständen war sie aber gut. Es wurde weitaus mehr vom Acker geholt, als sich nach Auswinterungsschäden von einer halben Million Hektar und ungünstigen Bedingungen im Frühjahr erwarten ließ. Die verzögerte Abreife der deutschen Weizenernte erwies sich als Glück, denn der durchwachsene Sommer mit herbstlicher Nässe, heftigen Gewittern oder kurzzeitigen subtropischen Temperaturen beeinträchtigte die Qualität nur wenig. Bei Raps blieb ein Desaster aus. Die Kultur ist immer wieder für Überraschungen gut. Wer im Frühjahr Prognosen über eine deutsche Rapsernte von 5 Mio. t abgegeben hätte, wäre wohl als unverbesserlicher Optimist belächelt worden.

Ende gut, alles gut - sollte man meinen, gäbe es da nicht die Sorgen der Veredelungsbetriebe über die hohen Futtergetreidepreise und die regionalen Fusarienprobleme im Südwesten und süddeutschen Raum. Doch das Gesamtbild bleibt positiv! Hierzulande zeichnen sich keine Versorgungsengpässe bei Getreide und keine wesentlichen Vermarktungsprobleme für Weizen ab. Um die 22 bis 23 Mio. t deutschen Weizen werden sich Mischfutterindustrie, Mühlen, Exporteure und das benachbarte Ausland gleichermaßen balgen. Im Gegensatz zum Vorjahr kristallisiert sich für Qualitätsweizen sogar wieder ein angemessenes Aufgeld heraus. Bei den häufig niedrigeren Proteinwerten des Backweizens werden die hochwertigen Partien benötigt, um die geforderten Exportqualitäten zu erreichen. Schließlich ist der deutsche Weizen im internationalen Geschäft bei den kleineren Ernten am Schwarzen Meer gefragt und über den schwachen Euro wettbewerbsfähig. Selbst für Gerste zeichnen sich gute Perspektiven im Export und bei der Verfütterung ab. Anziehende Futtergerstenpreise sind absehbar. Sie könnten sogar den dümpelnden Braugerstenpreisen nach der ungewöhnlich großen Sommergerstenernte Auftrieb verleihen.

Die Landwirte dürfen bei den fundamental festen Agrarmärkten erst einmal mit hohen Erzeugerpreisen rechnen. Angesichts der engen internationalen Versorgungslage bei Getreide und Ölsaaten sind noch keine dunklen Wolken an der Preisfront zu sehen. Die Rally bei Mais und Soja scheint noch nicht ausgestanden zu sein. Als Sturmtief könnte sich allerdings die einsetzende Debatte um Biosprit erweisen. Äußerungen profilierungssüchtiger deutscher Politiker verschiedener Couleur werden in Deutschland und in der EU wohl kaum eine Kehrtwende bei Bioethanol & Co auslösen. Doch in den USA scheinen ernsthafte Überlegungen aufzukommen, das Ethanol-Mandat im Hinblick auf die miserable Maisernte in den USA zu beschneiden. Dies könnte ein preisliches Donnerwetter auslösen, das höchstwahrscheinlich auch die heimischen Märkte empfindlich treffen würde.
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